Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Herausforderungen für Familien

Kommunale Familienzeitpolitik – Entwicklung und Ansätze

von Angelika Engelbert und Annette Franzke

Die Zeitressourcen von Familien werden durch eine Vielzahl von Taktgebern und „Stellschrauben“ beeinflusst. Dementsprechend sind auch die Einflussmöglichkeiten auf der kommunalen Ebene vielfältig und komplex. Wichtig ist, dass familienpolitische Maßnahmen „zeitsensibel“ sind. Der Beitrag zeigt, wo Kommunen ansetzen können.
Im Vergleich zu finanziellen Leistungen und zur infrastrukturellen Ausstattung werden für zeitpolitische Maßnahmen deutschlandweit noch erhebliche Lücken festgestellt. Allerdings steht eine zeitbezogene (Kommunal-)Politik vor großen Herausforderungen. Das Thema Zeit berührt hochkomplexe Zusammenhänge und verweist wie kaum ein anderes auf die Verwobenheit gesellschaftlicher Ebenen und Strukturen und damit gleichzeitig auf die Schwierigkeit politischer Einflussnahme. Dreht man an einer der vielen „Stellschrauben“ zeitlicher Alltagsstrukturen, so treten daher häufig an anderen Stellen nicht beabsichtigte Nebeneffekte auf.

 

Kommunale Zeitpolitik hat sich noch nicht durchgesetzt

Kommunen mit einer expliziten und umfassenden Zeitpolitik sind sehr selten – zumindest in Deutschland. Mehr noch: Ehemals zeitpolitische Vorzeigestädte wie Bremen oder Hamburg setzen mittlerweile andere Prioritäten. Gleichwohl leben zeitpolitische Ideen in anderen Zusammenhängen fort (vgl. hierzu Possinger 2011). Kommunale Zeitpolitik mit explizitem Bezug auf die Situation von Familien gibt es zwar, aber sie ist noch weitaus seltener zu finden. '

Die Ergebnisse einer Analyse des Deutschen Vereins zu den Vorgängen, Strukturen und politischen Lösungen in denjenigen Kommunen, die zeitpolitisch gesehen gut aufgestellt sind bzw. gut aufgestellt waren, zeichnen ein ambivalentes Bild. Einzelne Kommunen, wie zum Beispiel Hanau, haben demnach einen Vorbildcharakter und können gute Anregungen für zeitpolitische Initiativen liefern. Die Vielzahl von „abgelaufenen Modellprojekten und nicht realisierten Vorhaben“ bundesweit wirkt nach Possinger jedoch ernüchternd. Resümierend wird eine Aussage des zeitpolitischen Experten und Promoters Ulrich Mückenberger zitiert, der zu dem Schluss kommt: „Tatsächlich ist Zeitpolitik auf lokaler Ebene in Deutschland heute schlechter verankert, als sie es vor zehn Jahren schon einmal war...“ (Possinger 2011: 33).

Schwierigkeiten und Herausforderungen liegen demnach vor allem in der mangelnden Sensibilisierung für das Thema Zeitpolitik. Hintergrund ist zum Beispiel fehlendes Wissen über die Bedeutung von Zeitproblemen und Ansätzen zu ihrer Lösung. Vor allem wenn eine institutionelle Verankerung der Zeitpolitik fehlt, ist es schwierig, angesichts des erforderlichen „langen Atems“ auf Dauer am Thema zu bleiben. Zeitpolitik stößt außerdem auch an Zuständigkeitsgrenzen in Politik und Verwaltung. Günstig dagegen wirkt das Engagement von Führungspersönlichkeiten, eine gute Datengrundlage, eine breite Vernetzung sowie die Beteiligung von „Zeitnehmern und Zeitgebern“ (Possinger 2011: 34ff).

Abgesehen von Einzelaktionen zeigen sich konkrete kommunalpolitische Folgen der Familienberichte lediglich im Rahmen der Bundesinitiative der Lokalen Bündnisse für Familie. 2012 wurde dort das Pilotprojekt „Kommunale Familienzeitpolitik“ gestartet, an dem fünf Lokale Bündnisse teilgenommen haben. Die Kommunen setzten dabei unter Einbezug der jeweiligen lokalen Netzwerke unterschiedliche zeitpolitische Schwerpunkte. Mit der vielversprechenden Initiative „Neue Zeiten für Familie“ haben sich ein Jahr später 40 Großstädte in Deutschland in einer gemeinsamen Erklärung verpflichtet, „Familienzeitpolitik“ zu einer kommunalen Aufgabe zu machen und unter Beteiligung aller infrage kommenden Partner vorhandene Angebote auszubauen und weitere konkrete Maßnahmen zu entwickeln.

 

Zeitpolitisch relevante Zugänge

Auch wenn explizite Familienzeitpolitik insofern erst allmählich auf die politische Tagesordnung rückt, gibt es für eine stärker zeitbezogene Familienpolitik schon viele gute Ansatzpunkte. In Nordrhein-Westfalen bietet die konsequente Ausrichtung auf ein „kommunales Management für Familien“, das unter anderem stark auf Sozialraumbezug, Qualifizierung und Vernetzung der lokalen Akteure setzt, die Möglichkeit, Zeitstrukturen des Familienlebens und der Familienpolitik zu berücksichtigen und die verschiedenen in der Diskussion kursierenden Dimensionen „kommunaler Zeitpolitik für Familien“ zu integrieren.

Hierzu gehören die Gestaltung zeitlicher Strukturen, wie z.B. familienfreundliche Öffnungs- oder Arbeitszeiten, infrastruktureller Angebote im Rahmen von Betreuung oder familienunterstützenden Dienstleistungen, räumlicher Strukturen, die z.B. Wegezeiten reduzieren und ihre familiensensible Konzipierung sowie Informationsstrategien, die sowohl die (zeitlichen) Bedarfe der Familien ermitteln als auch durch die Verbreitung von Wissen über Institutionen, Angebote und Maßnahmen Zeit sparen und Hilfenutzung erleichtern. Auch Bildungsangebote, die Zeitkompetenzen für Familien vermitteln oder ganz allgemein die Bewältigungsmöglichkeiten der Familien stärken, gehören zum breiten Repertoire an zeitrelevanten familienpolitischen Maßnahmen vor Ort (vgl. Heitkötter 2009).

 

Im Fokus: Zeitliche Synchronisation

Zeitpolitik im engeren Sinne betrifft vor allem die Gestaltung zeitlicher Strukturen. In diesem Bereich lassen sich besonders häufig erste erfolgreiche Ansätze in den Kommunen beobachten. Hierzu zählt insbesondere die Synchronisation von Öffnungszeiten in öffentlichen Einrichtungen. Beispielhaft ist hier das Bürgeramt des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg anzuführen. Mit dem Ziel, bürokratische Barrieren abzubauen und Wartezeiten für Behördengänge zu reduzieren, hat dieses zum einen seine Öffnungszeiten unter Einschluss der Samstag-Vormittage erweitert, zum anderen können Sprechzeiten komplikationslos im Internet vergeben werden. Auf Wunsch erhalten die Bürgerinnen und Bürger unmittelbar vor dem Termin eine Benachrichtigung per SMS. Mit dem gleichen Ziel haben auch in Stade 14 Behörden ihre Öffnungszeiten vereinheitlicht. Gemeinsam bieten sie einen „Bürgertag“ an, welcher den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, Behördengänge zeitlich besser zu koordinieren und mit anderen Dingen zu vereinbaren. Zumindest bei den Zeitplänen der Behörden hat sich in den letzten Jahren demnach schon recht viel Positives getan.

Deutlich größere Herausforderungen stellen sich jedoch, wenn private Arbeitgeber, Einzelhandel oder private Dienstleistungsanbieter einbezogen werden sollen. In einigen Kommunen zeigen sich aber auch in diesem Bereich bereits gute Ansätze, wie bspw. in Neu Wulmstorf. In Kooperation mit einem ortsansässigen Lebensmittelmarkt strebt das lokale Bündnis für Familie die Reduzierung des alltäglichen Zeitstresses für Familien durch einen Lebensmittelservice an. Dieser soll Lebensmittel zu den Familien nach Hause liefern und diese am Wochenende zusätzlich mit vielfältigen Rezeptideen und den nötigen Zutaten versorgen.

Veränderte Anforderungen an Öffnungszeiten im Betreuungsbereich verlangen nach neuen Lösungen – auch und vor allem was die Einbeziehung kommunaler Akteure anbelangt. Eine Möglichkeit sind sogenannte „24-Stunden-Kitas“, wie es sie bspw. schon in Troisdorf gibt oder wie sie in Essen geplant sind. Mit ihrer „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ bieten sie insbesondere Eltern, die mit Schichtdienst oder anderen individuellen Arbeitszeitmodellen konfrontiert sind, eine flexible Betreuungsmöglichkeit, die sie Familie und Beruf leichter vereinbaren lässt. Auch in Notfällen haben Eltern hier die Möglichkeit, die flexible Betreuung in Anspruch zu nehmen. Dem „Notfall“ wendet sich auch das Projekt „BEN“ (Betreuungsengpass Notruf) der Gemeinde Neu Wulmstorf zu. Mit einem Anruf erhalten Eltern hier spontan Hilfe, wenn es einen Notfall in der Betreuung gibt, wie bspw. im Falle von Krankheit. In Aachen erprobt man gerade mit dem Projekt „KIRA“ (Kinderbetreuung in Rand- und Notzeiten), zeitlich bedingte Betreuungslücken anhand einer Randzeitbetreuung durch ausgebildete Tagespflegepersonen zu schließen. Die hier ausgewählten Beispiele machen deutlich: Kreative Lösungen für immer noch bestehende Betreuungsprobleme sind möglich, vor allem, wenn alle an einem Strang ziehen und nicht nur die vor Ort aktiven freien Träger, sondern auch Unternehmen, Betriebe und Bereiche der Zivilgesellschaft einbezogen werden.

Auch bei der Gestaltung flexibler Arbeitszeiten und darüber hinaus gehender betrieblicher Unterstützungsangebote zeichnet sich immer deutlicher die Stärke eines gemeinsamen Vorgehens von Privatwirtschaft und kommunalen Akteuren ab. Bei der Entwicklung von Betreuungsangeboten, aber auch bei der Entwicklung von integrierten Konzepten, die für die Betriebe „Komplettlösungen“ anbieten, können Kommunen für ortsansässige Unternehmen wichtige Hilfestellung geben. So unterstützt die Stadt Köln zusammen mit dem Kölner Bündnis für Familie im Rahmen des Projekts „Familienfreundliche Kölner Gewerbegebiete“ bspw. Unternehmen darin, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu implementieren. Dabei haben Unternehmen einerseits die Möglichkeit, Informationen und Workshops rund um das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ in Anspruch zu nehmen, andererseits werden aber auch im Rahmen einer individuellen Beratung gemeinsam bedarfsorientierte Lösungen entwickelt und Unternehmen bei der konkreten Realisierung familienfreundlicher Strukturen begleitet. Hierfür hat die Stadt sowohl ein Projektbüro als auch eine Hotline eingerichtet, unter der Unternehmen sich Unterstützung holen können. Auch in Mönchengladbach haben sich die Stadt und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft zusammengetan, um den Ausbau der betrieblichen Kinderbetreuung voranzutreiben. Gemeinsam wollen Sie ansässigen Unternehmen ein ganzes „Servicepaket“ zur betrieblichen Kinderbetreuung anbieten, bei dem dann die mit dem Betrieb verbundenen bürokratischen Aufgaben übernommen, Personal gestellt und ein Konzept zur pädagogischen Ausrichtung erstellt werden soll.

Relativ neu ist die Möglichkeit der flexibleren Gestaltung von Ausbildungszeiten – ein gerade für junge Eltern wichtiges Anliegen. Auch hier gibt es kommunale Angebote zur begleitenden Unterstützung von Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden, wie das Projekt „Jobhebamme“ des Jobcenters Vechta. Dabei werden zum einen arbeitslose Alleinerziehende bei der Suche nach einem Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz sowie einer passgenauen Kinderbetreuung unterstützt, zum anderen aber auch die Aufgeschlossenheit von Arbeitgebern für Alleinerziehende gefördert und Unternehmen in allen Fragen rund um das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf von einer Arbeitsvermittlerin beraten.

 

Zeitliche Entlastung durch infrastrukturelle Angebote

Infrastrukturelle Angebote auf der lokalen Ebene können dazu beitragen, Zeitprobleme von Familien zu verhindern bzw. zu lösen. Deswegen empfiehlt der Deutsche Verein den Auf- und Ausbau einer sozialen Infrastruktur, die sich stärker an den Bedürfnissen von Familien orientiert (vgl. hierzu DV: 2013). Plädiert wird in diesem Zusammenhang insbesondere für die Verkürzung von Wege- und Begleitzeiten durch die Veränderung struktureller Rahmenbedingungen, wie die zeitliche Synchronisierung von Einrichtungen und Dienstleistungsangeboten oder auch eine kinder- und familiengerechtere Gestaltung der räumlichen Mobilität. Als ein Infrastrukturangebot mit ganz besonderen und nachhaltigen Einflussmöglichkeiten gelten dabei die Familienbüros zentrale Anlaufstellen für Familien. Sie sind wichtige Schnittstellen zwischen Familie, Politik und Verwaltung und bringen im Rahmen einer strategischen Ausrichtung das Thema Familienzeit in die Verwaltung und auf die politische Agenda. Als Anlauf- und Informationsstellen sammeln und bündeln sie Informationen und ersparen den Familien dadurch private Zeitinvestitionen für die Suche nach Hilfen und Unterstützung.

Manche Zeitprobleme der Familien lassen sich durch die Inanspruchnahme professioneller familienunterstützender Dienstleistungen lösen. Häufig scheitert dies jedoch an den Kosten, die längst nicht alle unterstützungsbedürftigen Familien tragen können. Ansätze zur Lösung des Kostenproblems liegen unter anderem in einem (stärkeren) öffentlichen Engagement für diese Form der Familienunterstützung. Dies geschieht zum Beispiel durch die Einrichtung von kommunalen Servicestellen, die Nachfrage und Angebot zusammenbringen und zur größeren Transparenz des Marktes beitragen können oder durch Dienstleistungsagenturen, an deren Trägerschaft (auch) Kommunen beteiligt sind. In Mönchengladbach haben sich bspw. die Stadt und der örtliche Caritasverband zusammengeschlossen, um Familien in Krisensituationen Hilfe in Form von Familienpflegerinnen zur Seite zu stellen. Drohen die Probleme den Familien über den Kopf zu wachsen, helfen sie über einen befristeten Zeitraum aus und wirken entlastend und unterstützend im Haushalt sowie als Ansprechpartnerin in allen Familienfragen.

Darüber hinaus werden infrastrukturelle Lösungsansätze für das Zeitproblem auch durch Eigenengagement und durch den Einsatz eigener Zeit wichtig. Tauschringe ermöglichen es, auch ohne Geld Dienstleistungen zu erhalten, indem eigene Kompetenzen und freie Zeitressourcen eingesetzt werden. Hierfür können dann „im Tausch“ Leistungen Anderer genutzt werden, die benötigt, aber nicht oder nur schwerlich selbst erbracht werden können. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ bringt bspw. wohnungssuchende Studenten und hilfebedürftige Senioren zusammen. Studenten haben die Möglichkeit, unentgeltlich bei einem Seniorenpaar unterzukommen, dafür erhalten diese Hilfeleistungen im Alltag, die variabel von beiden Parteien vereinbart werden. Durch den Einsatz neuer Medien gehen solche Initiativen über den engeren Kreis der eigenen sozialen Netze (Freunde, Bekannte, Nachbar) hinaus und ermöglichen auch die Bildung neuer Netzwerke.

 

Raumstrukturen beeinflussen Mobilitätserfordernisse und -zeiten

Ansatzpunkte für eine zeitrelevante Familienpolitik liegen auch in einer auf die besonderen Bedarfe von Familien ausgerichteten Gestaltung der räumlichen Strukturen der Familienumwelt. Sinnvoll ist zum Beispiel eine regulative Politik, die planerische und steuernde Maßnahmen unter Berücksichtigung der Situation von Familien ermöglicht oder eine Bündelung unterschiedlicher Angebote und Nutzungen an einem Ort. Auch wenn solche Maßnahmen nicht als „Zeitpolitik“ im engeren Sinn verstanden und bezeichnet werden, tragen sie doch zur Verbesserung der Wohnumfeldbedingungen der Familien bei, ersparen Wegezeiten und verringern Mobilitätserfordernisse. Durch räumlich nahe Freizeitangebote erübrigen sich häufig auch Bring- und Holdienste für Kinder, Jugendliche und ältere Familienmitglieder. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Sonnenpark in Düsseldorf-Oberbilk. Weil es an wohnungsnahen Spiel- und Erholungsmöglichkeiten fehlte, wurden hier gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern im Rahmen des Programms „Soziale Stadt NRW“ Grün- und Spielflächen neu angelegt bzw. umgebaut. Ziel war es, durch die Wohnumfeldverbesserung zum einen die Lebensqualität zu steigern, zum anderen die Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrem Stadtteil zu erhöhen. Entstanden ist auf diese Weise eine wohnortnahe großzügige Spiel-, Ruhe- und Grünzone für alle Bevölkerungsschichten und Generationen im Stadtteil. Diese zeitpolitischen Effekte werden im kommunalen Raum aber insgesamt noch zu selten reflektiert und bewusst gefördert.

 

Informationen sparen Zeit und ermöglichen passgenaue Unterstützung

Kommunen nutzen vielfältige Möglichkeiten, Informationen über die Situation und die Bedarfe von Familien zu erhalten. Vielfach werden dabei auch spezielle Zielgruppen angesprochen oder sozialraumbezogene Erhebungen durchgeführt. Hierdurch bieten sich grundsätzlich gute Chancen, auch Zeitaspekte des Familienlebens in den Blick zu nehmen. Im Rahmen des Projekts „Kommunale Zeitpolitik für Familien“ haben auch die beteiligten Modellkommunen Befragungen und Gesprächsrunden zu den Zeitbedarfen von Familien durchgeführt. Ziel war es, Zeitstrukturen zu analysieren sowie Ursachen für Zeitkonflikte aufzudecken und zu lösen. Erste Ergebnisse zeigen: unter anderem Krankheit, Verkehrsstaus und Überstunden bringen Eltern in Zeitstress.

Immer wichtiger werden gerade auf der lokalen Ebene Informationen für Familien über die ihnen zur Verfügung stehenden familienpolitischen Angebote, über wichtige Adressen, Projekte und Programme und ihre kommunale Verortung. Die Breite der hierfür nutzbaren Medien spiegelt sich auch in der Vielfalt von Broschüren, Flyern, Wegweisern, Internetseiten oder Veranstaltungen wider. Auch hierbei ist das Thema Zeit jedoch eher unterbelichtet. Vor allem thematisch einschlägige Aktionen oder Aktionstage widmen sich bislang explizit den Zeitproblemen von Familien.

Die Informationspolitik der Kommunen bietet jedoch insgesamt wichtige und gut nutzbare Möglichkeiten, die Familienzeit auf lokaler Ebene stärker zu berücksichtigen. Nicht zu vernachlässigen ist dabei, dass die Sammlung und Verbreitung von Informationen zur Familiensituation und Familienpolitik wichtige „Nebeneffekte“ hervorbringen kann. Das Querschnittsthema Familie ist sinnvoll nicht bearbeitbar ohne Kontakte und Kooperationen zwischen den Verwaltungsabteilungen und mit verwaltungsexternen Akteuren. Durch eine solche Zusammenarbeit wird in der Regel die Breite des Themas deutlich. Dies verbessert die Möglichkeiten, zeitpolitische Herausforderungen zu sehen und gemeinsam zu bearbeiten.

 

Familien brauchen Zeitkompetenzen

Strukturelle Veränderungen sind wichtig, um die Ursachen von Zeitstress in Familien anzugehen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass hiermit alle Probleme einer mangelnden Synchronisation dauerhaft behoben werden können. Individuelle Kompetenzen für einen angemessenen Umgang mit den zeitlichen Vorgaben und ihren Herausforderungen werden ebenso benötigt. Hierbei handelt es sich jedoch weniger um Formen des „Zeitmanagements“, sondern eher um Fähigkeiten zur zeitlichen Selbststeuerung bzw. um Fähigkeiten, die zeitliche Strukturen erkennen und reflektieren lassen und die auch Abgrenzung gegenüber zeitlichen Erwartungen ermöglichen. Unter dem Motto „Kommst du mit, die Zeit entdecken?“ haben sich zahlreiche kommunale Akteure aus dem Bildungsbereich, wie Kitas, Horte und Grundschulen am bundesweiten „Tag der kleinen Forscher“ beteiligt, welcher in diesem Jahr dem Thema „Zeit“ gewidmet war. Ziel der Bildungsinitiative war es, Kindern spielerisch und experimentell ein Bewusstsein für die Zeit zu vermitteln. Beim Nachdenken über die Frage „Was machen wir mit der Zeit, und was macht sie mit uns?“ erlernten sie frühzeitig ein Gefühl für die Zeit und den Umgang mit ihr.

Die Institutionen des Erwachsenenbildungssystems vermitteln solche umfassenden Kompetenzen bislang nur eingeschränkt. Offen für die Vermittlung eines breiten Spektrums von „Zeitkompetenzen“ erweisen sich in Nordrhein-Westfalen vor allem die Familienbildungsstätten. Um deren Arbeit für die Familien noch stärker als bisher zugänglich zu machen, ist muss vor allem ein niedrigschwelliger Zugang gewährleistet sein. Dies erfordert unter anderem eine gezielte Ansprache auch der bildungsfernen Familien.

Im Bereich der Managementschulungen und der gewerkschaftlichen Bildungsangebote gibt es vielfältige Kurse und Fortbildungsangebote. Explizit auf Zeitkompetenzen ausgerichtete Angebote an Familien sind jedoch rar.

 

„Zeitsensible“ Familienpolitik in Kommunen

„Kommunale Zeitpolitik für Familien“ gibt es bislang nur sehr vereinzelt, auch wenn die Initiative der deutschen Großstädte in dieser Hinsicht vielversprechend ist. Eine konsequent und strategisch aufgestellte Familienpolitik sollte jedoch selbstverständlich auch Zeitprobleme von Familien und ihre Ursachen im Blick haben. Insofern finden sich hierzulande auch schon viele Beispiele für den Einsatz (familien-)politischer Instrumente, mit denen sich Herausforderungen einer mangelnden zeitlichen Synchronisation angehen lassen.

Das bedeutet aber keineswegs, dass Zeitprobleme von Familien bereits in zufriedenstellendem Umfang auf der örtlichen Ebene angegangen werden. Eine zeitsensible Familienpolitik auszubauen und dies entsprechend zu kommunizieren, ist daher nach wie vor eine wichtige Herausforderung für die kommunalen Akteure.


Literatur

BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (HRSG.) (2012): Achter Familienbericht.

BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (Hrsg.) (2011): Zeit für Familie. Ausgewählte Themen des 8. Familienberichts. Monitor Familienforschung, Ausgabe 26. Berlin.

BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (Hrsg.) (2009): Memorandum Familie leben. Impulse für eine familienbewusste Zeitpolitik. Berlin.

BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (Hrsg.) (2006): Siebter Familienbericht. Familien zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit – Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Berlin.

DV (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V.) (2013): Empfehlungen des Deutschen Vereins zur lokalen Familienzeitpolitik. Berlin.

Engelbert, Angelika/ Schwarze, Beatrix (2010): Familienunterstützende Dienstleistungen. Informationen und Handlungsansätze für die kommunale Praxis. Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung, Bochum.

Heitkötter, Martina (2009): Der ‚temporal turn‘ in der Familienpolitik – zeitpolitische Gestaltungsansätze vor Ort für mehr Zeitwohlstand in Familien. In: Heitkötter, Martina/ Jurczyk, Karin/ Lange, Andreas/ Meier-Gräwe, Uta (Hrsg.), Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien. Verlag Barbara Budrich, Opladen&Farmington Hills, MI., S. 401-428.

Possinger, Johanna (2011): Kommunale Zeitpolitik. Ansätze, Erfahrungen und Möglichkeiten der Praxis. Reihe Jugend und Familie (J10). Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Berlin.

Quellenangaben Beispiele aus der Praxis

Aachen - „KIRA“ (Kinderbetreuung in Rand- und Notzeiten)
URL: http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/aachen/kira-bringt-die-tagesmutter-ins-haus-1.566007 (12.08.2013)

Berlin Friedrichshain-Kreuzberg – Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen
URL: http://www.dienstleistungsmetropole-berlin.de/de/downloads/Zeitpolitik.pdf (12.08.2013)

Düsseldorf-Oberbilk – Sonnenpark
URL: http://www.soziale-stadt.nrw.de/stadtteile_projekte/projekte/gemeinsam_in_den_park.php (12.08.2013)

Essen – „24-Stunden-Kita“.
URL: http://www.derwesten.de/staedte/essen/die-24-stunden-kita-kommt-nach-essen-und-wattenscheid-id8098260.html (12.08.2013)

Köln - Familienfreundliche Kölner Gewerbegebiete
URL: http://www.stadt-koeln.de/7/arbeitsmarktfoerderung/04979/ (12.08.2013)

„Kommunale Zeitpolitik für Familien“
URL: https://www.neu-wulmstorf.de/portal/meldungen/den-nerv-der-zeit-getroffen-lokales-buendnis-im-dialog-mit-expertinnen-und-experten-zu-kommunaler-familienzeitpolitik-913000609-20160.html (12.08.2013)

Mönchengladbach – Betriebliche Kinderbetreuung
URL: http://www.moenchengladbach.de/index.php?id=95&tx_ttnews%5Btt_news%5D=4196&cHash=eb725303de21d900933b85f1b384ca6a (12.08.2013)

Mönchengladbach – Familienpflegerinnen
URL: http://www.caritas-mg.net/de/Familienpflege.htm (12.08.2013)

Neu-Wulmstorf – B.E.N. (Betreuungsengpass Notruf)
URL: https://www.neu-wulmstorf.de/portal/meldungen/den-nerv-der-zeit-getroffen-lokales-buendnis-im-dialog-mit-expertinnen-und-experten-zu-kommunaler-familienzeitpolitik-913000609-20160.html?rubrik=13000039  (12.08.2013)

Neu-Wulmstorf – Lebensmittelservice
URL: https://www.neu-wulmstorf.de/portal/meldungen/den-nerv-der-zeit-getroffen-lokales-buendnis-im-dialog-mit-expertinnen-und-experten-zu-kommunaler-familienzeitpolitik-913000609-20160.html?rubrik=13000039 (12.08.2013)

Stade – Öffnungszeiten öffentlicher Einrichtungen
URL: http://nst.de/media/custom/437_4557_1.PDF?1132832423?La=1&object=med%7C43 (12.08.2013)

„Tag der kleinen Forscher2013“
URL: http://www.haus-der-kleinen-forscher.de/startseite/aktuelles/presse/pressemitteilungen/2013/tag-der-kleinen-forscher-2013/ (Hinweis: Link nicht mehr erreichbar.)

Troisdorf – „24-Stund-Kita“
URL: http://www.onlinezeitung.co/news/datum////kita-einweihung-in-troisdorf-ein-vorbild/ (12.08.2013)

Vechta – Jobhebamme
URL: http://www.nwzonline.de/vechta/jobhebamme-beraet-auch-am-kuechentisch_a_6,1,1972572804.html (12.08.2013)

„Wohnen für Hilfe“
URL: http://www.wohnenfuerhilfe.info (12.08.2013)


Erstellungsdatum: 29.08.2013, letzte Aktualisierung am 08.09.2014
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