Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Soziale Netzwerke

Bürgerschaftliches Engagement für Familien

von Angelika Engelbert

Das Unterstützungssystem für Familien lebt auch vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Welche erfolgreichen Ansätze es zum Beispiel in Köln, Kamen, Mülheim und Essen gibt, zeigten die Referentinnen und Referenten im Workshop am 28. März 2012.
Immer wieder wurde in den Workshops der letzten Jahre die außerordentliche Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements für die kommunale Familienpolitik betont. Am 28. März 2012 stand das Thema daher im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. Insgesamt 30 interessierte Fachleute und Engagierte waren der Einladung des Informations- und Qualifizierungszentrums in die Jugendherberge Köln-Deutz gefolgt. Dabei galt es zunächst, die Begriffsvielfalt und ihre Hintergründe nachzuvollziehen. Schon seit längerem gilt der ältere Begriff des „Ehrenamts“ nicht mehr als passend, denn „Ehre“ steht nicht im Vordergrund der Motivation und auch ein „Amt“ übernehmen die wenigsten freiwillig Tätigen. Eher spricht man mittlerweile vom „bürgerschaftlichen Engagement“, um deutlich zu machen, dass es hier um Beiträge des nicht-staatlichen Bereichs geht. Umfragen haben wiederum gezeigt, dass die Engagierten selbst am ehesten von „Freiwilligenarbeit“ sprechen, wenn sie sich unentgeltlich einbringen.

 

Freiwilligenagenturen aktivieren vorhandene Potentiale

Der einführende Vortrag von Ulla Eberhard von der Kölner Freiwilligen Agentur e.V. machte zunächst Mut: alle Umfragen zeigen dass es ein recht großes ungenutztes Potenzial für das bürgerschaftliche Engagement gibt. Dabei ist von einer Drittelung der Bevölkerung die Rede: ein Drittel engagiert sich, ein weiteres (gutes) Drittel ist nicht engagiert und hat auch kein Interesse daran und ein (knappes) Drittel wäre durchaus bereit, Engagement zu zeigen ist allerdings noch nicht aktiv. Auch die Liste der beliebtesten Engagementbereiche lässt hoffen: besonders beliebt sind nämlich diejenigen Betätigungsfelder, von denen vor allem Familien profitieren können: Sport und Freizeit, Kinder und Jugendliche, Soziales/Gesundheit und Pflege werden besonders gerne für das eigene Engagement gewählt.

Aus der Sicht der Freiwilligen ist eine freiwillige Arbeit vor allem dann interessant, wenn...

-    ...Vielfalt und ein Aufgabenmix geboten werden,
-    ...sich Wahlmöglichkeiten stellen,
-    ...die eigene Aufgabe nicht isoliert erlebt wird, sondern in einen Zusammenhang gestellt werden kann,
-    ...der Sinn der Tätigkeit erfahrbar ist,
-    ...Integration und Kontakte möglich sind,
-    ...Weiterbildung und Weiterentwicklung möglich sind.

Damit stellen sich wichtige Herausforderungen für die Einsatzstellen, aber auch für die Vermittlungsagenturen. Diese sollten klare Aufgabenprofile bieten, die den Interessierten einen Einblick in die Anforderungen ihrer Tätigkeiten ermöglichen. Sinnvolle Aufgabenprofile berücksichtigen einerseits die Aufgabenbeschreibungen der Hauptamtlichen und der Organisation. Andererseits nehmen sie aber auch Bezug auf die Kompetenzen und Wünsche der Freiwilligen.

Das alles zeigt: Aktive Rekrutierungsbemühungen machen Sinn, sie sollten sich allerdings an den Gegebenheiten vor Ort und an den jeweiligen Zielgruppen orientieren. Lokale Freiwilligenagenturen bieten in diesem Zusammenhang wichtige Serviceleistungen: sie beraten sowohl die Einrichtungen als auch die Freiwilligen, sie betreiben sektorübergreifende Werbung und ermöglichen eine passgenaue Vermittlung.

 

Was durch Engagement alles auf den Weg gebracht werden kann: die Familienbande in Kamen

In Kamen ist durch das Engagement einer Gruppe von Familien ein „offenes Haus für Familien“ mit einer Fülle von Angeboten und Möglichkeiten entstanden. Tanja Brückel, eine der Mitbegründerinnen und selbst immer noch aktiv dabei, schilderte in ihrem Beitrag die Entwicklung dieses Hauses im Verlaufe der letzten sechs Jahre.

Ausgangspunkt war die gemeinsame Feststellung der Gründerfamilien, dass im Heimatort eine Anlaufstelle für Familien fehlt, vor allem als „Auffangmöglichkeit“ in schwierigen Familiensituationen. Gemeinsames Ziel wurde die Schaffung eines Begegnungs- und Erlebnisortes für Frauen und Männer, für Eltern, Kinder und Senioren, für Menschen mit Migrationshintergrund und für Menschen mit geistigen, körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen.

Ein solches Haus war aus Sicht der Kommune zwar wichtig, galt aber (als freiwillige Leistung)  nicht als finanzierbar. Die Familien haben trotzdem mit der Arbeit begonnen. Aus einem renovierungsbedürftigen Haus, jeder Menge Eigenarbeit und der geschickten Nutzung von Finanzierungsquellen entstand im Laufe der Jahre die offene Anlaufstelle mit einem Cafe als Herzstück. Angeboten werden dort zurzeit Fachvorträge, Infoabende, Eltern-Kind-Gruppen, Sportgruppen, Geburtsvorbereitung und vieles andere mehr. Die Initiative hat als Informationsbroschüre zum familienpolitischen Angebot in Kamen einen Familienkompass erstellt und finanziert, den die Stadt mittlerweile übernommen hat. Großer Wert wurde und wird grundsätzlich auf die finanzielle Unabhängigkeit gelegt.

Das Haus dient als allgemeine Anlauf- und Informationsstelle für Familien, aber auch als eine Art „Projektmotor“. Hier arbeiten einzelne Teams an der Neuentwicklung von Ideen und es existiert mittlerweile auch eine enge Kooperation mit den zuständigen Stellen in der Verwaltung. Gerade das offene Konzept – so Tanja Brückel – ermöglicht dabei den unkomplizierten Zugang zu den Familien, die Unterstützung benötigen.

Aktuell wird dieses Haus erweitert. Als Mehrgenerationenhaus mit integrierter Familienbildungsstätte und einer angegliederten Kindertagesstätte, mit stationärer Kindertagespflege wird in den nächsten Jahren das Angebot in den nächsten Jahren ergänzt werden.

Der Beitrag zeigte eindrücklich, was durch bürgerschaftliches Engagement möglich ist und dass durch konsequente Arbeit nachhaltige Strukturen geschaffen werden können. Er machte aber auch die Grenzen dieser Form von Unterstützung deutlich: viele der Engagierten investierten in den letzten Jahren große Anteile ihrer Freizeit in den Auf- und Ausbau des Hauses. Auf der anderen Seite muss jedoch auch gesehen werden, dass letztlich alle Seiten profitiert haben: die Familien, die dieses Haus nun nutzen können und die Freiwilligen selbst. So stehen viele der engagierten Frauen zum Beispiel in der mittleren Lebensphase und suchen nach einer Familienpause neue berufliche Betätigungsmöglichkeiten. Sie erwerben durch ihre Arbeit bei der „Familienbande“ nicht nur neue Kompetenzen, einige von ihnen haben dort mittlerweile auch eine bezahlte Beschäftigung gefunden. Außerdem besteht die Chance, die eigene Stadt mitzugestalten. „Viel zu häufig wird vergessen, dass das Engagement eine win-win-Situation ermöglicht“, so Tanja Brückel.

Auch diese Sicht auf das bürgerschaftliche Engagement sollte aufgegriffen und für die Motivierung der Freiwilligen genutzt werden.

 

Freiwillige als Partner der Bildungsnetzwerke im Stadtteil

Über ehrenamtliches Engagement in Mülheim berichteten die beiden Stadtteilkoordinatoren Dr. Sonja Clausen und Dr. Michael Maas. Ehrenamtliches Engagement spielt im Projekt „Bildungspartnerschaften“ in den Mülheimer Stadtteilen Eppinghofen und Styrum eine ganz entscheidende Rolle. Ziel der Arbeit ist es, die Bildungskarrieren von Kindern in den beiden Stadtteilen zu verbessern. Am Anfang steht hier eine gemeinsame Erklärung aller im Stadtteil tätigen (bis zu 30) Partner des Bildungsnetzwerkes. In Eppinghofen bilden ungefähr 30 Kitas, Schulen, Familienbildungseinrichtungen, Wohlfahrtsverbände u.v.m. eine „stadtteilorientierte Verantwortungsgemeinschaft“. Eine Vielfalt von Initiativen und Angeboten soll dazu beitragen, dass die Bildungschancen im Stadtteil ansteigen. Konkret gehören zum Beispiel die folgenden Maßnahmen dazu:

-    Elterncafés
-    Lesepatenschaften
-    Bildungsabende
-    Erstellung von Informationsmaterial
-    Spiel, Sport und Bewegungsangebote
-    Werkstattwochen

Bei den meisten dieser Aktivitäten spielt die Unterstützung durch ehrenamtlich engagierte Menschen aus dem Stadtteil eine unverzichtbare Rolle. So ermöglichen Mütter als „Brückenbauer“ den Zugang zu solchen Familien, die ansonsten kaum erreicht werden können. Dies ist vor allem für die Einbeziehung von Familien mit Migrationshintergrund enorm wichtig. Hierbei haben sich kleinere Aufwandsentschädigungen als hilfreich erwiesen, um die Frauen zu gewinnen und zu halten. Für viele Engagierte selbst hat ihre Tätigkeit eine Bedeutungsaufwertung mit sich gebracht. Als ganz wichtig stellten die Referenten heraus, dass sowohl für die Familien als auch für die ehrenamtlich Engagierten klare Rahmenbedingungen gegeben sein müssen. Diese betreffen zum Beispiel die Räumlichkeiten, Ansprechpartner und das Vorgehen bei Notfällen.

 

Bürgerschaftliches Engagement verhilft zu Lebenschancen: Paten für Arbeit in Essen

Seit mittlerweile 14 Jahren gibt es in Essen den Verein „Paten für Arbeit“, über dessen Initiativen Günter Herber informierte. Ziel ist die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Erreicht werden soll das dadurch, dass Jugendliche dabei unterstützt werden, einen Ausbildungsplatz zu finden und die Ausbildung erfolgreich abzuschließen.

In einem Zeitraum von 4-5 Jahren begleiten geschulte ehrenamtliche Patinnen und Paten deshalb junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Dabei findet eine enge Kooperation mit einzelnen Schulen statt und es sind auch die Lehrer, die die Jugendlichen vorschlagen und die Ansprechpartner für Schüler und Paten bleiben. Die Patinnen und Paten bieten den Jugendlichen die Möglichkeit zum Gespräch, zur Begleitung und Beratung, sie können bei Konflikten mit Eltern oder Ausbildungsbetrieb schlichten und stehen bei allen Fragen und Problemen zur Verfügung. Wichtig ist dabei ein enger Kontakt mit dem Elternhaus, aber auch mit den Einrichtungen und Verbänden auf dem Ausbildungsmarkt.

Inzwischen zählt der Verein 424 Mitglieder, zu denen in Essen traditionell auch der Oberbürgermeister gehört. Im Laufe der letzten Jahre haben sich 231 Männer und Frauen – zunehmend übrigens im mittleren Lebensalter – engagiert. Aktuell sind 110 Patinnen und Paten aktiv, die 130 Jugendliche betreuen. Bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss bzw. zum Übergang zu einem höheren Schulabschluss wurden insgesamt bereits 199 Jugendliche begleitet.

Die Stadt Essen unterstützt den Verein durch die Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten und einen geringen finanziellen Betrag. Eine inhaltliche Einflussnahme findet nicht statt. Die (finanzielle) Unabhängigkeit ist den Mitgliedern wichtig, Mitgliedsbeiträge und Spendengelder bilden die Finanzierungsgrundlage.

Auch hier zeigt sich, dass die Freiwilligen selbst von ihrer Arbeit profitieren. Sie wollen mitverantwortlich sein, eine Bedeutung für bestimmte einzelne Menschen haben und gleichzeitig auf Probleme und Angebotslücken hinweisen. „Die Paten gewinnen mehr als sie geben“. Mit diesem Satz brachte Günter Herber auf den Punkt, dass auch er hier vor allem eine win-win-Situation sieht.

Im Anschluss an die Vorträge fand in den Arbeitsgruppen ein Erfahrungsaustausch statt. Die Teilnehmenden diskutierten Unterstützungsmöglichkeiten für junge Familien und trugen Vorschläge zur Rekrutierung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements zusammen.

 

Wie können junge Familien durch das Ehrenamt unterstützt werden?

Gerade für junge Familien ist aus der Sicht der Teilnehmenden eine Unterstützung und Begleitung bei der Alltagsbewältigung sehr wichtig. Die besonderen Stärken des bürgerschaftlichen Engagements (u.a. persönliche Nähe, flexible zeitliche Ressourcen) können in der Arbeit mit jungen Familien viel bewegen. Das bürgerschaftliche Engagement in diesem Bereich sei allerdings noch ausbaufähig. Es bestünden zwar bereits viele Ansätze und Maßnahmen, diese würden jedoch eher unabgestimmt nebeneinander stehen. Eine Zusammenführung der Angebote wäre hier besonders wichtig. Ehrenamtliches Engagement könne eine sinnvolle Ergänzung zur Arbeit des Jugendamtes sein, „...sie kann und darf diese aber nicht ersetzen“ – so eine Teilnehmerin. Dies verlange eine permanente Gratwanderung, bei der eine professionelle Schulung und Fortbildung der Ehrenamtlichen eine wichtige Rolle spiele.

Diskutiert wurde auch das Problem der mangelnden Erreichbarkeit von bildungsfernen Schichten: Trotz niedrigschwelliger Ausrichtung sei es teilweise schwer, diejenigen Familien zu erreichen, die von einer Entlastung besonders profitieren könnten. Die Ehrenamtlichen könnten hier auch eine Art „Türöffner“ zu den professionellen Diensten sein.

Auch die Grenzen des bürgerschaftlichen Engagements kamen zur Sprache: eine Überforderung der Ehrenamtlichen müsse vermieden werden. Vor allem die bereits engagierten Menschen würden häufig immer noch weiter gefordert und einbezogen. Darunter litten sowohl die Engagierten als auch die Qualität der Arbeit.

 

Worauf kommt es bei der Förderung des Engagements an?

Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und ein gezieltes Vorgehen (auch über neue Medien) wurden als wichtige Schlüssel zum Erfolg bei der Rekrutierung von Ehrenamtlichen gesehen. Daneben sei aber auch eine persönliche Ansprache von interessierten Personen und vor allem von Multiplikatoren sinnvoll. Grundsätzlich sollten Erfolge des Engagements deutlicher kommuniziert und alle sich bietenden Gelegenheiten genutzt werden, um Einsatzmöglichkeiten vorzustellen.

Um die Bedeutung des Engagements für die Kommune besser vermitteln zu können, sei es sinnvoll, auf externe Expertise zurückzugreifen. Mehr Bereitschaft versprach man sich auch davon, einerseits stärker an den Interessen und Kompetenzen der Freiwilligen anzusetzen und andererseits die Vorgaben und Anforderungen der Institutionen durch die Erstellung von Profilen transparent zu machen. Durch gegenseitige Informationen, durch die Erstellung und Pflege von Datenbanken und vor allem durch regelmäßige Treffen könne im Übrigen das Verständnis füreinander und eine sinnvolle Kooperation verbessert werden. Ein Hindernis auf dem Weg zur Realisierung dieser Ziele sei allerdings die immer noch existierende Konkurrenz zwischen den Trägern und Institutionen. Die Teilnehmenden waren sich einig: Hieran muss gearbeitet werden.


Autorin:

Angelika Engelbert
Leiterin des Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.

Erstellungsdatum: 03.05.2012
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