Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Handlungsbereiche

„Zeit für Familie – Ansatzpunkte einer kommunalen zeitsensiblen Familienpolitik“ (Bochum)

Wie und in welchen Bereichen Kommunen aktiv werden können, um Familien zeitlich zu entlasten, stand am 17. September 2012 im Mittelpunkt einer Veranstaltung, die das IQZ im Auftrag des nordrhein-westfälischen Familienministeriums durchgeführt hat.
Zeitdruck und Zeitstress stellen für viele Familien ein erhebliches Problem im Alltag dar. Behördengänge, Schulaufgabenbetreuung, aber auch der Weg zur Arbeit werden beispielsweise oft als „Zeitfresser“ empfunden. Aber wie kann man den Zeitproblemen entgegentreten und was kann man tun, damit Familien wieder mehr Zeit für sich bekommen? Der achte Familienbericht hat hierzu verschiedene Impulse gesetzt und die Relevanz der kommunalen Ebene betont. Als wichtige Taktgeber haben Kommunen, aber auch Unternehmen, die Möglichkeit Familien in dieser Hinsicht zu entlasten. Zum Beispiel kann eine gelungene Abstimmung zwischen Betreuungs-, Geschäfts-, Behörden-, Bildungs- und Dienstleistungszeiten sowie den Takten des öffentlichen Nahverkehrs Zeitstress in den Familien verringern. Welche weiteren Wege und Möglichkeiten es gibt, wurde im Rahmen des Workshops ausführlich diskutiert.

 

Zeitsensible Familienpolitik: Warum ist sie wichtig und wo kann man ansetzen?

In dem einführenden Vortrag von Dr. Angelika Engelbert, Leiterin des IQZ, wurde deutlich, dass die Zeitstrukturen von Familien und die oftmals starren Zeiten von Betreuungseinrichtungen, Schulen und Dienstleistungsanbietern nicht immer zusammen passen. Dies gilt umso mehr, als von den erwerbstätigen Elternteilen oftmals viel Flexibilität im Hinblick auf ihre Arbeitszeiten verlangt wird. Es existiert ein Nebeneinander von flexiblen und starren Zeitstrukturen, was für Familien eine große Herausforderung bei der Alltagssynchronisation bedeutet. Für eine „zeitsensible örtliche Familienpolitik“ wäre es wichtig, dass nicht nur die örtlichen Zeittakte aufeinander abgestimmt werden. Für die Zeitkoordination und Alltagssynchronisation sind weiterhin ein familienfreundliches Wohnumfeld und eine gute Erreichbarkeit von familienbezogenen Infrastruktureinrichtungen wesentlich.

Zeitprobleme können über verschiedene Wege angegangen werden. Unterschieden werden dabei folgende Ansätze:

Zeitpolitische Ansätze betreffen eine sinnvolle Synchronisierung und Harmonisierung der Zeitstrukturen des öffentlichen Lebens. Hier ist insbesondere die Synchronisation der Öffnungszeiten von Verwaltung, Dienstleistern und Betreuungsangeboten zu nennen, aber zum Beispiel auch die Unterstützung bei Teilzeitausbildungsangeboten.

Raumpolitische Ansätze betreffen die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Hierzu gehören sowohl städtebauliche Maßnahmen als auch die Berücksichtigung der Situation von Familien bei planerischen und steuernden Maßnahmen.

Infrastrukturpolitische Ansätze betreffen das Angebot an lokaler Infrastruktur, sowohl bei privaten als auch bei öffentlichen Dienstleistungsanbietern. Beispiele für infrastrukturelle Angebote auf der lokalen Ebene sind Familienbüros, familienunterstützende Dienstleistungen oder Tauschringe.

Informationsbezogene Ansätze sollen eine bessere Transparenz der vorhandenen Angebote und Einrichtungen ermöglichen. Dazu gehören u.a. die Bedarfsermittlung und Informationen für Familien.

Bildungspolitische Ansätze leisten einen unterstützenden Beitrag zum Zeitbewusstsein und vermitteln Zeitkompetenzen.

Abschließend wies Dr. Angelika Engelbert darauf hin, dass „eine konsequente und bedarfsgerechte Weiterentwicklung kommunaler Familienpolitik prinzipiell auch zeitpolitisch relevante Strategien einschließen sollte“. Dabei gehe es weniger um „Zeitpolitik“, sondern eher um eine „zeitsensible Familienpolitik auf kommunaler Ebene“. Ein wichtiger Ansatzpunkt, um Zeitdruck und Zeitstress in den Familien zu verringern, kann dabei die konsequente Ausrichtung auf ein „kommunales Management für Familien“ sein.

Dazu wurden sechs erfolgreiche Beispiele aus der Praxis präsentiert, die dazu beitragen können, Zeitprobleme von Familien zu verringern.

 

Beispielhafte und erfolgreiche Praxisprojekte zur Kinderbetreuung außerhalb der Normalzeiten


Viele Väter und Mütter stehen immer wieder neu vor der Aufgabe, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Für Eltern von Schulkindern stellen die Ferienzeiten eine besondere Herausforderung dar. Denn nicht immer stehen in der Nähe wohnende Großeltern zur Betreuung der Kinder zur Verfügung und es haben auch nicht alle Eltern die Möglichkeit, ihren Urlaub in die Schulferien zu legen. In Altenberge bietet hier das Ferienprogramm „Sommersause“ einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ulrike Reifig vom Lokalen Bündnis für Familie in Altenberge stellte das umfangreiche Programm vor. Das Ferienprogramm wird während der sechswöchigen Sommerferien angeboten. Parallel zum Ferienprogramm gibt es in den ersten drei Wochen der Sommerferien eine verlässliche Kinderbetreuung von 8-16 Uhr. Diese richtet sich an Kinder der Offenen Ganztagsschule, aber auch an alle anderen Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Altenberger Unternehmen brachten sich erstmalig in diesem Jahr in das Ferienprogramm ein. Sie machten selbst Angebote und stellten sicher, dass das Ferienprogramm und die verlässliche Betreuung für die Kinder aller ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geöffnet wurde. Dadurch hatten auch Kinder, deren Eltern in Altenberge arbeiten, aber nicht wohnen, in diesem Jahr erstmalig die Möglichkeit, am Ferienprogramm teilzunehmen.

Ein besonders Kinderbetreuungsangebot für Familien im SGB II-Leistungsbezug stellte Sandra Brinkmann vom Jobcenter in Herne vor. Damit Eltern ungestört an Beratungsgesprächen oder Fortbildungen des Jobcenters teilnehmen können, hat man dort einen speziellen „Spielraum“ eingerichtet. Den Familien steht mit dem Spielraum eine von Fachpersonal geleitete Kinderbetreuung zur Verfügung. Die Kinder werden betreut, während die Eltern Termine wahrnehmen oder Veranstaltungen besuchen. Insbesondere Alleinerziehende haben so die Möglichkeit, ungestört an Maßnahmen des Jobcenters teilzunehmen und sich intensiv um eine Arbeitsaufnahme zu kümmern.

Berufstätige Eltern geraten insbesondere durch unvorhergesehene Situationen wie eine Krankheit des Kindes oder einen kurzfristigen Ausfall der Tagesmutter in Zeitnot. Der streng durchorganisierte Zeitplan gerät ins Wanken. Eine handfeste Unterstützung bietet für diesen Fall beispielsweise der Kreis Gütersloh für seine Beschäftigten an. Gemeinsam mit dem Landfrauen Service Gütersloh-Bielefeld in Ostwestfalen-Lippe hat der Kreis Gütersloh ein Kinderbetreuungsangebot organisiert, das diesen Eltern im Notfall Unterstützung anbietet. Unter dem Motto „Kinderbetreuung im Notfall. Wenn alle Stricke reißen…“ haben Beschäftigte der Kreisverwaltung Gütersloh die Möglichkeit, eine Notfalltagesmutter in Anspruch zu nehmen. Die Betreuung und Versorgung des Kindes findet in der Wohnung der Familie statt. Damit hat die Notfalltagesmutter den Status einer Kinderfrau. Die entstandenen Kosten für die Kinderbetreuung übernimmt die Kreisverwaltung.

 

Mehr Zeit für Familie: Beispielhafte erfolgreiche Entlastungsangebote


Gerade die erste Zeit mit einem Neugeborenen ist stets auch eine Zeit vieler Unsicherheiten und Herausforderungen. Junge Mütter sind oftmals auf sich allein gestellt, vor allem wenn soziale oder Nachbarschaftsnetzwerke nicht mehr vorhanden sind. Mit dem Projekt „Starthilfe – Zeit stiften für junge Mütter“ aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein erhalten junge Mütter durch ehrenamtliche Helferinnen Unterstützung. Das Projekt des Bezirksverbands der Siegerländer Frauenhilfen e.V. wurde initiiert auf Vorschlag der Verantwortlichen der Stiftung Zukunft der Sparkasse Siegen. Ziel des Projektes ist es, Frauen nach der Geburt eines Kindes mit alltagspraktischen Hilfen zu unterstützen, um den Start in das Leben mit dem Baby zu erleichtern, so die Koordinatorin des Projektes Karin Frerichs-Schneider. Dabei handelt es sich nicht um medizinische Hilfen, sondern um ganz praktische Dinge wie z.B. die Betreuung des Babys oder der Geschwisterkinder, damit die Mutter ein paar Stunden schlafen kann, oder auch Unterstützung bei der Organisation des Tagesablaufs. Das Angebot der Zeitstifterinnen ist kostenlos. Die einzige Voraussetzung ist, dass der Wohnort der Familie im Kreis Siegen-Wittgenstein liegt.

Dass die Unterstützung durch haushaltsnahe Dienstleistungen dabei helfen kann, den Alltag neu zu organisieren und Beruf und Familie zu vereinbaren, wurde in dem Beitrag von Ulrike Groth, Agenturleiterin der „dienstbar“ im Rhein-Kreis Neuss, deutlich. Der Dienstleistungspool der dienstbar ist ein Geschäftsbereich der Beschäftigungsförderungsgesellschaft mbH Rhein-Kreis Neuss. Die „dienstbar“ bietet ein umfangreiches Angebot an haushaltsnahen und familienunterstützenden Dienstleistungen an, das den Familien und berufstätigen Eltern zusätzliche Zeitfenster öffnet. Zeitstress kann hierdurch reduziert werden, und es werden Zeitressourcen geschaffen, die für die Familienzeit genutzt werden können. Konkret gehören folgende Dienstleistungen dazu:
  • Raumpflege (z.B. Treppenhausreinigung)
  • Betreuung (z.B. Familienservice, Begleitung außer Haus)
  • Einkaufsservice (z.B. Einkäufe, Medikamentenabholung)
  • Wäschepflege (z.B. Bügeln)
  • Alltagshilfe (z.B. Kochen)
  • Hilfe für Senioren (Betreuung zu Hause, Demenzbegleitung)
  • Babysitting
Das Angebot der „dienstbar“ unterstützt aber nicht nur Familien durch die zeitliche Entlastung, sondern schafft auch Arbeitsplätze. So sind alle Mitarbeiterinnen sorgfältig geschult und sozial- und unfallversichert.

Ein weiteres zeitliches Unterstützungsangebot für Familien sind Tauschringe. Hier helfen die Menschen einander je nach ihren Fähigkeiten. Getauscht wird nichts „Greifbares“, sondern Zeit gegen Zeit. Manfred Herrschaft, Vorstandssprecher vom Tauschring Bickern/Unser Fritz, stellte den Herner Tauschring vor. Dabei handelt es sich um eine Form der Nachbarschaftshilfe. Beim Herner Tauschring sind mittlerweile über 50 Menschen aktiv. Der Tauschring ist für jedermann offen, jede(r) bringt ein, was er bzw. sie kann. Die Personengruppen sind bunt gemischt, es macht sowohl der „...Hartz-IV-Empfänger, als auch die Friseurin oder der Professor mit – und das ist das Schöne“, sagte Herrschaft. Die angebotenen Dienstleistungen reichen von der Fahrradreparatur über Auto waschen, Hilfe bei Behördengängen oder PC-Reparatur über Kuchen und Plätzchen backen bis hin zur Kinderbetreuung oder dem Versorgen von Tieren. Der Zeitaufwand wird in „Talenten” gemessen. Eine Stunde sind 20 Talente und jeder, der mitmacht, hat ein Zeitkonto. Bei den Talenten gibt es keine Wertunterschiede. Eine Viertelstunde Autowaschen ist genauso viel wert wie eine Viertelstunde Fremdsprachenkurs. Gerade deswegen ist die Tauschbörse wirklich für jeden etwas, denn: „Jeder hat ein Talent, eine Fähigkeit!“

Dies alles zeigt: Projekte wie die Sommersause, der Spielraum in Herne und die Kinderbetreuung im Notfall können Eltern zeitlich entlasten oder eine Berufstätigkeit überhaupt erst ermöglichen. Die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten wie sie durch den Herner Tauschring, die „dienstbar“, oder das Projekt Starthilfe möglich werden, tragen dazu bei, dass mehr Zeit für die Familie bleibt.

Im Anschluss an die Vorträge fand in den Arbeitsgruppen ein Erfahrungsaustausch statt. Die Teilnehmenden diskutierten die Zeitprobleme in den Familien und trugen Unterstützungsmöglichkeiten zusammen.

 

Kooperation mit Unternehmen ist wichtig


Gerade die Kooperation mit Unternehmen spielt aus Sicht der Teilnehmenden eine wichtige Rolle. Die Arbeitswelt ist ein dominierender Taktgeber für Familien. In einigen Kommunen gibt es bereits Beispiele für eine gelungene Kooperation mit Unternehmen. Allerdings sind die Kooperationen nach Auffassung der Teilnehmenden noch ausbaufähig. Es bestünden zwar bereits viele Ansätze und Maßnahmen (Ferienbetreuung, Notfallservice , Betriebskindertagesstätten, familienfreundliche Arbeitszeiten), allerdings bei weitem nicht flächendeckend. Eine intensivere Zusammenarbeit wäre hier besonders wichtig. Allerdings, so stellten die Teilnehmenden fest, gestalte sich die Zusammenarbeit mit Unternehmen oftmals schwierig, weil das „Wissen darüber, wie Unternehmen ticken, fehlt“. Hier wünschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr Unterstützung, insbesondere auch, was die Ansprache und Gewinnung von Unternehmen betrifft.

Diskutiert wurde auch, dass die Kommunikation der Kommunen mit den Unternehmen am besten dort anknüpft, wo sich bereits etwas bewegt. Dabei stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest, dass gelungene Kooperation einen Mehrwert für alle Beteiligten darstellen könne, weil Abläufe erleichtert und Kosten verringert werden. Insgesamt betonten die Teilnehmenden, dass es sich um eine langfristige Aufgabe handelt, die nur in kleinen Schritten erfolgen kann.

 

Betreuungslücken schließen


Wie bereits mehrfach angesprochen, kann die Betreuung der Kinder in vielen Fällen zum Problem werden. Lösungsansätze bieten auch flexible und neue Modelle der Kindertagespflege oder Großtagespflegestellen. Sie können nach Auffassung der Teilnehmenden Kindertagesstätten entlasten und mehr zeitliche Flexibilität ermöglichen. Hierbei sei eine Abstimmung und Kooperation zwischen beiden Betreuungsformen oftmals zusätzlich gewinnbringend. Für kleinere Kommunen sei die Kooperation mit Unternehmen bei der Schaffung von Kinderbetreuungsangeboten häufig schwierig - hier könne eine Zusammenarbeit mit Nachbarkommunen sinnvoll sein.

Die flexiblen und ausgeweiteten Betreuungsangebote müssten, um Familien tatsächlich zeitlich entlasten zu können, jedoch vor allem eines im Blick behalten: die Qualität der Betreuung! Denn Familien würden solche Angebote nur dann in Anspruch nehmen, wenn sie ihr Kind gut aufgehoben wissen. Zur Qualität der Kinderbetreuung gehöre unter anderen auch die Kontinuität in der Betreuung, weshalb einige Teilnehmenden die Inanspruchnahme von Notfallbetreuungen als eher gering einschätzten. Hier stelle sich die Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation solcher Angebote.

Insgesamt waren sich die Teilnehmenden einig, dass die Lösungen bestehender Betreuungsprobleme Kreativität erfordern, aber grundsätzlich möglich sind.


Autorin

Melanie Siegel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.

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