Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Soziale Netzwerke

Bürgerschaftliches Engagement von und für Familien

von Angelika Engelbert

Bürgerschaftliches Engagement ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Stärkung des Gemeinwohls – und zur Stärkung der Familien. Ein abgestimmtes Vorgehen von Kommunalverwaltung und bürgerschaftlichem Engagement ist dabei wichtig. Beispiele aus nordrhein-westfälischen Kommunen zeigen, welche Schritte man gehen kann.
Freiwilliges Engagement von Bürgerinnen und Bürgern stärkt das Gemeinwohl. Es schafft Vertrauen, unterstützt soziale Netzwerke und bildet soziales Kapital. Gegenüber der professionellen oder rein privaten Hilfeleistung ist diese Form der Unterstützung gerade im sozialen Bereich mit besonderen Stärken verbunden. Hierzu gehört unter anderem ein hohes Maß an Flexibilität der Unterstützung und die Möglichkeit, Hilfe im Rahmen von persönlichen Beziehungen zu erhalten, ohne dabei eigene Verpflichtungen einzugehen.

Der folgende Beitrag nimmt die Perspektive der kommunalen Familienpolitik ein und fragt nach dem Verhältnis von Familie und bürgerschaftlichem Engagement. Dabei geht es keineswegs nur darum, die Möglichkeiten einer Entlastung und Unterstützung der Familien durch das Engagement auszuloten, sondern auch darum, die Beiträge der Familien zum bürgerschaftlichen Engagement zu verdeutlichen.

Die verwendeten Begriffe sind vielfältig. So wird von „bürgerschaftlichem Engagement“ zum Beispiel gesprochen, um die Beiträge der Bürgergesellschaft von öffentlichem oder privatem Engagement abzugrenzen, „Freiwilligenarbeit“ wird von den Engagierten als Bezeichnung der eigenen Tätigkeit bevorzugt, und in der (kommunalen) Praxis spricht man dagegen häufig vom „Ehrenamt“. Im Folgenden werden alle drei Begriffe synonym gebraucht.

 

Informationen zum Engagement

Die Aufmerksamkeit für das Thema bürgerschaftliches Engagement nimmt in Öffentlichkeit und Politik immer mehr zu. Im Jahr 2001 haben die Vereinten Nationen das „Internationale Jahr der Freiwilligen“ ausgerufen. Viele öffentliche Kampagnen und Veranstaltungen haben damals auf die Leistungen von Menschen aufmerksam gemacht, die sich freiwillig und unentgeltlich engagieren. Aufgrund der Empfehlungen der Enquetekommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagement“ wurde ein Unterausschuss des Deutschen Bundestages zum Thema eingerichtet, und das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) befasst sich seit 2002 mit Fragen der Unterstützung und Förderung der Bürgergesellschaft.

Im Jahr 1999 wurde in der Bundesrepublik erstmals ein breit angelegter repräsentativer „Freiwilligensurvey“ durchgeführt, der detaillierte Auskunft über Art und Umfang des Engagements und seine Motive gibt. Seitdem wurde der Survey bereits zweimal (2004 und 2009) wiederholt. Die Veröffentlichung des aktuellen ausführlichen vergleichenden Berichtes ist für den Sommer 2010 vorgesehen.

Erste Auswertungen lassen jedoch bereits jetzt erkennen, dass sich wesentlicheStrukturen und Trends beim bürgerschaftlichen Engagement in den letzten zehn Jahren verfestigt haben (Monitor Engagement 2010). So haben alle drei Befragungen zeigen können, dass sich ungefähr ein Drittel der Befragten tatsächlich in irgendeiner Form engagieren (derzeit 36%). Zu einem Engagement (eventuell) bereit waren im Jahr 2009 insgesamt 37%. Dabei wurde Engagement sehr breit verstanden und Wert darauf gelegt, auch weniger häufige Engagementformen zu erfassen. Der Text der entsprechenden Frage in der Untersuchung lautet: „…freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten, die man unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung…beispielsweise in einem Verein, einer Initiative, einem Projekt oder einer Selbsthilfegruppe ausübt“.

Hinsichtlich der Motivation der freiwillig Engagierten lassen sich nach wie vor zwei Motivbündel unterscheiden, die sich jedoch keinesfalls gegenseitig ausschließen. Demnach geht es den Freiwilligen einerseits darum, etwas für das Gemeinwohl zu tun, andererseits haben sie jedoch auch eigene Interessen, die sie mit dem Engagement verfolgen. Hierzu gehören zum Beispiel der Wunsch nach Geselligkeit, nach neuen Erfahrungen oder Bestätigung.

 

Familien ermöglichen Engagement

In der Familie wird der Grundstein für das bürgerschaftliche Engagement gelegt. Hier lernen Kinder entscheidende Verhaltensweisen und –regeln und entwickeln normative Orientierungen, die für eine Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten wichtig sind. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Lernen am Vorbild – vor allem am Vorbild der Eltern. Das in der Familie erfahrene „Engagementklima“ prägt nachhaltig die Fähigkeit und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung im bürgerschaftlichen Engagement (Hartnuß/Klein 2006:283).

Die Familie ist außerdem ganz grundlegend daran beteiligt, dass sich Offenheit und Interesse für eine aktive Teilnahme am Gemeinwesen entwickeln (Enquete-Kommission 2002: 291ff). In Familien sind Beziehungen möglich, die die Erfahrung von emotionaler Unterstützung und wechselseitiger Anerkennung gewährleisten. Dies ist wiederum Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Beides ist förderlich, um auf einer gesicherten Basis den Kontakt zur Umwelt zu suchen und aufrecht zu halten – zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Engagement für andere. Auch die Erfahrung von gegenseitiger Unterstützung und Solidarität innerhalb und zwischen den Generationen sowie in familialen und außerfamilialen Netzwerken ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Verantwortung für andere übernommen wird.

Familien sind im Übrigen einer der wichtigsten Träger des bürgerschaftlichen Engagements. Mit der Haushaltsgröße nimmt der Anteil der Engagierten deutlich zu (Monitor Engagement 2010:38). Die Ergebnisse des jüngsten Freiwilligensurveys haben das Bild der besonders Aktiven im „Familienalter“ (35-49 Jahre) noch einmal erhärtet. Dazu trägt sicherlich auch deren Engagement für (ihre) Kinder bei. So berichteten im Jahr 2004 69,4% derjenigen, die sich freiwillig engagierten und die in Paarbeziehungen mit Kindern lebten, dass es bei ihrem Engagement unmittelbar auch um ihre eigenen Kinder ginge (WZB 2009: 101). Im Bereich Kindergarten und Schule stieg die Engagementquote in den letzten 10 Jahren weiter an. Mit einem Anteil von 6,9% gehörte er im Jahr 2009 nach wie vor zu den „großen Engagementbereichen“ (ebd:18).

 

Familien werden unterstützt

Familien schaffen insofern wichtige Grundlagen für bürgerschaftliches Engagement. Viele Familien erfahren aber auch selbst Unterstützung durch Ehrenamtliche. Vor allem die Vielfalt ihrer Aufgaben stellt Eltern vor große Herausforderungen, deren Bewältigung nicht immer gelingt und die manchmal auch zu Überforderung führen können. Unterstützung ist deshalb fast immer hilfreich und in manchen Situationen unverzichtbar.

Hilfen für Familien kommen nicht nur von öffentlichen Institutionen und Professionellen, sondern werden auch im Rahmen von ehrenamtlichen Tätigkeiten angeboten. Fast die Hälfte (49%) des gesamten freiwillligen Engagements kommt Familien und älteren Menschen zugute, rund 40% ausschließlich den Familien und den Kindern (WZB 2009: 98). Durch bürgerschaftliches Engagement wird auf diese Weise Entlastung geschaffen, die auch dazu beiträgt, dass Familien sich wieder selbst helfen können. Gestärkt werden durch das Engagement auch die sozialen Netzwerke und das soziale Umfeld der Familien. Schließlich geht es hierbei auch um die Unterstützung derjenigen Institutionen (z.B. Wohlfahrtsverbände), die sich um Familien und ihre Angehörigen kümmern (Röbke 2005: 42).

Engagement sowohl für, als auch von Familien findet sich dabei insbesondere in den folgenden Bereichen (Hartnuß/Klein 2006: 284):

  • Entlastung von alleinerziehenden Müttern und Vätern
  • Erziehungsberatung
  • Familienergänzende Angebote
  • Freizeit- und Bildungsangebote für Eltern und Kinder
  • Familienentlastende Angebote
  • Hilfen beim Übergang von Schule in Ausbildung
  • Familie und Gesundheit

 

Notwendige Unterstützung auf der kommunalen Ebene

Bürgerschaftliches Engagement wird überall benötigt und es findet in allen Kommunen statt. Dennoch lassen sich Unterschiede feststellen. Das Vereinswesen und auch das bürgerschaftliche Engagement sind in den kleineren Kommunen stärker ausgeprägt (Engagementatlas 09: 25). Hieraus erklärt sich auch, dass Fachleute aus solchen Kommunen auf die Frage nach wichtigen Aspekten einer (Fort-) Entwicklung der kommunalen Familienpolitik besonders häufig auf den Einbezug und die Stärkung des bürgerschaftlichen (bzw. „ehrenamtlichen“) Engagements verweisen. Im Rahmen von mittlerweile vier Workshops, die das Informations- und Qualifizierungszentrum für Kommunen in den Jahren 2008 und 2009 speziell für Kommunen mit einer Einwohnerzahl bis 28.000 durchgeführt hat und bei denen über 100 familienpolitische Fachleute aus insgesamt 82 Kommunen dieser Größenordnung mitgearbeitet haben, wurden in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Herausforderungen, aber auch viele Ansatzpunkte zu ihrer Bewältigung genannt.

Immer wieder angeführt wurde dabei, dass die tatsächliche Angebotslage, aber auch der gegebene Bedarf für ehrenamtlich bereit gestellte Hilfen zu wenig bekannt seien. Dies resultiere unter anderem aus einer gewissen „Strukturlosigkeit“ im Bereich des ehrenamtlichen Engagements. Viele Vereine würden eher isoliert von anderen arbeiten, auch vorhandene Konkurrenzen und „Empfindlichkeiten“ in der Vereinslandschaft würden eine geregelte Kooperation schwierig machen. Für die Kommune als öffentlicher Träger würden sich häufig recht hohe Anforderungen aus der Tatsache ergeben, dass Initiative, Moderation und Unterstützung für das bürgerschaftliche Engagement erforderlich seien.

Unklare Erwartungen und auch eine unklare Ressourcenlage auf beiden Seiten wurden als weitere Erschwernisse einer funktionierenden Zusammenarbeit genannt. Solche Kommunikationsbarrieren gebe es allerdings auch ganz allgemein zwischen der Kommune und den freien Trägern. Es fehlten daneben häufig Initiative und Verlässlichkeit im Bereich des ehrenamtlichen Engagements. Umgekehrt komme dem bürgerschaftlichen Engagement jedoch nicht die erforderliche Wertschätzung zu.

Ein erster Schritt zur Bewältigung dieser Herausforderungen liegt in den Augen der Workshopteilnehmerinnen und –teilnehmer darin, eine Bestands- und Bedarfserhebung des bürgerschaftlichen Engagements für Familien durchzuführen. Kommunale Unterstützung solle zunächst bei dem ansetzen, was bereits vorhanden ist und funktioniert. Hierauf könne dann aufgebaut werden. Grundsätzlich wurde jedoch auch eine Ziel- und Ressourcenplanung für notwendig gehalten.

Einer der wichtigsten Punkte auf der erarbeiteten Agenda war die Verbesserung der Kommunikationssituation zwischen öffentlichem und bürgerschaftlichem Bereich. Wichtig sei hier eine Kooperation „auf Augenhöhe“ und „ohne Bevormundung“, die gewährleisten könne, dass vorhandene Ängste, Unsicherheiten und Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden können. Die Kommune solle sich dabei eher als Moderator verstehen und durch persönliche Gespräche gegenseitiges Vertrauen ermöglichen.

Insgesamt sei ein „Kümmerer“ wichtig, der die Förderung des ehrenamtlichen Engagements als seine Aufgabe sehe und für Kommunikation und Kooperation im Feld der Akteure Sorge trage – so die nahezu einhellige Meinung der beteiligten Fachleute aus den kleineren Kommunen.

 

Vielfältige Formen der kommunalen Förderung von Engagement

Die Notwendigkeit einer Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements wird auf allen politischen Ebenen erkannt. In Nordrhein-Westfalen geht es dabei beispielsweise um Maßnahmen für einen besseren Versicherungsschutz der Engagierten und um das Thema Anerkennungskultur. Auch die kommunale Ebene ist im Blick, u.a. als Partner bei der Einführung der Ehrenamtskarte. Zudem wurde die strategische Weiterentwicklung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements vor Ort im Rahmen eines Workshops für Kommunen gefördert (Bergold/ Mörchen 2010). Dies soll in den folgenden Jahren fortgeführt werden.

Auf der kommunaler Ebene gibt es ebenfalls bereits vielfältige Formen der Unterstützung des Engagements. Hierzu gehören auch direkte und indirekte Zuwendungen an Vereine und Verbände.

In den letzten Jahren erwiesen sich viele Kommunen aber vor allem als Motor für die Einrichtung neuer Unterstützungsstrukturen (Jakob 2009). Hier geht es um infrastrukturelle Einrichtungen neuerer Art, die sämtlich für eine Stärkung des Ehrenamtes wichtig werden können, die sich allerdings von ihrem Bezug auf Engagementförderung und auch auf Familienpolitik unterscheiden. So stehen bei Selbsthilfekontaktstellen, bei Freiwilligenagenturen oder auch bei Seniorenbüros das Engagement und seine Förderung im Vordergrund. Den Mütterzentren, Nachbarschaftshäusern, Mehrgenerationenhäusern und auch den lokalen Bündnissen für Familien geht es dagegen vorrangig um die Unterstützung für Familien. Dennoch passiert auch hier Wesentliches zur allgemeinen Stärkung des Engagements.

Es gibt also bereits vielfältige Formen der Förderung und Unterstützung. Dennoch gilt zumindest mit Bezug auf das Engagement für Familien aus der Sicht der vor Ort Tätigen offensichtlich immer noch: „Bürgerschaftliches Engagement braucht Strukturen“ (Olk 2010: 45). Solche Strukturen lassen sich insbesondere durch Information, Kooperation, Koordination und durch eine gezielte Förderung der Rekrutierung und des Einsatzes von Ehrenamtlichen herstellen. Dies war insgesamt ein wichtiges Ergebnis der Diskussionen der familienpolitischen Fachleute. Einige Beispiele aus nordrhein-westfälischen Kommunen können verdeutlichen, wie dies mit Bezug auf familienpolitische Ziele konkret zu realisieren ist.

Bei diesen Beispielen können vor allem drei Strategien einer Förderung des bürgerschaftlichen Engagements unterschieden werden, die angewandt und im Übrigen auch häufig miteinander kombiniert werden. (Alle Beispiele guter Praxis werden auf www.familie-in.nrw.de im Kanal „Zusammenarbeit“ näher beschrieben. Die Medienliste zum Thema weist die entsprechenden Links aus.)

 

Gezielte Nutzung der Stärken ehrenamtlicher Unterstützung

Einige Kommunen nehmen die Probleme einzelner, besonders belasteter Familiengruppen gezielt in den Blick und nutzen dabei auch die besonderen Stärken ehrenamtlicher Arbeit. So werden zum Beispiel sehr junge Familien (Mühlheim an der Ruhr), Alleinerziehende, benachteiligte Familien (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder Familien mit Zuwanderungshintergrund durch kompetente Freiwillige begleitet. Sogenannte Patenmodelle ermöglichen den Aufbau längerfristiger vertrauensvoller Beziehungen und stärken Familien in ihrem Alltag und im Umgang mit ihrer Umwelt. Dabei werden auch gezielt Freiwillige mit vergleichbarem familiärem, sozialem oder kulturellem Hintergrund rekrutiert.

Das Projekt FamilienStart in Mülheim an der Ruhr begleitet junge Familien, besonders allein erziehende Mütter und Väter, zu Beginn der Familiengründung. Durch qualifizierte ehrenamtliche Patinnen und Paten erhalten junge Eltern Anleitung bei der Versorgung ihres Säuglings, werden vorhandene Fähigkeiten gestärkt und ausgebaut und Hilfen bei alltäglichen Angelegenheiten gegeben. Die Familien erhalten die Möglichkeit, für ca. ein Jahr durch eine verlässliche Bezugsperson unterstützt zu werden. Die Begleitung erfolgt in alltäglichen Angelegenheiten. Themenschwerpunkte sind vor allem die Ängste vor Isolation, Unsicherheiten in Erziehungsfragen, die Organisation des Haushaltes, die Begleitung zu Behörden und Ärztinnen und Ärzten sowie Hilfe für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei Verständigungsschwierigkeiten. Das CBE (Centrum für bürgerschaftliches Engagement) gewinnt und vermittelt die ehrenamtlichen Patinnen und Paten für das Projekt. Sie werden in verschiedenen Modulen von kompetenten Personen geschult. Ergänzend finden regelmäßige Treffen der Ehrenamtlichen mit den Fachkräften statt.

Im Ennepe-Ruhr-Kreis bieten sozial kompetente Mütter und Väter, die selbst Hilfen nach dem SGB II beziehen, frühzeitige, niedrigschwellige und vernetzte Hilfe für Familien an. Unterstützt werden vor allem Familien mit Kleinkindern und Schwangere. Durch entsprechende Qualifizierung werden die Patinnen und Paten auf ihre Aufgabe vorbereitet. Familien, die aufgrund persönlicher Vorurteile unterstützenden Stellen wie dem Jugendamt mit Misstrauen oder sogar Ablehnung begegnen, sollen über die freiwillige Annahme der Unterstützungs- und Beratungsdienstleistungen der Patinnen und Paten Vertrauen gewinnen und sich auch anderen Einrichtungen gegenüber offener zeigen. Die Patinnen und Paten fungieren als Bindeglied zwischen familienunterstützenden und beratenden Institutionen. Nach gemeinsamer Kontaktaufnahme des jeweiligen Netzwerkpartners und der Patinnen bzw. Paten können die hilfesuchenden Familien sich für eine regelmäßige Unterstützung in Form von Hausbesuchen entscheiden.

 

Gewinnung und Vermittlung von Ehrenamtlichen für Familienbelange

In einigen Kommunen setzt man (auch) auf gezielte Strategien zur Rekrutierung und zum Einsatz von Ehrenamtlichen für die Unterstützung von Familien. Dies geschieht etwa im Kontext von allgemeinen Vermittlungshilfen für familienunterstützende Dienstleistungen, als Teil eines umfassenden Leistungskatalogs von Servicestellen, wie in Werne oder im Rahmen eines generationsübergreifenden Projektes wie in Altena.

In Werne gibt es eine Servicestelle für Familienzentren und Kindertageseinrichtungen in einem zentral gelegenen Haus. Unter dem gleichen Dach wurden auch ein Familientreffpunkt sowie ein Bürgerbüro eingerichtet, das über Angebote für Familien informiert. Die Anlaufstelle soll Angebote koordinieren und dazu beitragen, Bedarfslücken zu schließen. Sie ist nicht nur eine zentrale Anlauf- und Informationsstelle für alle Fragen und Anliegen rund um die Familie sowie eine Servicestelle für alle Werner Familienzentren und Kindertageseinrichtungen, sondern will über eine Ehrenamtsbörse zum Beispiel auch Paten und Leihgroßeltern vermitteln. Eine ständige Arbeitsgruppe sowohl von hauptamtlich Tätigen im Bereich Familienarbeit in Werne als auch ehrenamtlicher Kräfte wurde eingerichtet, mit dem Ziel, die Angebote der einzelnen Einrichtungen zu vernetzen und qualitativ zu erweitern.

In Altena wurde ein Markt der Möglichkeiten durchgeführt, der zur Gründung von vier „Aktionsgruppen“ mit über 60 Bürgerinnen und Bürger geführt hat. Unter anderem gibt es die Aktionsgruppe „Für Junge“, die Familien-Patenschaften initiiert, und die Gruppe „Für Ältere“, die sich Hilfe und Beratung für die ältere Generation vorgenommen hat. Im „Stellwerk“, dem Generationenbüro für Altena, suchen und vermitteln ehrenamtliche.Helferinnen und Helfer unter hauptamtlicher Begleitung unter anderem solche Familienpaten und gewährleisten Koordination sowie die Verknüpfungen zum klassischen Ehrenamt und zu den Aktionsgruppen.

 

Kooperation und Vernetzung von Professionellen und Ehrenamtlichen

Im Rahmen einer Vernetzungsstrategie werden in den Kommunen dauerhaft funktionierende Kooperationsstrukturen wichtig. Motoren solcher Vernetzungsinitiativen sind nicht nur die Kommunen, sondern manchmal auch die Ehrenamtlichen selbst. Unterstützt werden sie dabei auch im Rahmen neuer institutioneller Strukturen, wie sie zum Beispiel die Nachbarschaftszentren in Hilden, ein Mütterzentrum in Kamen oder kreisweite Netze kommunaler Freiwilligenbörsen im Oberbergischen Kreis bieten.

Die Stadt Hilden will Altentagesstätten zu attraktiven und nachfrageorientierten Begegnungsstätten weiter entwickeln. Fünf Altentagesstätten wurden bereits zu Nachbarschaftszentren umstrukturiert. Ziele sind unter anderem der Aufbau dauerhafter sozialer Beziehungen, projektbezogenes, freiwilliges Engagement, die Einrichtung von Hilfsbörsen, generationenübergreifende Nachbarschaftsprojekte sowie die Vernetzung und Zusammenarbeit der Akteure im Gemeinwesen. Angestrebt ist der Aufbau von Netzwerken in fünf Stadtteilen. Angesprochen wurden alle Bürgerinnen und Bürger ab 50 Jahren. Selbst organisierte Netzwerke wurden gebildet, aus denen verschiedene Basisgruppen entstanden sind. Sie werden durch die Nachbarschaftszentren unterstützt.

In Kamen wollten einige Familien selbst aktiv werden und das soziale Leben mitgestalten. Hauptmotiv war der Wunsch nach einem Treffpunkt, einer Informationsdrehscheibe und Kontaktbörse für Eltern und Kinder im öffentlichen Raum (Familiencafe / offener Treff). Es ging um mehr Bildungs- und Freizeitaktivitäten aber auch darum, verschiedene Qualifikationen und Fähigkeiten zusammenzuführen und diese durch die „Plattform Familienbande“ für Besucher nutzbar zu machen. Realisiert wurde diese umfassende bürgerschaftliche Initiative für Familien und ihre Anliegen im Rahmen eines Mütterzentrums.

Der Ausbau eines Netzwerks von Professionellen und Ehrenamtlichen im Oberbergischen Kreis wird durch qualifizierte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vor Ort vorangetrieben, und die Bürgerinnen und Bürger werden durch die Einrichtung von Zukunftswerkstätten an der Ideenfindung beteiligt. Potenzielle Freiwillige werden durch spezielle Beiträge in Zeitungen, Veranstaltungen oder durch gezielte persönliche Ansprache für die neuen Freiwilligendienste aller Generationen gewonnen. Im Zuge der Qualifizierung werden sie mit hauptamtlich Tätigen zusammengeführt. Die Partner der Projektinitiatoren sind z.T. unmittelbar in der Kreisverwaltung zu finden – etwa die Sozialen Dienste oder die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises. Daneben können sie sich auch auf die Mithilfe der Familienbildungsstätte, der Freiwilligenbörse Gummersbach, des Mehrgenerationenhauses und der 13 Städte und Gemeinden stützen. Diese Projektpartner sind zu einer Steuerungsgruppe zusammengefasst.

 

Resümee

Bürgerschaftliches Engagement hilft den Familien und dem Gemeinwesen. Familien tragen aber auch dazu bei, dass die Voraussetzungen für ein solches Engagement gegeben sind. Familienangehörige engagieren sich außerdem selbst in besonderem Maße für andere. Für viele Familien stellt eine ehrenamtliche Unterstützung durch andere aber auch eine wichtige Ressource zur Bewältigung des Alltags dar. Um diese Ressource mit ihren besonderen Stärken zu nutzen und zu vermehren, ist ein Zusammengehen von bürgerschaftlichem und öffentlichem Engagement sinnvoll. Vor allem Information, Koordination, Vermittlung und eine funktionierende Kooperation „auf Augenhöhe“ sind in diesem Zusammenhang gefordert. Beispiele aus nordrhein-westfälischen Kommunen können hierzu konkrete Ansatzpunkte aufzeigen.


Literatur:

Bergold, Ralph / Mörchen, Annette (Hrsg.) (2010): Zukunftsfaktor bürgerschaftliches Engagement. Chance für kommunale Entwicklung. Beispiele und Perspektiven. Bad Honnef.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010): Informationen zum 3. Freiwilligensurvey (1999-2009).

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010): Monitor Engagement. Ausgabe Nr.2. Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009. Kurzbericht des 3. Freiwilligensurveys.

Engagementatlas 09 (2009): Engagementatlas 09. Daten. Hintergründe. Volkswirtschaftlicher Nutzen. Hrsgg. von Prognos AG und Generali Deutschland Holding AG

Hartnuß, Birger / Klein, Ansgar (2006): Familie und Bürgergesellschaft. In: Schmidt, Nora (Hrsg.), Handbuch Kommunale Familienpolitik. Berlin (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge), S.281-289

Jakob, Gisela (2009): Kommunen und bürgerschaftliches Engagement - gegenwärtiger Stand, Probleme und Lösungsansätze. Expertise für den Bericht „Potenziale und Grenzen von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement in Deutschland.“ Darmstadt http://www.wzb.eu/zkd/zcm/zeng/pdf/expertise_jakob.pdf, letzter Zugriff am 27.5.2010

Olk, Thomas (2010): Familien stärken und unterstützen durch freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement. In: Dokumentation Familienkongress Dorfmund. Familien stärken und unterstützen, S. 44-45

Röbke, Thomas (2005): Bürgerschaftliches Engagement und Lokale Bündnisse für Familie. In: Dokumentation der Fachtagung „Lokale Bündnisse für Familie und Bürgerschaftliches Engagement am 15.03.2005 in Berlin. Berlin (zitiert nach Hartnuß / Klein 2006)

WZB (2009): Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Projektgruppe Zivilengagement: Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Berlin


Autorin:

Angelika Engelbert
Leiterin des Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.

Foto: © dinarowe - Fotolia.com

Erstellungsdatum: 25.06.2010
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