Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadtentwicklung

Spielleitplanung: Partizipation in der räumlichen Planung

von Vanessa Gaffron

Im Rahmen der Spielleitplanung werden Kinder und Jugendliche an Prozessen der räumlichen Planung beteiligt. Dabei werden konkrete Handlungsbedarfe identifiziert und entsprechende Maßnahmen umgesetzt.

 

Mehr als nur Spielplätze: Aufenthaltsorte für Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche nutzen und erleben ihr Umfeld besonders intensiv. Dabei haben sich die räumlichen Bedingungen des Aufwachsens stark gewandelt: eine hohe Bebauungsdichte, zunehmender Verkehr und eine Spezialisierung der Nutzung öffentlicher Räume schränken Kinder- und Jugendliche in ihrer Freizeitgestaltung ein.

Das Spielen auf Straßen, Wegen und Plätzen, wie es früher selbstverständlich war, ist nicht mehr gefahrlos zu realisieren und frei gestaltbare (Natur-)Räume sind oftmals nicht selbstständig zu erreichen.  Eine ausreichende Anzahl an qualitativ hochwertigen Spielplätzen ist dabei nicht genug – Kinder und Jugendliche erfahren und erleben ihre Umwelt als ganzheitlichen Lebensraum. Die Schaffung und Gestaltung einer familiengerechten räumlichen Struktur ist daher eine zentrale Aufgabe der kommunalen Familienpolitik. Die Spielleitplanung bietet hier einen Prozess an, der diese Entwicklung strategisch vorantreibt.

 

Spielleitplanung – was ist das?

Die Spielleitplanung wurde als strategisches Instrument 1999 von der Landesregierung Rheinland-Pfalz im Rahmen des Aktionsprogramms "Kinderfreundliches Rheinland-Pfalz" entwickelt und in sieben Modellgemeinden durchgeführt. Seitdem findet sie auch in Kommunen anderer Bundesländern Anwendung: in Nordrhein-Westfalen haben bereits 15 Kommunen eine solche kindgerechte Planung als Maxime ihrer Stadtentwicklung eingeführt. Das Kernelement der Spielleitplanung ist dabei die enge Verzahnung von räumlicher Planung und Partizipation von Kindern und Jugendlichen als Experten in eigener Sache.



Ziel der Spielleitplanung ist darüber hinaus die verbindliche Zusammenarbeit von Politik, Planern und Akteuren der Kinder- und Jugendhilfe. Damit soll sichergestellt werden, dass bei der gesamträumlichen Entwicklung der Stadt die Sicht der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt wird und die finanziellen Mittel effizient dort eingesetzt werden, wo wirklich Bedarf besteht. Bei der Spielleitplanung handelt es sich um einen Prozess, bei dem unter Einbeziehung der genannten Akteure die Bedarfe und die bestehende Situation vor Ort ermittelt und bewertet werden. Dies stellt eine Grundlage für die weitere strategische Ausrichtung der Stadtentwicklung dar. Die Verbindlichkeit der Maßnahmen und der Strategien wird dabei langfristig durch den sogenannten „Spielleitplan“ gewährleistet, der nach Erstellung durch den Rat beschlossen und fortlaufend umgesetzt und fortgeschrieben wird.

 

Qualitätsziele: Leitlinien geben Orientierung

Das Instrument der Spielleitplanung legt nahe, zunächst ein Leitbild mit entsprechenden Leitlinien festzulegen. Dies sichert nicht nur den Blick für das „große“ Ziel, nämlich die kinder- und familienfreundliche Kommune, sondern verhindert auch eine Zersplitterung der Spielleitplanung in verschiedene Einzelmaßnahmen. Ist dieser Orientierungsrahmen festgelegt, gilt es, die Leitlinien in konkrete Qualitätsziele für die Durchführung der Spielleitplanung „herunter zu brechen“. Dabei werden Qualitätsziele für alle drei zentralen Elemente des Instrumentes festgelegt: Für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, für die räumliche Planung sowie für die Spiel-, Erlebnis- und Aufenthaltsbereiche (SEA-Bereiche) der Kommune.

Qualitätsziele für die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen zu formulieren und zu artikulieren hilft nicht nur dabei, die Qualität der Beteiligungsprozesse zu sichern, sondern ist darüber hinaus ein wichtiges Signal an die Bürgerschaft, dass die Aussagen und Meinungen der Kinder und Jugendlichen tatsächlich ernst genommen werden.

Zentral für die Qualität der Beteiligung ist es, möglichst viele Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Altersgruppen und aus unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Verhältnissen einzubinden und die Methoden entsprechend der jeweiligen Gruppe auszuwählen.

Bei den Qualitätskriterien für die räumliche Planung sowie bei den SEA-Bereichen geht es vor allem um Fragen nach vorhandenen Aufenthaltsbereichen, deren Qualität sowie deren Verteilung im Stadtgebiet. Darüber hinaus muss aber auch die (sichere) Erreichbarkeit der SEA-Bereiche gewährleistet werden: Gute Verkehrsanbindungen und gefahrlose Wege – auch zwischen den verschiedenen Aufenthaltsräumen – sind entscheidend für die Nutzung der vorhandenen Angebote und betreffen vorwiegend die räumliche Planung.

Die Formulierung und Konkretisierung der Qualitätsziele erfolgt jeweils vor Ort. Dies stellt die Grundlage dar, auf der die Kommune die ermittelten Sachlagen bewertet und Maßnahmen ableitet. Die entwickelten Qualitätsziele sind daher nicht nur Bewertungsmaßstab, sondern zugleich auch ein wichtiger Teil des Spielleitplans.

 

Zusammenarbeit notwendig: Akteure der Spielleitplanung

Da das Planungsgebiet im Rahmen der Spielleitplanung als gesamter Raum auch jenseits der klassischen Spielplätze in den Blick genommen wird, handelt es sich um eine klassische Querschnittsaufgabe, die verschiedene Fachbereiche der Verwaltung betrifft.

Verwaltungsintern werden vor allem die räumlichen Fachplanungsbereiche und die Akteure der Jugendhilfe an einem Tisch gebracht. Typischerweise wird eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Spielleitplanung gemeinsam koordiniert. Wichtig hierbei ist es, einen Hauptverantwortlichen zu benennen, der für den gesamten Prozess zuständig ist. In der Regel wird diese Aufgabe einer Fachplanerin oder einem Fachplaner zugesprochen. Bei der Planerin bzw. dem Planer laufen die Fäden zusammen und diese bzw. dieser koordiniert auch die Erhebungen in ihren gesamten Facetten. 

Aber nicht nur verwaltungsintern ist Vernetzung gefragt: zentral für die Akzeptanz und damit für den Erfolg des Instrumentes ist die Beteiligung der Bürgerschaft. Neben der Einbeziehung von Kindern zu bestimmten Stadteilen und Fragestellungen wird zusätzlich eine örtliche Arbeitsgemeinschaft installiert, die den gesamten Prozess der Spielleitplanung begleitet.

Hier werden Multiplikatoren des Zielgebietes eingebunden – und somit wichtige Wissensressourcen verbindlich an den Prozess gebunden. Deutlich wird hier eine weitere Stärke des Instrumentes: es entsteht eine Beteiligungs- und Mitbestimmungskultur vor Ort, die weitere Potentiale freisetzen kann. Sind diese Strukturen eingerichtet, wird eine grundlegende Bestandsaufnahme durchgeführt.

 

Status Quo: Wie sehen Kinder, Experten und Stadtplanung das Gebiet?

Als Bewertungsgrundlage der Situation vor Ort soll die Bestandserhebung flächendeckend die Qualitäten und Mängel des Bewertungsraumes aufzeigen. In ihr fließen Informationen, die die Planerin bzw. der Planer erhoben hat mit den Ergebnissen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sowie den Anregungen und Einschätzungen der wichtigen Akteure vor Ort zusammen.

Als ersten Schritt erkundet der Planer das Gebiet und identifiziert vorhandene SEA-Bereiche sowie mögliche räumliche Potenziale des Gebietes. Die Nutzung und Bedeutung vorhandener Strukturen kann der oder die Planerin nur durch die Kinder und Jugendlichen selbst erfahren – welche Orte werden bevorzugt, welche vermieden und welches sind die Wege, die die Kinder in ihrem Alltag häufig zurücklegen? Um das Gebiet aus dem Blickwinkel der Kinder wahrnehmen zu können, folgt daher als nächster Schritt die Erhebung mit den Kindern und Jugendlichen – oftmals kommen hierbei verschiedene Methoden der Beteiligung zum Einsatz. Zentrale Elemente der meisten bisher durchgeführten Spielleitplanungen sind die sogenannten „Streifzüge“, bei denen die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit dem Planer und oft unterstützt durch eine pädagogische Fachkraft „ihr“ Viertel begehen und dabei auf wichtige Orte und Probleme aufmerksam machen. Auch subjektive Landkarten, auf denen wichtige Punkte eingezeichnet werden können oder Fragebögen kommen häufig zum Einsatz. Gerade in größeren Kommunen bietet es sich an, auch freie Träger pädagogischer und sozialer Einrichtungen sowie Schulen und Kindertagesstätten in die Erhebung einzubeziehen. Hierdurch finden sich oftmals weitere wichtige Informationen für die künftigen Planungen und zudem wird die Bereitschaft der freien Träger, die Spielleitplanung zu unterstützen vergrößert. Aufgabe des Planers oder der Planerin ist es, alle diese Informationen in sogenannte „Bestandskarten“ zu überführen und auf Grundlage der Qualitätsziele zu bewerten. Diese erste Bewertung wird wiederum an die weiteren Beteiligten zurückgespiegelt, diskutiert und entsprechend angepasst. Häufige Methoden der Beteiligung in dieser Phase sind niedrigschwellige Veranstaltungsformen wie beispielsweise Zukunftswerkstätten oder Open Space Veranstaltungen.

 

Der Spielleitplan: Herzstück der kinder- und jugendgerechten Stadtplanung

Auf der Grundlage der Bestandserhebung wird im Anschluss der Spielleitplan erstellt. Neben der räumlichen Darstellung (Bestandskarten) und der Benennung räumlicher Entwicklungsziele enthält er auch die Ergebnisse der Beteiligungsphase, konkrete Maßnahmen und Projekte  sowie die Prioritätensetzung. Darüber hinaus gibt er Aufschluss über die Beteiligungsmethoden der umzusetzenden Maßnahmen und gibt Hinweise zur planungsrechtlichen Absicherung im Rahmen der Bauleitplanung. Auch Empfehlungen bezüglich der entstandenen Netzwerkstrukturen und deren Fortsetzungen werden benannt. Dabei ist der Spielleitplan nicht nur für Adressaten der kommunalen Politik und Verwaltung bestimmt, sondern sollte auch für Laien verständlich aufbereitet sein. Nur so kann der Spielleitplan für die zukünftige partizipative Stadtentwicklung zu einem Dreh- und Angelpunkt für alle beteiligten Akteure werden: Er stellt die Entscheidungsgrundlage für die Stadtpolitik dar, ist darüber hinaus Informationsmedium für alle beteiligten Akteure und dient der Verwaltung bzw. den Planungsbehörden als Fachplan.Für die gemeinsame Umsetzung werden alle Vorhaben und Projekte, die der Spielleitplan vorsieht, üblicherweise noch einmal in einer übersichtlichen Matrix zusammengefasst.


Der Spielleitplan wird gemeinsam mit den Qualitätszielen vom Rat verabschiedet und stellt sicher, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen verbindlich in der Haushaltsplanung berücksichtigt werden. Er schafft somit die Grundlage für eine dauerhafte und gezielte Arbeit auf dem Weg zu einer familiengerechten Stadtentwicklung.

 

Spielleitplanung ist eine örtliche Daueraufgabe

Die Umsetzung der Maßnahmen und Projekte erfolgt sukzessive – wichtig hierbei ist vor allem die Kontinuität. Dabei empfiehlt es sich, erste konkrete Projekte bereits im Prozess der Leitplanerstellung zu initiieren. „Starterprojekte“ mobilisieren und motivieren die Beteiligten bei der Mitarbeit an der Erstellung des Spielleitplans, da Veränderungs- und Entwicklungspotentiale hier konkret erfahrbar werden. Insbesondere für die beteiligten Kinder und Jugendlichen wird der Prozess auf diese Weise nachvollziehbarer.

Der Spielleitplan unterscheidet Projekte von Vorhaben. Als Projekte werden kurz- oder mittelfristige Maßnahmen verstanden, die oftmals ohne aufwändige oder formelle Verfahren umgesetzt werden können. Vorhaben hingegen sind mittel- oder langfristig angelegt und bezeichnen Ergebnisse der Spielleitplanung, die in formelle räumliche Planungsinstrumente einfließen, wie beispielsweise den Bebauungsplan.
Um die Motivation der Akteure aufrechtzuerhalten, sollten regelmäßig konkrete Projekte gemeinsam geplant und durchgeführt werden. Der so gehaltene Kontakt zu Kindern und Jugendlichen kann auch Informationen über neue Bedarfe oder räumliche Probleme ergeben und somit in weitere Planungen einfließen. Die Spielleitplanung stellt als örtliche Daueraufgabe damit sicher, dass auch die Bedürfnisse neuer Generationen in den Blick genommen werden und kann durch die laufende Fortführung auf veränderte soziale und räumliche Strukturen reagieren.

 

Bilanz: Lohnt sich das?

Die Spielleitplanung als integratives, strategisches Instrument ist darauf ausgerichtet, die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen vor Ort zu stärken. Der Einsatz dieses Instrumentes benötigt selbstverständlich personelle und finanzielle Ressourcen. Die genaue Analyse der örtlichen Gegebenheiten und vor allem deren Bewertung durch die Zielgruppe ermöglichen jedoch einen gezielten Einsatz von Ressourcen. Fehlinvestitionen können vermieden und die Mittel dort eingesetzt werden, wo Missstände als besonders gravierend eingeschätzt werden.

Wer Kinder und Jugendliche an Planungsprozessen beteiligt, erfährt nicht nur, wo die Bedarfe tatsächlich sind, sondern investiert auch in die nachwachsende Generation einer Kommune. Hierbei geht es einerseits um Bildungsförderung und eine Stärkung von Handlungskompetenzen. Kinder und Jugendliche erfahren andererseits aber auch, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Diese positiven Erfahrungen steigern die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auch als Erwachsene aktiv an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligen.


Literatur


Ministerium für Bildung, Frauen, Jugend Rheinland-Pfalz (2004): Spielleitplanung - ein Weg zur kinderfreundlichen Gemeinde und Stadt, Mainz

Abt, Jan / Hillmann, Claudia (Hrsg.) (2011): Kinder – und Jugendinteressen in der räumlichen Planung. Das neue Planungsinstrument „Spielleitplanung“ am Beispiel von Berlin. In: Graue Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung, Forum Stadt- und Regionalplanung e.V. (Hrsg.), Heft 31, Berlin

Abt, Jan (2011): Kinder und Stadterneuerung. Das Instrument der Spielleitplanung. In: Altrock, Uwe / Kunze, Ronald / Schmitt, Gisela / Schubert, Dirk (Hrsg.): Jahrbuch Stadterneuerung 2011, Berlin


Autorin:

Vanessa Gaffron
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.


Erstellungsdatum: 12.12.2012
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