Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadtentwicklung

Familiengerechte Voraussetzungen für Mobilität

von Joscha Link

Im Rahmen der Stadtentwicklung müssen Mobilitätskonzepte immer mitgedacht werden. Viele kleine Projekte, die sich besonders auf die Schulwege konzentrieren, zeigen, wie Kommunen Mobilität familiengerecht mitgestalten können.
Entscheidend für die Lebenswürdigkeit einer Kommune sind zum einen die Angebote vor Ort, zum anderen aber auch, wie gut man die Orte erreicht, an denen Alltag und Freizeit verbracht werden. Neben Dienstleistungsangeboten und Nahversorgung spielen die Mobilitätsmöglichkeiten eine große Rolle für die Attraktivität einer Kommune. Dies gilt besonders für Familien – weshalb Mobilitätskonzepte auch auf Familien ausgerichtet sein sollten.

Ein familiengerechtes Mobilitätsangebot ist jedoch bisher nur selten Teil der Stadtentwicklung – oder es ist auf Aspekte der Verkehrssicherheit, wie Tempo30- bzw. Fußgängerzonen, beschränkt (Siehe VCD 2012: 2). Mobilität ist jedoch gerade in einer Welt, in der der Alltag immer mehr „verinselt“, d.h. sich an vielen verschiedenen Orten abspielt, von großer Relevanz. Gerade Familien müssen im Alltag oft noch mehr Wege zurücklegen als beispielsweise kinderlose Paare: ob nun auf dem Weg zur Kita oder zu Freizeitaktivitäten am Nachmittag.

 

Handlungsspielräume für Kommunen

Antworten auf die Frage, welche Wege wie zurückgelegt werden können und müssen, bieten für Kommunen großen Handlungsspielraum, da diesbezüglich an vielen Stellen gesteuert eingegriffen werden kann: beginnend bei der Erschließung von Standorten und Grundstücken, der Gestaltung des Straßen- und Verkehrsnetzes, über Einflussnahme auf Verkehrsunternehmen bis hin zu kleinen Projekten, die Radfahrer oder Fußgänger unterstützen (ebd.).

Eine strategische Planung die auch auf Familien ausgerichtet ist, bietet für Kommunen viele Vorteile. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) nennt in einer Broschüre einige dieser Vorzüge einer familienfreundlichen Verkehrsplanung: Unter anderem trägt sie zur einer erhöhten Verkehrssicherheit und zum Erhalt der Nahversorgung bei, sie stärkt den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), leistet einen Beitrag zum Umweltschutz und stärkt die Gesundheit, wenn häufiger auf das Auto als Verkehrsmittel verzichtet wird und so als Nebeneffekt der Bewegungsmangel bekämpft wird (VCD 2012: 2).

 

Unterschiede zwischen Land und Stadt – „Ausnahme“ Alleinerziehende

Allerdings gibt es große Unterschiede darin, wie sich Familien bewegen – je nachdem in welchem Umfeld sie leben. Welche Unterschiede es diesbezüglich zwischen ländlichem Raum und Ballungszentren gibt, wird im „Handbuch Umwelt- und familienfreundliche Mobilität im ländlichen Raum“ dargestellt. Deutlich wird dort zunächst, dass die Verkehrsmittelnutzung von Erwachsenen aus Haushalten mit Kind sich deutlich von jenen ohne Kind unterscheidet: in beiden Regionstypen (ländlicher Raum, Städte) nutzen Erwachsene aus Haushalten mit Kind häufiger den PKW und seltener öffentliche Verkehrsmittel (Ahrend: 12).

Während dieser Unterschied in Städten eher gering ist (mit Kind: 51 %, ohne Kind: 48 % Autofahrer), sind diese Differenzen im ländlichen Raum deutlicher (65 % zu 53 %). Dies liegt vor allem daran, dass die zurückzulegenden Wege im ländlichen Raum weiter sind und der ÖPNV schlechter ausgebaut ist – Alternativen zum Auto werden so unattraktiver. Zudem gilt, dass Mobilität auch immer mit Zeitaufwand verbunden ist und gerade der ÖPNV häufig als zeitaufwändiger wahrgenommen wird.

Doch nicht nur das Lebensumfeld ist entscheidend, sondern auch die Familienform. Denn während bei den Haushalten von Paaren mit Kind(ern) im Jahr 2011 der Ausstattungsgrad mit einem PKW bei 95 Prozent lag, hatten nur 71 Prozent der Haushalte von Alleinerziehenden einen eigenen PKW zur Verfügung (Statistisches Bundesamt: 164). Diese deutlich geringere Zahl lässt sich vermutlich mit der oft prekären finanziellen Situation und der Nicht-Erwerbstätigkeit von Alleinerziehenden erklären (siehe letztes Schwerpunktthema).

Will man die Situation für Familien verbessern, gilt es, Alternativen zum Auto zu stärken – zum einen aus den oben genannten Vorzügen in Bezug auf Verkehrssicherheit und Nahversorgung; zum anderen weil gerade in Familien mit prekären Lebenssituationen ein eigener PKW nicht vorausgesetzt werden kann. Während in ländlichen Gegenden noch über zusätzliche Parkplätze vor Kitas und Schulen diskutiert werden könnte, ist in städtischen Gebieten die Entwicklung weg vom Auto und hin zu ÖPNV, Rad und zu Fuß gehen geradezu „alternativlos“. Auch die Förderung der Mobilität in Bezug auf Familien sollte daher in diese Richtung gedacht werden.

 

Schulwege: Alternativen zum Elterntaxi

Die Schwierigkeiten in Bezug zur Mobilität liegen unter anderem bei zusätzlichen Wegen, die Familien begehen müssen: denjenigen zur Kinderbetreuungseinrichtung oder Schule, denn diese sind die klassischen und typischen Wege, die Familien innerhalb ihres direkten Wohnumfeldes alltäglich zurücklegen.

Viele Initiativen wollen bei diesen Wegen leitend eingreifen – bietet sich dies doch auch aus mehreren Gründen an: Schüler die den Weg zur Schule selbstständig mit dem Rad oder zu Fuß zurücklegen, werden in ihrer Verkehrskompetenz gestärkt und selbstständiger; zudem bewegen sie sich mehr, sodass dem Bewegungsmangel entgegengewirkt wird. Doch auch die Verkehrssituation wird beruhigt, wenn weniger Autos unterwegs sind und nicht zuletzt kommt es auch der Umwelt zugute.

Das ursprünglich aus England stammende Konzept des „Walking Bus“ setzt genau hier an: es ist eines der beliebtesten und bekanntesten Projekte für Grundschüler, da es neben der Verkehrssicherheit auch das Verantwortungsgefühl und die Fitness der Kinder stärkt. Das Konzept sieht vor, dass eine Gruppe von Schülern in Begleitung von mindestens zwei Erwachsenen wie ein Bus mit Haltestellen, festen Routen und Fahrtzeiten „spielend“ zu Fuß zur Schule geht. Die Schulkinder werden so angeregt, ihren täglichen Schulweg gemeinsam zu Fuß zurückzulegen, anstatt das „Eltern-Taxi“ zu nutzen. Mittlerweile hat sich der „Walking Bus“ nicht nur in 28 Schulen im Kreis Paderborn, sondern auch in anderen Kommunen wie Köln oder Moers etabliert.

Schüler die schon größer und selbstständiger sind und folglich den Schulweg alleine zurücklegen, können mit Symbolen zusätzlich unterstützt und „begleitet“ werden. Eine solche Maßnahme ist das Projekt „Sicherer Schulweg entlang der Kinderfüße“ aus Unna. Auf den Gehweg gemalte Füße zeigen den sichersten Weg zur Schule und warnen vor gefährlichen Situationen. So werden Schüler früh zu sicheren Verkehrsteilnehmern geschult und steigern ihre Mobilitätskompetenz.

Doch nicht nur Fußgänger können unterstützt werden, auch auf dem Rad können Eltern und Kinder den Schulweg gemeinsam zurücklegen, zum Beispiel unter Mithilfe eines „Elterntaxis“ – einem Tandem für Groß und Klein. Die Initiative ELTERNTAXI stattet regelmäßig Grundschulen mit diesen Rädern aus. Schulen können sich für die Teilnahmen an der Initiative bewerben, aus den Bewerbern werden je zehn Familien ausgewählt, die ein Elterntaxi-Tandem erhalten.

Ähnlich wie der „Walking Bus“ funktioniert das „Fahrradpooling“ – In kleinen Gruppen fahren Schüler gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule –, das insbesondere in ländlichen Gebieten sinnvoll sein kann, wenn größere Strecken zurückgelegt werden müssen. Brühl und Münster sind nur einige von vielen Kommunen in NRW, die das Radpooling an weiterführenden Schulen organisieren. Ziel dieses Projektes ist es, den Kindern nach ihrem Schulwechsel den neuen Schulweg in einer von Erwachsenen begleiteten Gruppe zu zeigen und sie dabei für Gefahren zu sensibilisieren.

 

Ratgeber für Kinderwege

Neben diesen handfesten Aktionen, gibt es auch umfassendere, strategische Ansätze, die sich dem Thema Schulwege widmen: „Kinderstadtteilpläne“ oder „Schulwegratgeber“.

Beim Schulwegratgeber stehen neben Sicherheitsaspekten auch die Bewegungs- und Umweltverbundförderung im Mittelpunkt. In Zusammenarbeit von Verwaltung, Polizei, Schulen und Verkehrsunternehmen wird der Schulweg sowie das Mobilitätsverständnis der Schüler analysiert. Anschließend werden Verbesserungsvorschläge erarbeitet und umgesetzt.

Die Koordinierungsstelle des Netzwerks „Verkehrssicheres Nordrhein-Westfalen“, ein Projekt gefördert vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr, bietet kostenlose Seminare an, in denen die Entwicklung eines Schulwegratgebers vermittelt wird. Zudem hat sie auch einen Handlungsleitfaden zur Erstellung eines Schulratgebers veröffentlicht und hilft unter anderem mit der Bereitstellung von Fragebögen zum Schulweg und zum Mobilitätsverhalten sowie mit weiteren Materialien oder bei der Vermittlung von potentiellen Partnern.

Die Website des Projekts bietet zusätzlich eine Projektdatenbank, wo anhand von Handlungsfeldern und Zielgruppen Projekte gesucht werden können. So können beispielsweise alle Projekte zum Thema „Mobilitätsmanagement“ von „Grundschülern“ angezeigt werden.

Eine ähnliche Art der Förderung der Mobilitätskompetenz ist die Erstellung eines Kinderstadt(teil)plans. Auch bei Kinderstadtteilplänen liegt der Fokus häufig auf den Schulwegen, allerdings werden oft auch Freizeitwege mit einbezogen. In Unna hat man die Gelegenheit der Erstellung eines Kinderstadtteilplans genutzt: „Quasi "nebenbei" wurde so auch der Schulwegeplan aktualisiert“.

Die Idee hinter den Stadtteilplänen wird dort wie folgt erklärt: Kinder verunglücken häufig nicht auf ihren Schulwegen, sondern nachmittags auf ihren Spiel- und Freizeitwegen, dort gilt es also anzusetzen. Schulwegpläne greifen hier jedoch im Hinblick auf Verkehrssicherheit zu kurz, da Kinder nachmittags oft andere Wege gehen. Ein Kinderstadtteilplan, der sowohl die Schul- als auch die Freizeitwege beachtet, kann hier Abhilfe schaffen.

 

Familienfreundliche Förderung des ÖPNV

Eine weitere Möglichkeit, Familien in ihrer Alltagsmobilität zu unterstützen ist die Förderung des ÖPNV, sodass dieser als attraktive Alternative wahrgenommen wird. Neben der allgemeingültigen Forderung nach einem „besseren Nahverkehr“ und der Barrierefreiheit von Bus- und Bahnhöfen bieten sich auch Initiativen an, die speziell auf Familien ausgerichtet sind.

Möglich ist zum Beispiel die Förderung durch Familientickets oder andere Begünstigungen wie die kostenlose Mitnahme von Kinderwagen oder Fahrrädern. Kinder fahren bis zu einem bestimmten Alter in vielen Verkehrsbetrieben bereits kostenlos, günstige Kombitickets – gerade am Wochenende – machen den ÖPNV für Familien attraktiv und führen die jungen Kunden gleich näher an Bus und Bahn. Ein explizites Familienticket gibt es beispielsweise im Aachener Verkehrsverbund AVV, ist aber aktuell eher Ausnahme als Regel.

In ländlichen Gegenden fangen „Bürgerbusse“ Lücken im Betriebsplan der regulären Verkehrsbetriebe auf. Da diese Angebote häufig von ehrenamtlichen Mitarbeitern ermöglicht und durchgeführt werden, sind sie zudem auch für Familien attraktiv, die finanziell schlechter gestellt sind. Bürgerbusse gibt es mittlerweile in vielen Kommunen in NRW.

Es zeigt sich, dass insbesondere die Schulwege viele Ansatzpunkte bieten, um Kinder und Jugendliche in ihrer Mobilitätskompetenz zu schulen und alternativen zum Eltern-Taxi aufzuzeigen. Kinder die sich im Straßenverkehr sicher fühlen und ihren Schulweg selbstständig oder in Gruppen zurücklegen, entlasten die Eltern und verringern das Verkehrsaufkommen. Die familiengerechte Förderung des ÖPNV – und dessen Ergänzung durch ehrenamtliche Angebote – schafft zusätzliche Anreize, das Auto öfter stehen zu lassen.


Literatur

Ahrend, Christine; Herget, Melanie (2012): Umwelt- und familienfreundliche Mobilität im ländlichen Raum. Handbuch für nachhaltige Regionalentwicklung, Berlin

Statistisches Bundesamt (2013): Datenreport 2013 – Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung

VCD (2012): VCD-Position – Mit Kindern unterwegs Anforderungen für kinder- und familienfreundliche Mobilitätsangebote


Autor:

Joscha Link
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Faktor Familie GmbH

Foto: © klickerminth - Fotolia.com

Erstellungsdatum: 26.05.2014, letzte Aktualisierung am 04.08.2014
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