Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Beteiligung

Methoden der Beteiligung von Familien

von Beatrix Schwarze

Beteiligung braucht Methode: Die Auswahl konkreter Beteiligungsmethoden setzt die Kenntnis von Anwendungs- und Umsetzungsbedingungen in Bezug auf die Familien voraus. Der Text stellt Methoden vor, die auch bei der Beteiligung bildungsferner Familien eingesetzt werden können.
Beteiligung von Familien hat nicht nur eine familien- und jugendpolitische Dimension (z.B. § 36 SGB VIII), sondern muss ebenso Teil eines leistungs- und organisationsbezogenen Qualitätsmanagement sein. Beteiligung von Familien findet meist über die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern auf der Grundlage der jeweiligen Gesetze oder im Rahmen der Gemeinwesenarbeit statt.Im Rahmen eines „Kommunalen Familienmanagements“ ist die rechtzeitige Beteiligung von Familien besonders sinnvoll, um so Angebote auf die konkreten Bedarfe von Eltern und Kindern in der Kommune ausrichten zu können. Oder wie Bert Brecht formulierte: »Es ist eine demokratische und inhaltliche Selbstverständlichkeit, dass die Menschen das Haus, in dem sie leben wollen, selbst planen und gestalten können.“Dazu bedarf es einer transparenten Aussage der Politik, welche Stufe der Beteiligung im jeweiligen Beteiligungsverfahren vorgesehen wird.

 

„Familien sind Kunden in der Kommune“

Familien wollen ihr kommunales Umfeld „da, wo sie leben“, mit gestalten. Eine Kommune ist gut beraten, für die Familien, also die Kundinnen und Kunden der Kommune, Beteiligungsmöglichkeiten und Maßnahmen zu entwickeln, die dazu beitragen, die künftigen Lebensverhältnisse der Familien positiv zu gestalten. So können durch die Zufriedenheit der Familien mit Ihrem Lebensumfeld die Beziehungen der Familien intern und extern stabilisiert und ausgeweitet werden. Beteiligung setzt aber ein ressourcenorientiertes Menschenbild der Mitarbeitenden in der Kommune voraus, die Anregungen der Familien zu schätzen wissen. Ziel ist der Aufbau einer langfristigen, vertrauensvollen und für beide Seiten vorteilhaften Beziehung.

Um eine motivierte und aktive Beteiligung der Familien zu erreichen, sind die Verantwortlichen vor eine schwierige Herausforderung gestellt - insbesondere unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenssituation von Familien.

Dabei erfordert Beteiligung nicht neue, sondern auf die Situation der zu beteiligenden Familien abgestimmte Methoden und Kommunikationskonzepte. Im Prozess der Beteiligung ist in erster Linie ein guter Kommunikationsprozess in Gang zu setzen.

Ausgangsfragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen sind deshalb:

  • Welche Familien genau will ich/ kann ich in welchem Maße beteiligen, welche Ziele sollen durch die Beteiligung erreicht werden?
  • Welche Ausgangsbedingungen finde ich bei den zu beteiligenden Familien vor? Welches Kommunikationskonzept ist erforderlich?
  • Welche strukturellen Voraussetzungen sind zu beachten?

Im Folgenden werden Methoden vorgestellt, die auch bei der Beteiligung von bildungsfernen Familien genutzt werden können. Vorausgesetzt wird hierbei, dass förderliche Rahmenbedingungen der Beteiligung wie zum Beispiel Transparenz, Glaubwürdigkeit, Grenzen der Beteiligung und kurzfristige Umsetzungserfolge, etc. berücksichtigt werden.

 

Schriftliche Familienbefragung

In Ergänzung zu vorhandenen kommunalen Daten kann eine schriftliche Familienbefragung Einblicke in die von den Familien wahrgenommene Realität geben. Im Vordergrund der Befragung stehen Aspekte der sozialen und ökonomischen Lebenssituation, von den Familien wahrgenommene Bedarfe sowie Aspekte der Zufriedenheit von Familien, die mit der amtlichen Statistik und prozessproduzierten Daten nicht oder nur unzureichend abgebildet werden können.

Insgesamt wird der Fragebogen so aufgebaut, dass in Zukunft flexibel auf die Informationsbedarfe vor Ort reagiert werden kann. So ist es beispielsweise möglich, regelmäßig einen Satz von Kernfragen (soziodemografische und sozioökonomische Daten) zu stellen, die periodisch mit Fragen zu bestimmten Spezialthemen angereichert werden können. Mögliche Module der Befragung sind:
  • Sozioökonomische Daten
  • Soziodemografische Daten
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Lebensraum Stadt
  • Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf
  • Kinder/Jugendliche in der Familie

 

Aktivierende Befragung

Die aktivierende Befragung eignet sich vor allem in der kleinräumigen Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit. Ziel ist es dabei, gemeinsam mit den betroffenen Familien Veränderungen zu erreichen. Und zwar auch durch deren eigenes Handeln. Für die Familien – mit den Familien.

Menschen sind dann bereit sich für etwas zu engagieren, wenn sie ein Eigeninteresse haben und wenn sie von der Notwendigkeit überzeugt sind! Die aktivierende Befragung ist eine Methode herauszufinden
  • was Familien denken und fühlen
  • was sie als veränderungsbedürftig ansehen
  • und inwieweit sie bereit sind, etwas zu tun, damit eine positive Veränderung eintritt

Wichtig ist die innere Haltung der beauftragenden Menschen in der Verwaltung, der Interviewerinnen und Interviewer und derjenigen, die die Befragung auswerten. Sie sollten neugierig auf die Meinung und Sichtweisen der Betroffenen sein und auf deren Fähigkeiten vertrauen, durch eigenes Handeln effektive Wirkungen zu erzielen.

Im Rahmen der aktivierenden Befragung muss ein Zusammentreffen mit anderen betroffenen Familien ermöglicht werden. Hierdurch kann eine Aktivierung der Menschen in einem kleinräumigen Bereich erreicht werden. Durch das Zusammenbringen mit anderen Interessierten können Gemeinsamkeiten entdeckt, Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Handlungsschritte entwickelt werden.

Die Vorbereitung der aktivierenden Beteiligung besteht aus folgenden Phasen:
  • Auswahl eines Befragungsgebietes, das von den Familien als Quartier verstanden wird; Beteiligung lokaler Akteure
  • Schulung der Interviewerinnen und Interviewer
  • Sicherstellung der professionellen Begleitung von Aktivitäten bzw. Projekten, die sich aus der Befragung und dem sich anschließenden Zusammentreffen der Familien entwickeln

Bei der aktivierenden Befragung ist die anlassbezogene Einteilung des Befragungsgebietes, die Auswahl der Interviewenden in Bezug auf Sprachkenntnisse und zudem die Beteiligung bekannter Institutionen im Hinblick auf zu befragende Familien hilfreich. Auch die persönliche Einladung aller Familien insbesondere zu Auswertungsversammlungen, zentrale Ansprechpartnerinnen und -partner, Pressearbeit und die öffentlichkeitswirksame Darstellung der Ergebnisse sind wichtige Merkpunkte.

 

Beteiligungsmobil

Das Beteiligungsmobil zeichnet sich dadurch aus, dass ein entsprechend gekennzeichnetes Fahrzeug, eine tragbare Litfaßsäule oder ähnliches regelmäßig an der gleichen Stelle im Quartier auf Beteiligungsmöglichkeiten der Familien aufmerksam macht. Dabei werden Familien gezielt aufgefordert, ihre Ideen, Anregungen oder Kritik zu konkreten, die Familien im Quartier betreffenden Fragestellungen einzubringen.

Geschulte Befragende (z.B. Studierende) mit Aufnahmegerät nehmen die Anregungen auf, bzw. erfragen Ärgernisse, Ideen, Verbesserungsvorschläge von Familien (Eltern, Jugendliche, Kinder, Seniorinnen und Senioren).

Wichtig ist, dass keine einmalige Aktion stattfindet, sondern dass sich das Beteiligungsmobil fest als „Ort zur Beteiligung“ etabliert. Die öffentliche Ankündigung, wann das Beteiligungsmobil im Quartier Halt macht (über Presse, Aushänge und Handzettel), ist notwendig. Das Thema, zu dem Ideen, Anregungen bzw. Kritik gewünscht werden, muss benannt werden, und die Familien müssen zur Beteiligung motiviert werden. Hinweise, wo die Beiträge hingehen und was damit passiert, sind ebenso erforderlich wie ein Feedback an die Quartiersöffentlichkeit.

 

Open Space

Bei Open Space handelt es sich um eine Methode ohne festen Programmablauf, bei der die Teilnehmenden zusammenkommen, um unter einem Hauptthema die Aspekte zu benennen und aufzuschreiben, die für sie höchste Priorität und Aktualität haben. Open Space dient der Aktivierung und Vernetzung von Menschen. Sie kann bei allen familienrelevanten Themen, bei denen schnelle Lösungen erarbeitet werden sollen, eingesetzt werden. Anregungen und Aspekte, die den Familien wichtig sind, können so einbezogen bzw. berücksichtigt werden.

Ein konkretes Thema wird mit einem klar umrissenen Vorgehen in einem klar definierten Rahmen bearbeitet. Folgende Voraussetzungen müssen gegeben sein:
1. Ein großer Raum und ggf. mehrere kleinere Räume sind notwendig
2. Die Regeln von Open Space werden beachtet:
  • Wer kommt, ist die richtige Person - Die Teilnehmenden gehen nur in die Themengruppen, die sie interessieren
  • Offenheit, für das was passiert – Jeder Beitrag ist wichtig
  • Es beginnt, wenn die Zeit reif ist – Die Teilnehmenden legen die Zeitstruktur innerhalb eines Rahmens fest
  • Vorbei ist vorbei – Es steht nur die Zeit zur Verfügung, die verabredet worden ist
  • Es gilt das „Gesetz der zwei Füße“ mit den Erscheinungsformen:
Hummeln … sind diejenigen Personen, die von einer Gruppe zur anderen gehen, sich einbringen, weitergehen und so von einer Gruppe zur anderen befruchtend wirken.
Schmetterlinge … nehmen es leichter. Man findet sie beim Kaffee oder im Freien. Sie dienen als Zentrum für Zwischengespräche, Spaß und Erholung.

In Arbeitsgruppen entstehen nach den oben genannten Regeln viele Einzelaspekte zum Thema, die diskutiert werden. Für die jeweiligen Arbeitsgruppen übernimmt die Person, die die Arbeitsgruppe vorgeschlagen hat, die Verantwortung. Die Ergebnisse und ein weiteres Vorgehen werden abgesprochen. Es wird ein Protokoll erstellt. Für alle einsehbar werden die Arbeitsgruppenprotokolle veröffentlicht. Alle Teilnehmenden erhalten die Protokolle und vereinbaren ein Controlling.

 

Arbeitsbuchmethode – Acht Schritte

Ein Vorteil der Arbeitsbuchmethode liegt darin, dass Familien persönlich von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren (möglichst zielgruppengenau) angesprochen und motiviert werden. Die Familien erhalten ein Arbeitsbuch, das je nach Thema und Zielgruppe ansprechend gestaltet wird. Wenn die Familien es möchten, erhalten sie Hilfestellung bei der Bearbeitung und können später bei Interesse in Arbeitsgruppen mitwirken. Es ist sinnvoll, die Methode in kleineren Quartieren und bei ähnlichen Interessenlagen zu nutzen, um die gewünschte Aktivierung zu erreichen.

Bei der Arbeitsbuchmethode wird in acht Schritten vorgegangen:

  • Vorklärung: Das Thema und die Adressatinnen und Adressaten der Handlungsempfehlungen sind definiert, die strukturellen Rahmenbedingungen liegen vor (Budget, Personal, Politik- bzw. Verwaltungsentscheidung) und Kooperationspartner, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren können gewonnen werden
  • Eine hauptamtliche Koordinatorin bzw. ein hauptamtlicher Koordinator wird benannt
  • Eine heterogene Redaktionsgruppe wird gebildet
  • Für die Familien relevante Themenbereiche und Fragen werden festgelegt
  • Ein kreatives Arbeitsbuch (je nach Zielgruppe gestaltet, z.B. bebildert,..) mit offenen Fragen wird entwickelt
  • Das Arbeitsbuch wird vervielfältigt und persönlich durch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren verteilt und eingesammelt. Als Richtwert sollte ein Rücklauf von 25% der Arbeitsbücher gegeben sein
  • Die Ergebnisse werden dokumentiert und an die Familien zurückgespiegelt. Es erfolgt eine Einladung zu thematischen Arbeitsgruppen mit interessierten Familien, die Handlungsempfehlungen erarbeiten
  • Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppe werden an die zuvor verabredeten Adressantinnen und Adressaten weitergegeben

 

Real Time Strategic Change (RTSC)

Bei der RTSC Methode repräsentieren die Teilnehmenden den Querschnitt der Familien/Organisationen/Verantwortlichen zum zu bearbeitenden Familienthema im Quartier oder Stadtteil.

Das Thema wird dann in heterogen zusammengesetzten 8er-Gruppen bearbeitet. Dabei wechselt die Zusammensetzung der Gruppen in den verschiedenen Phasen.

In den vier Phasen werden die beteiligten Familien/Organisationen/Verantwortlichen dazu motiviert, ihre Unzufriedenheit mit der Realität deutlich zu machen. So wird ein Handlungsdruck erzeugt. Dadurch, dass in den heterogenen Gruppen gemeinsame Ziele identifiziert werden und erste Schritte zur möglichen Veränderung der Situation geplant werden, werden Energie für Veränderung freigesetzt, Grenzen der Veränderung verstehbar sowie Widerstände abgebaut.

Aufrütteln x Ziele x Erste Schritte = Energie für Veränderung

 

Zukunftswerkstatt

Mit der Zukunftswerkstatt gibt man Familien die Möglichkeit, sich an kommunalen Planungsvorhaben zu beteiligen. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen in einer Zukunftswerkstatt fördert die Kreativität, wirkt handlungsorientiert und aktiviert die Familien.

Eine Zukunftswerkstatt dient dazu, dass Familien den eigenen Standpunkt finden, Zusammenhänge verstehen, sich auszudrücken lernen und sich engagieren können. Die Zukunftswerkstatt will Mut zu einer aktiven Zukunftsplanung machen. Die Familien können Freude und Stolz am Ergebnis haben und nehmen die Verantwortung ihrer Arbeit wahr.

In der Zukunftswerkstatt werden gemeinsam Ideen entwickelt und Möglichkeiten zu deren Umsetzung erarbeitet. Sie findet in drei Phasen statt:
  • Kritikphase (Generalkritik, Clustern, Bewerten, evtl. Vertiefung)
  • Phantasiephase (Musik, Spazierengehen, Phantasiereise) und Ideensammlung (Brainwriting, Rollenspiel, Sketche, Malen, ... ); Interpretation der Ideen und/oder der kreativen Bilder bzgl. Realitäts-/Verwertungsgehalt)
  • Umsetzungs- bzw. Verwirklichungsphase (Findung/Formulierung von Konzepten, Lösungsstrategien; Bewertung/Prüfung dieser Strategien; Festlegung praktischer Schritte/Perspektiven)

Die Zukunftswerkstatt braucht ein relevantes Thema, einen klaren Rahmen, eine erfahrene, kreative Moderation und wird dokumentiert. Was mit den Ergebnissen passiert, muss vorab deutlich sein. Die Methode „Zukunftswerkstatt“ wirkt in der Zusammenarbeit im Quartier motivierend.

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Methoden lassen sich gemeinsame Essentials hervorheben: Familien lassen sich beteiligen, wenn
  • die Beteiligung an vertrauten Orten stattfindet
  • sie das Thema betrifft und/oder interessiert
  • Beteiligung keine Eintagsfliege ohne Ergebnis bleibt
  • die Beteiligung der Familien Wertschätzung erfährt
  • Beteiligung zeitlich begrenzt ist
  • Kommunikationsformen und Methoden gewählt werden, auf die Familien sich einlassen können
  • Kinderbetreuung sichergestellt wird
  • schnell Ergebnisse erzielt werden und Umsetzungen erfolgen


Literatur:

Bauer, Peter; Bonsen, Matthias zur; Bredemeyer, Sabine; Herzog, Jutta I. (2003): Real Time Strategic Change - Schneller Wandel in Gruppen

Jungk, Robert; Müllert, Norbert (1989): Zukunftswerkstätten, München

Lüttringhaus, Maria; Richers, Hille (2003): Handbuch Aktivierende Befragung, Stiftung Mitarbeit (Hrsg.), Bonn

Owen, Harris (2001): Open Space Technology. Ein Leitfaden für die Praxis. Stuttgart

Schröder, R. (1995): Kinder reden mit! Beteiligung an Politik, Stadtplanung und -gestaltung, Weinheim und Basel


Autorin:

Beatrix Schwarze
Mitarbeiterin des Informations- und Qualifizierungszentrums für Kommunen (IQZ) am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum.


Erstellungsdatum: 06.02.2009
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