Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Erziehung, Bildung und Beratung

Familie und Bildung – Herausforderungen und Ansatzpunkte für Kommunen

von Angelika Engelbert

Der Zusammenhang von Familie und Bildung ist vielfältig: In Familien findet Bildung statt. In Familien wird Bildung vermittelt. Familien brauchen Bildung. Kommunen können hierbei in vielerlei Hinsicht Unterstützung leisten.
Bildung ist ein besonders wichtiges Gut – für die Menschen selbst und für die Gesellschaft. Im Prozess der Aneignung von Bildung spielt die Familie eine Schlüsselrolle. Der Beitrag skizziert unterschiedliche Bildungsbeiträge von Familien, aber auch ihre Bildungsbedarfe. Er verweist auf Herausforderungen und Lösungsansätze im kommunalen Umfeld und stellt Beispiele vor, wie Kommunen Familien bei ihren Bildungsaufgaben unterstützen können.

 

Ein erweiterter Bildungsbegriff

Spätestens seit dem zwölften Kinder- und Jugendbericht kann man von einem erweiterten Verständnis von Bildung ausgehen, das sich von institutionellen Grenzen und institutionellen Orten gelöst hat. Auch die Fixierung auf ganz bestimmte, z.B. schulisch vermittelte und arbeitsrelevante Bildungsinhalte, wurde aufgehoben. Stattdessen werden Bildungsbiographien, Lebensphasen von Kindern und feststellbare Wirkungen von Bildung wichtig. In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung von formaler und informeller Bildung zu sehen. Während formale Bildung sich auf organisiertes Lernen bezieht, ist mit informeller Bildung eher unreguliertes Lernen in der Alltagspraxis gemeint.

Auch die strikte Unterscheidung von Erziehung, Betreuung und Bildung und deren Bindung an spezifische Institutionen wird zunehmend fragwürdig. Schulen leisten z.B. Erziehungs- und Betreuungsbeiträge, Kindertagesstätten vermitteln Bildung. Formale und informelle Bildungsprozesse finden auch in der Kinder- und Jugendarbeit, in Vereinen oder im alltäglichen Umgang mit Medien statt. Und schließlich prägen Familien auch die Bildung ihrer Kinder. Erziehung, Betreuung und Bildung bedingen sich gegenseitig und wirken zusammen. „Bildung ist mehr als Schule“ und „Bildung von Anfang an“, so lauten zentrale Leitsätze der aktuellen Diskussion.

Dies wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis diese unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und Bildungsorte zueinander stehen und wie sie sich in ein System integrieren lassen, das ein gemeinsames Ziel verfolgt: Eltern und Kindern Bildung zu vermitteln. Eine funktionierende Vernetzung und Kooperation der Bildungseinrichtungen ist deshalb eine der großen Herausforderungen, die mit diesem erweiterten Bildungsverständnis verbunden ist.

 

Schlüsselfunktion der Familie für die Bildung

Ein solches Verständnis von Bildung öffnet den Blick für die zentrale und lebensbegleitende Schlüsselfunktion der Familie für die Bildung. Es berücksichtigt frühkindliche Bildungsprozesse und z.B. auch die Rolle der vorgeburtlichen Einflüsse der Familie.

Mit zunehmendem Alter der Kinder werden außerfamiliale Umwelten für Bildungsprozesse immer wichtiger. Eltern sind aber nach wie vor die zentrale Schaltstelle, die nicht nur selbst Bildungsinhalte vermittelt, sondern auch Bildungsumwelten erschließt und dauerhaft zur Verfügung stellt. Hierzu gehören z.B. die Wahl der Schule, aber auch Chauffeurdienste zum Verein oder zur Nachhilfe. Auch die Verarbeitung und Verwertung von Bildungserfahrungen und Bildungsinhalten wird im Elternhaus vorbereitet und geprägt. Im Jugendalter geht es um den Einstieg in die berufliche Bildung. Auch hierbei können Eltern wichtige Hilfestellungen geben und darüber den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder beeinflussen. Bildung ist daher immer auch Bildung mit Familien.

Dies alles macht Familien für die Bildungsprozesse ihrer Kinder so bedeutsam. Eltern sehen sich zudem steigenden Erwartungen an ihre Elternkompetenzen gegenüber und erfahren eine wachsende Verunsicherung in Erziehungsfragen. Familien brauchen deshalb ihrerseits Wissen und Unterstützung, um Bildungsleistungen und andere Aufgaben gewährleisten zu können. Bildung für Familien ist daher eine wichtige Aufgabe öffentlicher Unterstützungsleistungen.

In aller Regel bewältigen Familien diese Bildungsaufgaben recht gut und sie nutzen die Vielfalt der vorhandenen Angebote je nach ihrem Bedarf. Allerdings gilt dies nicht grundsätzlich und nicht für alle Familien, denn für die Inanspruchnahme von Bildungsangeboten ist wiederum Bildung selbst eine wichtige Voraussetzung. Darauf haben nicht zuletzt die Schulleistungsstudien deutlich hingewiesen. Immer wieder belegt wurde z.B. auch die geringe Nutzung von Familienbildungsangeboten durch bildungsferne Familien, durch Familien mit Zuwanderungshintergrund oder durch Alleinerziehende. Hiermit geraten die herkunftsbedingten Ausgangssituationen in den Familien und insofern ungleiche Nutzungsmöglichkeiten von Bildung in den Blick. Verbesserte Zugangschancen zu Bildungsangeboten markieren daher eine zweite große Herausforderung an die Gestaltung des Bildungssystems.

 

Herausforderungen für Kommunen

Das neue Bildungsverständnis sieht die Familie als relevante Bildungswelt und lässt gleichzeitig die öffentliche Verantwortung für eine Unterstützung der Familien wichtiger werden. Es geht dabei um Bildung in Familien, um Bildung mit Familien und um Bildung für Familien. In jeder Hinsicht ist es notwendig, dass Bildungseinrichtungen sich auf Familien einstellen und eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Anbietern und Familien stärken.

Vor allem die kommunale Ebene muss sich diesen Herausforderungen stellen. Hier werden die Angebote von den einzelnen Trägern konzipiert und gestaltet und hier entscheidet sich, ob den Familien die angebotenen Bildungsleistungen sinnvoll erscheinen. Verbesserte Zugangschancen zu Bildungsangeboten für Kinder und Eltern zu gewährleisten, verlangt unter anderem eine genaue Kenntnis der Situation und der Bedarfe. Diese variieren mit den lokalen bzw. regionalen Bevölkerungs- und Familienstrukturen und mit den sozialräumlichen Gegebenheiten. Die Berücksichtigung all dieser Voraussetzungen ist nur auf der kommunalen Ebene unter Einbeziehung aller relevanten Akteure gewährleistet.

Ähnlich verhält es sich mit der genannten Aufgabe der Kooperation und Vernetzung. Das Zusammenspiel der Träger, Institutionen, Projekte und Maßnahmen muss auf der örtlichen Ebene funktionieren. In den Kommunen sind Querschnittsorientierung, Kooperation und Koordinationsleistungen gefragt. Grundsätzlich ist der Aufgabenbereich „Familie und Bildung“ nicht nur als Bestandteil einer integrierten Bildungsplanung zu begreifen, sondern in der strategischen Ausrichtung eines kommunalen Managements für Familien zu berücksichtigen.

Bildung für Kinder und für Eltern sollte selbstverständlich sein. Dies würde auch eine stärkere Nutzung der Hilfen von Anfang an ermöglichen. Ein neues Image der Bildungsangebote kann hierzu wesentlich beitragen. Anerkennung von Familienleistungen, eine entsprechende Positionierung der Kommunen und die mediale Präsentation der Leistungen können mögliche Bestandteile einer solchen Imagekampagne sein.

Hier ist nicht genügend Raum, um alle sinnvollen und vorhandenen bildungspolitischen Ansätze der Kommunen umfassend zu präsentieren. Die im Folgenden vorgestellte Auswahl von Projekten und Programmen greift auf solche Beispiele guter Praxis zurück, die im Portal www.familie-in-nrw.de detaillierter beschrieben und nachzulesen sind.

 

Schwerpunkt: Verbesserte Zugangschancen

Damit möglichst alle Kinder und Eltern Bildung erfahren können und Barrieren der Inanspruchnahme sinken, sollten bei der Angebotsgestaltung entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden. Dies gilt sowohl für die institutionalisierten Familienbildungsangebote als auch für innovative Projekte und Maßnahmen.

1. Zielgruppen gezielt und verständlich ansprechen

Vor allem Alleinerziehende und Familien mit Zuwanderungshintergrund gelten als Gruppen mit einem hohen Bedarf an Bildung bei gleichzeitig starker Zurückhaltung hinsichtlich der Nutzung vorhandener Angebote. Eine gezielte Ansprache dieser Familien unter Berücksichtigung der familiären Rahmenbedingungen ist erforderlich. Auch das immer noch verhältnismäßig geringe, aber zunehmende Engagement der Väter verlangt nach Bildungsangeboten, die speziell auf diese Zielgruppe und ihre Bildungsbedarfe zugeschnitten sind.

Hemmschwellen zur Inanspruchnahme sind nachweislich geringer, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieselbe "Sprache sprechen" wie Nutzerinnen und Nutzer. Dies bezieht sich auf einen gemeinsamen soziokulturellen Hintergrund, aber auch auf die Muttersprache der Adressaten. Grundsätzlich sind interkulturelle Kompetenzen hilfreich.

So wird über verschiedene Projekte in Moers-Repelen der Weg zu Familien in besonders schwierigen Lebenssituationen gesucht. Das Projekt "Opstapje" arbeitet mit so genannten Laienhelfern, die ein ähnliches soziales Umfeld und ähnliche Erfahrungen wie die betroffenen Familien haben. Sie besuchen und begleiten Familien und können bei Bedarf an zuständige Stellen vermitteln. Speziell an Familien mit türkischem Zuwanderungshintergrund richtet sich das Elterntraining "TAFF".

Junge Familien erhalten im Rahmen des Projektes
FamilienStart in Mülheim die Möglichkeit, für ca. ein Jahr eine verlässliche Bezugsperson an der Seite zu haben. Die Begleitung erfolgt in alltäglichen Angelegenheiten. Themenschwerpunkte sind vor allem die Ängste vor Isolation, Unsicherheiten in Erziehungsfragen, die Organisation des Haushaltes, die Begleitung zu Behörden und Ärztinnen und Ärzten sowie Hilfe für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei Verständigungsschwierigkeiten. Die ehrenamtlichen Patinnen und Paten werden in verschiedenen Modulen von kompetenten Personen geschult.

2. Familien da abholen, wo sie sind

Angebote sind besser zugänglich, wenn sie in vertrautem Rahmen stattfinden. Dies ist auch einer der Hintergründe für die landesweite Einrichtung von Familienzentren in Nordrhein-Westfalen. Kindertagesstätten, mit denen nahezu alle Familien regelmäßig Kontakt haben, wurden ausgebaut zu Zentren, die mehr bieten als Betreuung und Erziehung. Die Familienzentren haben einen eigenen Bildungsauftrag und kooperieren eng mit den etablierten Familienbildungseinrichtungen. Sie können verstärkt Angebote in ihre Räume holen und bekannt machen und dazu beitragen, Hemmschwellen zu senken.

3. Bedarfe feststellen

Bedarfsgerechte Bildungsangebote sind eine wichtige Voraussetzung für möglichst niedrige Schwellen der Inanspruchnahme. Die Beteiligung von Familien ermöglicht eine stärkere Ausrichtung der Angebote am Bedarf von Familien und ist über unterschiedliche Beteiligungsformen zu realisieren. Eine Möglichkeit zur Bedarfsfeststellung ist die direkte Befragung der Zielgruppen.

Die dezentral arbeitenden Dortmunder Familienbüros nehmen im Rahmen der Begrüßungsbesuche bei jungen Familien, die Nachwuchs bekommen haben, Kontakt mit den Eltern auf. Hierbei wird Beratung und Unterstützung bei der Suche nach passenden Bildungs- und Betreuungsangeboten gegeben, und die Mitarbeitenden des Familienbüros fragen die Eltern auch immer nach ihren Bedarfen und Wünschen, die sie in einem Elternfragebogen festhalten.

"Sozialplanung besser abstimmen: Jugendliche fragen". So lautet ein Motto im Lokalen Bündnis in Moers-Repelen. Eine Befragung von Jugendlichen sollte herausfinden, welche Freizeit- und Bildungsangebote angenommen werden und was sich Jugendliche für Moers-Repelen wünschen. Die Ergebnisse der Befragung geben den Bündnisakteuren die Möglichkeit, das aktuelle Angebot für Jugendliche zu bewerten und liefern eine hilfreiche Grundlage für Planungen und künftige Investitionen – unter anderem in Bildungsangebote für diese Altersgruppe.

4. Kosten für die Familien gering halten

Für viele Familien ist die Teilnahme an Bildungsangeboten für Eltern oder Kinder auch eine Kostenfrage. Insbesondere für Familien, die auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen sind, sind zusätzliche Bildungsausgaben oft nicht tragbar. Dabei fördert das Land Nordrhein-Westfalen den Zugang von sozial schwachen Familien zu Familienbildungsangeboten. Mit 1,5 Millionen Euro jährlich werden Kursgebühren für Familien reduziert (und auch die Teilnahme von Kindern gefördert).

Eine Möglichkeit vor Ort , die angesprochene Schwelle für Familien noch stärker abzubauen, ist die Vergabe von Gutscheinen, wie sie etwa zusammen mit den Begrüßungspaketen mancher Kommunen verteilt werden.

Die Schmallenberger Familienkarte bringt den Familien nicht nur Vergünstigungen beim Einkauf, sondern ist auch mit einem Gutscheinsystem verbunden: Alle Kinder und Jugendlichen erhalten Gutscheine für ihre Freizeitaktivitäten in Vereinen, Jugendorganisationen, in der Musikschule und den öffentlichen Schwimmbädern. Interessierte Vereine und Jugendorganisationen orientieren sich mit ihrem Angebot noch mehr an den Interessen und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen.

Die Gelsenkirchener Elternschulen können von finanzschwachen Familien über einen kostenlosen Gutschein des Jugendamtes besucht werden. Während der Teilnahmezeiten wird eine Kinderbetreuung angeboten.

5. Voneinander lernen: Soziale Netze stärken

Elternbegegnung und ein selbstverständlicher Erfahrungsaustausch sind wichtige Bestandteile der Wissensvermittlung für Eltern. Im ungezwungenen und informellen Kontakt treffen gleiche Situationen und Interessen aufeinander, es erfolgt ein interessengesteuerter Zugriff auf Informationen, die soziale Kontrolle bleibt gering, und dadurch, dass soziale Kontakte genutzt und geknüpft werden, werden Netzwerke gestärkt. Soziale Netzwerke sind daher ein sehr wichtiger Ort, an dem Eltern sich erziehungs- und bildungsrelevantes Wissen aneignen können.

Die "FAM-Tische" des Projektes Mo.Ki Monheim für Kinder sollen u.a. den Erfahrungs- und Meinungsaustausch, die Informationsvermittlung sowie Elternkompetenzen stärken. Gastgeberinnen und Gastgeber laden aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Gäste ein, die sich über ein Thema (z.B. Erziehung) unterhalten möchten. Diese Gespräche werden vorbereitet und moderiert durch eine Moderatorin. Die FAM-Tische-Moderatorinnen und Moderatoren arbeiten ehrenamtlich gegen Aufwandsentschädigung und können in türkischer und deutscher Sprache moderieren. Die Moderatorinnen werden auf ihre Arbeit vorbereitet, sie sind Multiplikatorinnen und stellen das Bindeglied zu professionellen Einrichtungen dar.

Auch im "Interkulturellen Fraueninfotreff" ist in Monheim ein niedrigschwelliges Angebot für Frauen, Schwangere und junge Mütter aller Kulturen entstanden. Insbesondere für muslimische Frauen ist der Interkulturelle Fraueninfotreff eine wichtige Anlaufstelle. Regelmäßige Öffnungszeiten und kostenfreie Hebammensprechstunden gehören zum Angebot. Etwa einmal im Monat stellen sich Monheimer Einrichtungen vor, informieren über Hilfeangebote und beraten direkt vor Ort. Hierüber wurde bereits ein beachtliches informelles Netzwerk der Bewohnerinnen im Stadtviertel geschaffen.

 

Schwerpunkt: Kooperation und Vernetzung

Die vorhandene Bildungslandschaft für Kinder und Eltern ist vielfältig, aber nur schwer durchschaubar, wenig abgestimmt und kaum vernetzt. Es muss darum gehen, dieses Nebeneinander der Angebote und Projekte zu überwinden und hierdurch Synergieeffekte im Sinne einer bedarfsgerechten Bildung zu nutzen.

1. Vielfalt erhalten, Vernetzung fördern

Die institutionalisierte Familienbildung bietet ein breites und qualitätsgesichertes Angebotsspektrum. Mit innovativen Projekten wird das Angebot an aktuelle Bedarfe von Familien angepasst. Neben Kursen in den Bildungsstätten werden auch niedrigschwellige, nicht-formelle Bildungsformen wie Elterncafés und Spielnachmittage organisiert. Ihre Ergänzung um weitere niedrigschwellige Angebote und um innovative Projekte kann dazu beitragen, die Bildungslandschaft insgesamt flexibler und attraktiver für alle zu gestalten. Die Möglichkeiten sind allerdings begrenzt, da diese Angebote schwierig zu finanzieren sind. Eine große Herausforderung liegt darin, Parallelstrukturen zu vermeiden und die Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Angebotstypen zu stärken.

Mo.Ki – Monheim für Kinder hat eine niedrigschwellige und trägerübergreifende Arbeitsgemeinschaft der Familienbildung, Elternbegleitung, frühen Förderung und Bildung von Kindern in den fünf Kindertagsstätten des Berliner Viertels. Die fünf Kindertagsstätten stellen den wesentlichen Baustein eines Netzwerkes zur Frühprävention der Jugendhilfe dar. Eine Koordinatorin sichert die trägerübergreifende Weiterentwicklung der beteiligten Einrichtungen und deren familiennahe Ausrichtung. Verschiedene Bausteine sollen in Monheim zur Förderung von Kindern und ihren Familien beitragen. So werden Qualifizierung und Vernetzung groß geschrieben und eine komplexe kind-, eltern-, familien- und umweltbezogene Betrachtung der kindlichen Lebenswelten, eine Vernetzung aller kinder- und jugendrelevanten Akteure und ein Ausbau der trägerübergreifenden Qualifizierung voran getrieben.

Die derzeit in Nordrhein-Westfalen im Aufbau befindlichen Regionalen Bildungsnetzwerke berücksichtigen die Bedeutung der Schulen für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen und binden weitere regionale Experten ein: Musikschulen, Volkshochschulen, Kirchen, Polizei, Kammern. Regionale Bildungsnetzwerke unterstützen die Idee eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses, indem sie über Altersgrenzen hinweg schulisches und außerschulisches Lernen in den Mittelpunkt stellen. Durch die Zusammenführung der lokalen Bildungs-, Erziehungs- und Beratungssysteme zu einem Gesamtsystem wird eine Optimierung der Förderung von Kindern und Jugendlichen angestrebt. Durch regionale Bildungsnetzwerke sollen für Schulen, Kommunen und Schulaufsicht Informations- und Kommunikationsplattformen entstehen. Die Schulen können sich hier schulformübergreifend vernetzen, mit dem Schulträger und der Schulaufsicht eng zusammenarbeiten und unbürokratisch den Fortbildungsbedarf und Ressourceneinsatz abstimmen. Ziel der Vereinbarungen ist es, alle kommunalen und gesellschaftlichen Kräfte vor Ort zur Unterstützung von Schulen zu bündeln.

2. Stadtteilbezug berücksichtigen

Nicht nur jede Kommune ist "anders als der Durchschnitt", auch jeder Stadt- und Ortsteil hat spezifische Problemstrukturen und eine eigene Angebotssituation. Kooperation und Vernetzung sollte daher auf diese besondere Situation zugeschnitten sein und sozialraumorientiert operieren.

Die Gelsenkirchener Elternschule sucht einen frühen Zugang über einen Besuch der Familie zur Geburt des Kindes und strebt eine Präventionskette von der Schwangerschaft bis zum Eintritt in die Tageseinrichtung an. Ein flächendeckendes Angebot für Familien mit Kindern im Alter 0-3 Jahren und 4-7 Jahren mit Standorten im gesamten Stadtgebiet soll hierzu beitragen. Im Stadtteil sorgen Elternbildungskonferenzen für ein gezieltes Miteinander der Profis. Elternbefragungen, Arbeitsgruppen in den Stadtteilen und eine Evaluation der aktuellen Elternangebote sollen ein bedarfsgerechtes Angebot für Familien im Wohnumfeld gewährleisten.

3. Angebote von Anfang an vernetzen

Ganz besonders wichtig ist es, eine solche Vernetzung auch für neue und eher sozialraumnahe Angebote – wie etwa die Familienzentren – von Anfang an zu gewährleisten. Dies wurde zum Beispiel in Werne angegangen.

Das "Familiennetz Werne" versteht sich als Zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Familie und ist explizit nicht auf Notsituationen und Entwicklungsprobleme fokussiert. Hier werden Informationen zur Kindertagesbetreuung, zu Kindergeld und Elternzeit aber auch zu Freizeit- und Sportangeboten und zu Bildungsangeboten weiter gegeben. Das Familiennetz Werne ist gleichzeitig eine Servicestelle für alle Werner Familienzentren und Kindertageseinrichtungen. Sie organisiert die Abdeckung von Randzeiten und Notfallsituationen, vermittelt die Tagespflege und organisiert die Vernetzungsarbeit der Kindertageseinrichtungen. Hier werden Sprechstunden angeboten und ein Tageselterncafe angeboten und auch die Beteiligung von Familien vorbereitet und organisiert. Es gibt eine Arbeitsgruppe sowohl von hauptamtlich Tätigen im Bereich „Familienarbeit“ in Werne als auch ehrenamtlicher Kräfte (z. B. Kirchengemeinden) mit dem Ziel, die Angebote der einzelnen Einrichtungen zu vernetzen, qualitativ zu erweitern, um Bedarfe von Familien in Absprache mit den Trägern frühzeitig abdecken zu können.

4. Übergänge zwischen den Institutionen berücksichtigen

Wenn die Bildungsbiographien der Kinder und Jugendlichen und nicht die institutionellen Strukturen im Vordergrund stehen sollen, dann muss gerade den institutionellen Übergängen und ihrer kooperativen Gestaltung besonderes Augenmerk zukommen. Kooperative Angebote erleichtern Familien den Zugang zu den jeweils anderen Bereichen.

Die KinderLernwelt Essen will zum Beispiel den fließenden Übergang von Kindergarten zur Grundschule fördern: unterschiedliche Beobachtungsbögen, Diagnoseverfahren und Fördermaterialien wurden in Essener Kindertagesstätten und Grundschulen auf ihren Einsatz hin überprüft. Beim Spielen wird beobachtet, welche Fähigkeiten die Kinder schon erworben haben und wie man sie weiterhin fördern kann. Lehrerinnen und Lehrer erhalten durch diese systematische Beobachtung früh ein Bild von ihren neuen Schützlingen und können diese besser verstehen. Unterstützt wird dieses Zusammenspiel durch das Begegnungsjahr, in dem Kita und Grundschule eng kooperieren. Eltern erfahren mehr über ihre Kinder, denn sie sind in den Gesprächen über ihr Kind beteiligt. So wird die Zusammenarbeit vereinfacht und das Erfahrungswissen weitergetragen. Seit 2005 kümmert sich die Essener Koordinierungsstelle Schule Beruf bei der Schulverwaltung um das systematische Übergangsmanagement. In der SchülerLernwelt Essen kommen die Berufe in die Schule. Berufsvertreterinnen und Berufsvertreter besuchen die Klasse oder die Klasse kommt in den Betrieb.

Das Bielefelder Jugendhaus unterstützt junge Leute unter 25 Jahren, die einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen. Mit verschiedenen Angeboten in einem Haus und aus einer Hand begleitet das Jugendhaus Jugendliche ab der achten Klasse bis zur Integration in den Arbeitsmarkt. Durch ein einheitliches Konzept werden die SGB II-Leistungen und die Leistungen der Jugendberufshilfe (SGB VIII) aufeinander abgestimmt und eine koordinierende Steuerung der einzelnen Schritte im Integrationsprozess von benachteiligten Jugendlichen sichergestellt. Diese an zentraler Stelle gebündelte Steuerung ermöglicht eine zügige und passgenaue Abstimmung der Angebote und verhindert parallele Mehrfachangebote für Jugendliche. Um die Integrationschancen des einzelnen Jugendlichen zu erhöhen, werden auch die Leistungen der Jugendberufshilfe im Rahmen eines Fallmanagements erbracht und frühzeitig präventiv angesetzt. Hieraus resultiert eine optimierte Beratungs- und Betreuungsstruktur, die die Berufsbildung der Jugendlichen fördert und die Familien nachhaltig entlastet.

 

Resümee

Familien bilden, sie vermitteln Bildung und sie benötigen selbst Bildungsangebote, um ihren Aufgaben nachkommen zu können. Hierbei treffen sie auf ein komplexes System bereits etablierter und neuer Bildungsangebote. Vernetzung und niedrigschwellige Angebote – dies sind wichtige Herausforderungen an die Kommunen, wenn es um das Thema Familie und Bildung geht. Beispiele aus nordrhein-westfälischen Kommunen zeigen, dass die unterschiedlichen Ansatzpunkte zur Bewältigung dieser Herausforderungen von den Kommunen aufgegriffen und auf innovative Weise umgesetzt werden.


Literatur:

Paritätisches Bildungswerk e.V., Hrsg. (2006): Nah dran. Familienbildung in Familienzentren. Eine Arbeitshilfe für die Zusammenarbeit mit Familienzentren und Kindertagesstätten, Wuppertal.

BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2005): Zwölfter Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin

Konsortium Bildungsberichterstattung, Hrsg. (2006): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld

"Familien stark machen – neue Wege beschreiten. Handreichung für die Familienbildung in Baden Württemberg" (2003), Stuttgart

Paritätisches Bildungswerk Nordrhein-Westfalen e.V. (2005): Arbeitshilfe "Familienbildung kooperiert", Wuppertal

Bildung, Teilhabe, Integration. Neue Chancen für junge Menschen in Nordrhein-Westfalen. 9. Kinder- und Jugendbericht der Landesregierung, Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen als Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe - Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven der Kinder- und Jugendpolitik der Landesregierung und in der Kinder- und Jugendhilfe. Eine Bilanz von 2005 bis 2010, Düsseldorf


Autorin:

Angelika Engelbert
Leiterin des Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.

Erstellungsdatum: 10.02.2010
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