Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Integration

Familien mit Zuwanderungsgeschichte: Wohnsituation, Wohnumfeld und Segregation

von Annett Schultz

Zur Wohnsituation von Familien mit Migrationshintergrund bzw. Zuwanderungsgeschichte gibt es in Deutschland ausgesprochen wenige empirische Studien, insbesondere wenn Fragen der Wohnsituation und des Wohnumfelds mit Fragen der sozialen und ethnischen Segregation von Migrantinnen und Migranten in der Stadtgesellschaft verbunden werden. Daten von Familienbefragungen in 15 nordrhein-westfälischen Kommunen können diese Lücke ein Stück weit schließen.
Aufgrund ihrer Kleinräumigkeit bieten die Daten der Familienbefragungen, die in 13 nordrhein-westfälischen Kommunen und zwei Kreisen zwischen 2005 und 2007 durchgeführt wurden, eine ausgesprochen gute Datenbasis, um diese Zusammenhänge empirisch detaillierter zu betrachten.Um Effekte segregierter Wohnquartiere erfassen zu können, unterscheiden wir bei den folgenden Analysen nicht nur zwischen Familien unterschiedlicher Migrantengruppen und Familien ohne Migrationshintergrund, sondern auch zwischen Stadtteilen mit niedrigen und hohen Anteilen an Migrantenfamilien. In den 15 Stadtteilen mit niedrigen Anteilen an Migrantenfamilien haben lediglich zwischen fünf und elf Prozent der im Stadtteil lebenden Familien einen Migrationshintergrund. In den 15 Stadtteilen mit hohem Anteil an Migrantenfamilien sind zwischen 37 und 68 Prozent der Familien Migrantenfamilien. In dieser letzten Gruppe ist demnach bereits eine hohe Konzentration von Migranten erkennbar. Diese Stadtteile liegen zumeist eher zentrumsnah in den jeweiligen Kommunen. Stadtteile mit nur geringen Anteilen an Familien mit Migrationshintergrund hingegen sind häufig in Stadtrandlagen zu finden. Die Stadtteilgruppen werden im Folgenden stellvertretend für vergleichbare Stadtteile mit hoher bzw. niedriger Prägung durch Migrantenfamilien analysiert.

 

Die Wohnsituation von Familien mit und ohne Migrationshintergrund im Vergleich

Familien mit Migrationshintergrund sind hier definiert als Familien mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren und mit mindestens einem Elternteil mit Migrationshintergrund. D.h.: Mindestens ein Elternteil hat eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit, mindestens ein Elternteil hat neben der deutschen eine zweite Staatsangehörigkeit oder mindestens ein Elternteil ist außerhalb Deutschlands geboren.Die Ergebnisse der Familienbefragungen zeigen über alle Projektkommunen hinweg, dass die Wohnsituation von Familien mit Migrationshintergrund im Durchschnitt schlechter ist als von Familien ohne Migrationshintergrund. Das gilt für alle Merkmale der Wohnsituation gleichermaßen. Migrantenfamilien wohnen in engeren, vergleichsweise teureren Wohnungen, verfügen seltener über Wohneigentum und zahlen anteilig am Haushaltseinkommen höhere Mieten. Im Mittel der Projektkommunen beispielsweise zahlen Migrantenfamilien in Mietwohnungen 31 Prozent ihres monatlichen Nettoeinkommens für Miete, Familien ohne Migrationshintergrund hingegen durchschnittlich 27 Prozent. Die Eigentümerquote liegt unter Familien ohne Migrationshintergrund bei 54 Prozent und unter Familien mit Migrationshintergrund bei 33 Prozent.

Am deutlichsten zeigt sich die Schlechterstellung von Migrantenfamilien am Wohnungsmarkt aber hinsichtlich der Wohnfläche und der hierfür aufzubringenden Kaltmiete. So liegt in den Projektkommunen die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Migrantenfamilien bei 22,2 Quadratmetern und die durchschnittliche Kaltmiete bei 5,99 Euro pro Quadratmeter. Die vergleichbaren Werte für Familien ohne Migrationshintergrund sind eine durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 28,8 Quadratmetern und 5,66 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Migrantenfamilien bezahlen demnach für deutlich beengtere Wohnverhältnisse einen im Durchschnitt höheren Preis.

 

Unterschiede nach Migrantengruppen

Betrachtet man verschiedene Komponenten der Wohnsituation etwas detaillierter nach unterschiedlichen Herkunftsländern, so werden ganz spezifische Unterschiede innerhalb der Gruppe der Migrantenfamilien sichtbar (vgl. Abbildung 1). Dafür haben wir die entsprechenden Angaben so transformiert, dass der Durchschnitt über alle Gruppen gleich Null gesetzt wird und die mittlere Abweichung der Einzelwerte gleich eins ist. So entstehen für die vier betrachteten Gruppen Profile, anhand derer die einzelnen Merkmale für die jeweilige Gruppe als unter- oder überdurchschnittlich eingeordnet und zwischen den Gruppen miteinander verglichen werden können.

Überdurchschnittlich enge Wohnverhältnisse lassen sich insbesondere für Familien mit türkischem Migrationshintergrund erkennen. Am geringsten ausgeprägt sind die Unterschiede zu Familien ohne Migrationshintergrund hingegen für Haushalte mit polnischem Migrationshintergrund. Für Haushalte mit russischem Migrationshintergrund bzw. aus anderen GUS-Staaten lassen sich mittlere Werte erkennen, die aber dennoch unterhalb des Durchschnitts aller Familien liegen.Darüber hinaus lassen sich zwischen den Migrantengruppen deutliche Unterschiede hinsichtlich der Wohndauer nachweisen. Hinsichtlich dieser Merkmale unterscheiden sich Haushalte mit türkischem Migrationshintergrund am wenigsten von Haushalten ohne Migrationshintergrund. Die Wohndauer in der Stadt bzw. im Kreis liegt für diese Haushalte nur etwas unter dem Durchschnitt aller Haushalte. Auch hinsichtlich der Wohndauer in der Wohnung zeigen sich nur geringe Unterschiede.Sehr viel deutlicher fallen die Unterschiede für die Haushalte der beiden anderen Migrantengruppen aus. Insbesondere für Haushalte mit russischem Migrationshintergrund bzw. aus anderen GUS-Staaten lassen sich deutlich unterdurchschnittliche Werte für die Wohndauer in der Stadt bzw. im Kreis erkennen, was auch darin begründet ist, dass diese Familien häufig noch nicht so lange in Deutschland leben.

 

Familienstrukturen und ethnische Segregation

Die Wohnsituation von Familien mit Migrationshintergrund wird häufig nur mit Blick auf die räumliche Konzentration von Migrantenfamilien in bestimmten Stadtquartieren diskutiert. „Parallelgesellschaften“ oder „Ghettoisierung“ sind öffentlichkeitswirksame Schlagworte zur Artikulation von Ängsten, die in diesen oft sehr kontrovers geführten Diskussionen zum Ausdruck kommen. Segregation als Charakteristikum von modernen Städten ist aus soziologischer Sicht aber nur problematisch, wenn sie zur Verfestigung oder Verstärkung soziodemographischer Ungleichheit und Benachteiligung sowie zum sozialen Ausschluss von Bevölkerungsgruppen innerhalb der Stadt führt.
Daher stellt sich die Frage, ob es nicht eher soziale und demographische Selektions- und unfreiwillige Segregationsprozesse sind, die zu einer Konzentration von Migrantenfamilien in bestimmten Stadtteilen führen und Aspekte freiwilliger ethnischer Segregation als Ausdruck einer bewussten Abschottung in den öffentlichen Diskussionen überbetont werden.

Vergleicht man Stadtteile mit niedrigen und hohen Migrantenanteilen und unterscheidet innerhalb dieser Stadtteilgruppen die Familienstrukturen von Familien mit und ohne Migrationshintergrund, so zeigt sich sehr deutlich eine Verbindung von demographischer und ethnischer Segregation (vgl. Tabelle 1).

Die Anteile der Alleinerziehenden beispielsweise sind in Stadtteilen mit hohen Anteilen an Migrantenfamilien sowohl unter den Familien mit als auch unter den Familien ohne Migrationshintergrund signifikant höher als in Stadtteilen mit niedrigen Migrantenanteilen. Für kinderreiche Familien lässt sich nur bedingt ein vergleichbarer Effekt erkennen. Hier fällt aber auf, dass kinderreiche Familien mit drei oder mehr Kindern unter 18 Jahren im Haushalt anteilig am häufigsten unter den Migrantenfamilien in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Migrantenfamilien zu finden sind.Ein Zusammentreffen von demographischen und ethnischen Effekten lässt sich auch für spätere Familienphasen erkennen. Das Alter des jüngsten Kindes in der Familie erlaubt dabei Rückschlüsse auf die Familienphase: Bei Familien mit Kindern unter drei Jahren handelt es sich zumeist um junge Familien, Familien mit jüngsten Kindern im Alter von 14 bis unter 18 Jahren hingegen sind bereits in einer späteren Familienphase. Es zeigt sich, dass sowohl Familien ohne als auch Familien mit Migrationshintergrund in einer späteren Familienphase anteilig etwas häufiger in Stadtteilen mit einem niedrigen Migrantenanteil leben. D.h. auch Migrantenfamilien verlassen in späteren Familienphasen die innerstädtischen Stadtteile bzw. ziehen in Stadtteile in besseren Wohnlagen um, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.

 

Lebensbedingungen und ethnische Segregation

Dennoch ist in den Stadtteilen mit niedrigen Migrantenanteil der Anteil der Migrantenfamilien mit älteren Kindern deutlich niedriger als unter Familien ohne Migrationshintergrund. Dies liegt insbesondere an der Kumulation sozialer und ethnischer Segregationsprozesse, denn nur wenige Migrantenfamilien können sich einen solchen Umzug tatsächlich leisten (vgl. Tabelle 2). Dies wird besonders anhand der deutlich höheren Anteile der armen Migrantenfamilien und der im Durchschnitt deutlich geringeren Einkommen der Migrantenfamilien ersichtlich.Zugleich zeigt sich aber auch, dass auch für Familien ohne Migrationshintergrund in den Stadtteilen mit einem hohen Migrantenanteil, also den so genannten „Problemquartieren“, eine größere Armutsbetroffenheit und durchschnittlich geringere Einkommen nachzuweisen sind. Hintergrund dieser höheren Armutsbetroffenheit in diesen Stadtteilen sind sowohl für Familien mit als auch für Familien ohne Migrationshintergrund die geringere Erwerbseinbindung, d.h. insbesondere höhere Arbeitslosenquoten. Besonders bedeutsam in diesem Zusammenhang ist aber der im Durchschnitt deutlich niedrigere formale Qualifikationsstatus der Eltern in diesen Familien.

 

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es heute die zu beobachtende zunehmende Korrelation von ethnischer, demographischer und sozialer Segregation ist, die letztlich zu einer Konzentrationen von Migrantenfamilien führt. Es handelt sich hierbei häufig um unfreiwillige Segregation, d.h. das Zurückbleiben sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen in bestimmten Stadtgebieten. Die in diesen Stadtteilen häufig kumulierenden sozialen Benachteiligungen betreffen insbesondere Familien und besonders häufig Migrantenfamilien.

Die Ergebnisse der Familienbefragungen zeigen aber auch, dass die Wohnsituation und das Wohnumfeld - trotz der vergleichsweise schlechteren Wohnsituation - von Migrantenfamilien im Durchschnitt besser bewertet werden als von Familien ohne Migrationshintergrund. Dies gilt, obwohl für den Lebensalltag von Migrantenfamilien Wohnumfeldqualitäten, wie ein kindgerechtes Wohnumfeld oder die Anbindung an Bus und Bahn, nachweislich wichtiger sind und durch diese Familien auch höher bewertet werden.
Hier wirkt wiederum die enge Korrelation von sozialen und ethnischen Merkmalen, denn gerade für ärmere Familien decken sich Sozial- und Beziehungsraum stärker mit dem Nahraum des Wohnortes. Da Familien mit Migrationshintergrund anteilig deutlich häufiger von Armut betroffen sind, sind Wohnumfeldqualitäten gerade für diese Familien bedeutsam. Verbesserungen der Wohnumfeldqualitäten, nicht nur, aber besonders in so genannten „Problemquartieren“, sind daher insbesondere für Migrantenfamilien wichtig.
Übergreifend zeigt sich, dass die Integration von Migrantenfamilien in erster Linie eine soziale Aufgabe ist und erst in zweiter Linie auch kulturelle Komponenten berücksichtigen sollte.


Autorin:

Annett Schulz
Geschäftsführerin der FaktorFamilie GmbH in Bochum.


Erstellungsdatum: 11.12.2008
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