Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Erziehung, Bildung und Beratung

Aufsuchende Elternarbeit

von Ursula Peveling

Aufsuchende Elternarbeit ist keine neue Methode der Sozialen Arbeit. Neu ist aber die verstärkte Hinwendung zu dieser Form der Elternarbeit, hervorgerufen durch die Erkenntnis, dass bestimmte Zielgruppen einer gezielten Ansprache bedürfen, um insbesondere von präventiven Angeboten erreicht zu werden.
Elternarbeit ist ein wichtiger Bestandteil innerhalb des Angebots- und Leistungsspektrums der Kinder und- Jugendhilfe (SGB VIII). Elternarbeit soll Eltern frühzeitig und durchgängig beteiligen, sie „empowern“ und soziales Lernen ermöglichen, indem sie die Lebenswelt der Familien, wie z.B. Armut, Isolierung und/oder Überforderung, berücksichtigt. Dies trifft im Besonderen auf die verschiedenen Formen (neuer) aufsuchender Elternarbeit zu, da es sich hierbei häufig um sehr frühe präventive Maßnahmen handelt.

 

Aufsuchende Elternarbeit

Aufsuchende Elternarbeit bezeichnet den Besuch von Familien durch pädagogische Fachkräfte. Sie begibt sich also dorthin, wo Eltern sich aufhalten. Dies kann der eigene Haushalt sein, es können aber auch andere Orte sein, die von Eltern häufig aufgesucht werden wie Kindergarten und Schule. Merkmal aufsuchender Elternarbeit ist zudem ein aktives Zugehen auf Eltern, d.h. die Fachkräfte der Hilfesysteme nehmen Kontakt zu den Eltern auf – nicht umgekehrt. Durch persönliche Kontakte im vertrauten Umfeld der Familie kann ein Vertrauensverhältnis zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Eltern aufgebaut werden, welches anschließend auch genutzt werden kann, um ihnen weitergehende Hilfen nahezubringen.

Gerade Familien in besonderen Belastungslagen werden von den vorhandenen Hilfesystemen oft nicht erreicht. Sie benötigen leichte Zugangsmöglichkeiten zu Angeboten in ihrem sozialen Umfeld und individuelle, möglichst persönliche Formen der Ansprache, um zu einer Teilnahme motiviert zu werden. Dies hat letztendlich auch eine Reihe neuer, kreativer Formen der aufsuchenden Elternarbeit hervorgebracht.

Insbesondere im Zuge des Ausbaus früher Hilfen und sozialer Frühwarnsysteme werden verstärkt Maßnahmen aufsuchender Elternarbeit entwickelt und eingesetzt, um Familien in schwierigen Lebenslagen frühzeitig zu identifizieren und ihnen individuelle, passgenaue Hilfen anzubieten.

Um Eltern im Sinne einer optimalen Förderung ihres Kindes mit den Angeboten eines Hilfesystems möglichst frühzeitig zu erreichen, ist es sinnvoll, direkt nach der Geburt eines Kindes, wenn möglich schon während der Schwangerschaft, diesen vertrauensvollen Kontakt herzustellen. Der Schwerpunkt der im Folgenden beschriebenen Beispiele aufsuchender Elternarbeit liegt deswegen auf Maßnahmen oder Programmen, die im Rahmen früher Hilfen für Familien entwickelt wurden und sich dementsprechend an die Gruppe der Eltern von 0-3-jährigen Kindern richten.

 

Hausbesuche nach der Geburt eines Kindes

In der ersten Zeit nach der Geburt eines Kindes beschränken sich die Kontakte der Eltern häufig auf das häusliche Umfeld. Insbesondere die Mütter, als Hauptbezugsperson des Kindes, sind häufig vom gesellschaftlichen Leben isoliert. Für viele Eltern ergibt sich ein Kontakt mit dem Kinder- und Jugendhilfesystem oft erst, wenn ihre Kinder im Alter von 3 Jahren eine Tageseinrichtung besuchen. Hier verstreicht wertvolle Zeit, die für die Förderung der Kinder genutzt werden kann. Aus diesem Grund sind mittlerweile einige Kommunen dazu übergegangen, in Familien Hausbesuche nach der Geburt eines Kindes anzubieten. Diese Hausbesuche, meist durchgeführt von Mitarbeitern des Jugendamtes, dienen einerseits dazu, Eltern möglichst frühzeitig Informationen über die örtlichen Angebote für junge Familien zukommen zu lassen. Anderseits soll aber auch festgestellt werden, ob eventuell ein weitergehender Hilfebedarf in den Familien besteht.

Gerade während der ersten Wochen und Monate nach der Geburt des ersten Kindes benötigen viele Eltern Unterstützung bei der Betreuung und Versorgung ihres Kindes, da diese Phase den Erwerb neuer Kompetenzen erfordert, gleichzeitig aber oft auf das häusliche Umfeld beschränkt ist. Ein Kontakt durch professionelle Helfer in dieser sensiblen Lebensphase kann Eltern helfen, sich in dem oft unübersichtlichen Angebot von Hilfen unterschiedlichster Träger und Institutionen zurechtzufinden.

Der Erfolg dieser Maßnahme hängt allerdings davon ab, ob es den Mitarbeitern gelingt, innerhalb dieses ersten Besuches einen so stabilen vertrauensvollen Kontakt zu den Eltern herzustellen, dass diesen die Inanspruchnahme von weitergehenden Hilfen erleichtert wird. „Der Aufbau einer Vertrauensbeziehung ist unverzichtbar für die kontinuierliche, aktive Teilnahme der Familien“ (DJI, 2006, S.74). Eine Voraussetzung ist deswegen, dass die Hausbesuche von Fachkräften durchgeführt werden, welche den Eltern auch als weitere Ansprechpartner zur Verfügung stehen und sich das Angebot nicht darin erschöpft, Eltern einen Ordner an die Hand zu geben. Gerade bei Familien, die von sich aus keine Hilfe in Anspruch nehmen, ist eine sichere Übergabe zwischen den einzelnen Hilfesystemen Voraussetzung, damit sie nicht durch das Hilfenetz fallen.

 

Aufsuchende Hilfen nach der Geburt eines Kindes

Um Eltern möglichst frühzeitig mit den Angeboten des Kinder und Jugendhilfesystems zu erreichen, nutzen mittlerweile viele Kommunen den frühen Kontakt des Gesundheitssystems zu Familien und binden Fachkräfte des Gesundheitswesens wie Kinderkrankenschwestern und Hebammen in die Arbeit der sozialen Dienste mit ein.
Durch den Einsatz medizinischer Fachkräfte, deren Tätigkeit von Eltern als nicht stigmatisierend wahrgenommen wird, kann ein erster vertrauensvoller Kontakt zu Eltern aufgebaut werden. Sie geben Eltern in der ersten Zeit nach der Geburt eine alltagspraktische Unterstützung bei der Versorgung des Säuglings und können gleichzeitig als Türöffner dienen, um ihnen Angebote des Kinder und Jugendhilfesystems nahezubringen.
Insbesondere die aufsuchende Tätigkeit von Familienhebammen wird von einer zunehmenden Anzahl von Kommunen genutzt, um einen ersten Kontakt mit besonders belasteten Familien herzustellen und ihnen daran anschließend weitere Angebote der Kinder- und Jugendhilfe zu vermitteln.

Die Familienhebamme sucht die Eltern direkt im Anschluss an die Entlassung aus der Geburtsklinik zu Hause auf. Die Besuche finden in den ersten zehn Tagen täglich und anschließend je nach Bedarf der Familie in immer größer werdenden Abständen statt. Als Angestellte des Jugendamtes oder eines freien Trägers ist die Familienhebamme in der Lage, Mutter und Kind von der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag des Kindes intensiv und engmaschig zu betreuen. Neben den klassischen Hebammentätigkeiten erstreckt sich ihre Arbeit vor allem auf die Motivation zur Selbsthilfe und die Aufklärung und Vermittlung von weiterführenden Diensten wie Jugendamt, Erziehungsberatungsstelle, Sozialamt, Schwangerschaftskonfliktberatung, Ärzten und Psychologen. Die Familienhebamme arbeitet eng mit den in Frage kommenden Institutionen und medizinischen Diensten zusammen.

Einige Kommunen setzen eher auf den Einsatz von ehrenamtlichen Kräften, um Familien in (psycho-)sozialen Notlagen zu unterstützen und einen längerfristigen Kontakt zu ihnen zu halten. Die sogenannten „Patinnen“ besuchen die Familien z.B. ein bis zweimal wöchentlich und geben ihnen eine hilfreiche Unterstützung bei der Alltagsbewältigung mit den Kindern. Sie werden immer dann an Familien weitervermittelt, wenn schon in der Geburtsklinik von den dort tätigen Fachkräften ein weitergehender Unterstützungsbedarf festgestellt wurde. Die ehrenamtlichen Helfer/innen werden nach vorangegangener Schulung durch hauptamtliche Mitarbeiter/innen des Sozialen Frühwarnsystems beraten und erhalten einmal monatlich die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und werden durch Supervision begleitet.

 

Die Kindertagesstätte als Treffpunkt für Eltern

Kindertagesstätten bieten ideale Voraussetzungen für aufsuchende Formen der Elternarbeit. Durch die große Akzeptanz der Kindertagesbetreuung – ca. 90% aller 3-6-jährigen Kinder werden hier betreut – kann auch der Großteil aller Eltern erreicht werden. Dies wird innerhalb der Einrichtungen bereits auf vielfältige Weise umgesetzt. Im Rahmen von Aufnahmegesprächen, Elterninformationsabenden, Tür-und-Angel-Gesprächen oder auch Elterncafes bieten sich den Erziehern/innen zahlreiche Möglichkeiten des Elterneinbezugs.

Einige Einrichtungen bieten Eltern auch die Möglichkeit zur aktiven Mithilfe und beteiligen sie an organisatorischen Aufgaben. Insbesondere der Ausbau von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren mit ihrem Auftrag, Eltern für alle Phasen der Erziehung Information, Beratung und Hilfe zukommen zu lassen, hat auch den Ausbau der Elternarbeit stark vorangetrieben.

Zunehmend gehen die Mitarbeitenden von Kindertageseinrichtungen auch dazu über, Familien zu Hause aufzusuchen. Zum Teil finden diese Besuche schon im Rahmen des Aufnahmegesprächs statt, andere Einrichtungen statten den Familien im Laufe des Kindergartenjahres einen Besuch ab. „Hausbesuche in der Familie des Kindes bieten den Fachkräften in besonderem Maß die Chance, die häusliche Lebenswelt des Kindes und das Erziehungsverhalten der Eltern kennen zu lernen“ (Dusolt, 2008). Daneben dient der Hausbesuch aber auch einem vertiefenden Beziehungsaufbau. Insbesondere Familien mit Zuwanderungshintergrund, die wenig Kontakt zu deutschen Mitbürgern haben, werten einen Hausbesuch oft auch als ein Zeichen der Wertschätzung (Schlösser, 2004).

Elternarbeit in Kindertagesstätten entwickelt sich aber immer mehr auch zu Elternberatung. Viele Eltern sind verunsichert in Erziehungsfragen und benötigen neue Impulse und Anregungen für den Umgang mit ihrem Kind. So erstaunt es nicht, dass Erzieherinnen und Erzieher immer mehr auch in diesem Bereich gefordert sind. Eltern sind dem Rat von Erzieherinnen und Erzieher gegenüber sehr aufgeschlossen – sie stehen (nach dem Ehepartner) an zweiter Stelle der Personen, die konsultiert werden, wenn Rat in Erziehungsfragen benötigt wird.

Elternarbeit in Kindertagesstätten verschmilzt zudem immer mehr mit dem Bereich der Familienbildung. Insbesondere Elterntrainings, die zur Stärkung der Erziehungskompetenz in Kindertagesstätten angeboten werden, beziehen häufig Erzieherinnen und Erzieher in ihr Konzept mit ein. Zum Teil übernehmen Erzieherinnen auch nach entsprechender Schulung selbst die Kursleitung.

Zwei Elternbildungsprogramme, die u. a. auch für den Einsatz in Kindertagesstätten konzipiert wurden und zu deren Konzept eine aktive Ansprache von Eltern gehört, sind z.B. FuN (s. Brixius, Koerner, Piltman, 2006) und die Eltern AG (s. Armbruster, 2006). Beide Programme richten sich insbesondere an sozial benachteiligte und bildungsungewohnte Familien und zielen auf eine Verbesserung von Elternkompetenzen.

 

Frühförderung im Wohnzimmer

Eine intensivere Form der aufsuchenden Elternarbeit, teilweise im Sinne einer therapeutischen Familienintervention, weisen Programme auf, die als Hausbesuchsprogramm konzipiert sind. Hierzu gehören z.B. Programme wie Opstapje, HIPPY und STEEP.

Bei HIPPY und Opstapje handelt es sich um zwei Förderprogramme, die darauf zielen, Eltern individuell in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken und Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Beide Programme versuchen, Eltern durch den Einsatz von geschulten Laienhelfern, welche die Familie zu Hause aufsuchen, zu unterstützen und richten sich in erster Linie an sozial benachteiligte Familien und Familien mit Zuwanderungshintergrund.

Bei dem in den Niederlanden entwickelten Hausbesuchsprogramm Opstapje (holl.: Schritt für Schritt) soll in kleinen Schritten durch Anleitung der Eltern im häuslichen Kontext eine Verbesserung der Mutter- bzw. Vater-Kind-Interaktion erreicht werden (s. Sann/Thrum, 2003). Dies geschieht mit Hilfe anregender Spielmaterialien, die den Familien nach praktischer Anleitung zur Verfügung gestellt werden. Die dadurch angeregten Spiel- und Lernerfahrungen sollen die kognitive, motorische, sozio-emotionale und sprachliche Entwicklung des Kindes fördern.

Das Förderprogramm HIPPY (Home Instruction Program for Pre-school Youngsters) ist ähnlich konzipiert. Zielgruppe sind in erster Linie Familien mit Zuwanderungshintergrund, die von geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ebenfalls mit Zuwanderungsgeschichte, speziell im Bereich der vorschulischen Sprachförderung angeleitet werden, um den Kindern eine verbesserte Schulvorbereitung zu ermöglichen. Jede HIPPY-Mitarbeiterin betreut 12-18 Mütter über einen Zeitraum von zwei Jahren und gibt den Müttern zu Hause spezielles Spiel- und Lernmaterial für gemeinsame Aktivitäten (z.B. Geschichten vorlesen, nacherzählen, Frage-Antwort-Spiele). Sowohl Opstapje als auch HIPPY wurden bereits vor einigen Jahren als Modellprojekt in Deutschland eingeführt und vom Deutschen Jugendinstitut wissenschaftlich begleitet. Mittlerweile bestehen für beide Programme deutsche Dachverbände, die für die Verbreitung und fachliche Weiterentwicklung der Programme verantwortlich sind.

Bei STEEP (Steps Toward Effective, Enjoyable Parenting) handelt es sich um ein Interventionsprogramm zur Stärkung der Eltern-Kind-Bindung von der Schwangerschaft bis zum zweiten Lebensjahr des Kindes (Erickson/Egeland, 2006). Es wurde entwickelt, um insbesondere Müttern aus Hoch-Risiko-Konstellationen Hilfe beim Aufbau einer gelingenden Mutter-Kind-Bindung zu geben. Ein Hauptbestandteil des Programms ist das im Rahmen von Hausbesuchen durchgeführte Videointeraktionstraining. Die Mütter werden während des Fütterns oder Wickelns gefilmt und anschließend werden die Sequenzen analysiert, wobei nur das positive Verhalten hervorgehoben und verstärkt wird. Durch das bewusste Vorführen konkreter Erziehungssituationen soll die Mutter die Möglichkeit erhalten, die Signale ihres Kindes richtig zu deuten und angemessen auf ihr Kind zu reagieren. Das STEEP-Programm beinhaltet neben den Hausbesuchen auch Gruppentreffen, die jeweils im wöchentlichen Wechsel stattfinden.

 

Chancen und Grenzen aufsuchender Elternarbeit

Mit aufsuchenden Formen der Elternarbeit bietet sich die Chance, schon frühzeitig auch die Eltern zu erreichen, die einen besonderen Unterstützungsbedarf haben, aber aus unterschiedlichsten Gründen (mangelnde finanzielle, zeitliche oder soziale Ressourcen) bislang kaum Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch nehmen. Die Hemmschwelle, diese Angebote aufzugreifen, ist bei diesen Familien recht hoch, weil Lethargie, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit es ihnen oft erschweren, eigeninitiativ diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Zudem befürchten sie, dass ihre verbalen Fähigkeiten nicht ausreichen, um sich angemessen mitzuteilen oder dass ihre eigenen Wertvorstellungen und Lebenserfahrungen nicht entsprechend berücksichtigt werden.

Auch erzieherische Unsicherheiten führen nicht zwangsläufig zu einer verstärkten Inanspruchnahme von institutioneller Familienbildung oder Familienberatung.

Eltern bevorzugen meist das private Umfeld bei auftretenden Fragen und Problemen - dies trifft auf bildungsbenachteiligte Eltern ebenso zu wie auf bildungsgewohnte - allerdings fällt es benachteiligten Familien meist schwerer, institutionelle Angebote wahrzunehmen, da sie sich, auch im Hinblick auf Bildungserfahrungen, oft als eher defizitär erleben und ihnen häufig die Angebote der Familienbildung nicht bekannt sind. Aufsuchende Elternarbeit kann bewirken, dass diese Eltern über die persönliche Ansprache Vertrauen fassen und sich auf weitergehende Hilfsangebote einlassen können.

Hausbesuche durch pädagogisches Fachpersonal oder Angebote in Kindertagesstätten können Eltern lästige Wege und zusätzliche Fahrtkosten ersparen. Daneben bietet ihnen die vertraute Umgebung auch eine gewisse Sicherheit. Viele sozial benachteiligte Familien haben schon Erfahrungen im Umgang mit Institutionen gesammelt und müssen sich erst eines vertrauensvollen Umgangs sicher sein, bevor sie sich zu einer kooperativen Mitarbeit entschließen können. Insbesondere Förderprogramme im eigenen Haushalt können ganz individuell auf ihre Bedürfnisse abgestimmt werden und ersparen ihnen zudem den Aufenthalt in einer Gruppe, in der sie sich möglicherweise als defizitär erleben (s. Helming/Spachtholz, 2007).

Die neuen Formen aufsuchender Elternarbeit erfordern aber auch ein Umdenken bei vielen Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe, die möglicherweise gewohnt sind, Eltern im Rahmen der sonst üblichen Komm-Strukturen zu „empfangen“ statt aktiv auf sie zuzugehen. Gerade die präventiven Leistungen im Vorfeld der Hilfen zur Erziehung setzen eine freiwillige Beteiligung der Eltern voraus. Aufsuchende Elternarbeit muss eine entsprechende Kundenorientierung aufweisen. Eltern sind nicht verpflichtet, Hilfe anzunehmen, sondern ihnen muss ein attraktives Angebot gemacht werden, das sie zur Mitarbeit motiviert. Dies erfordert ein vorbehaltloses, empathisches Zugehen auf Eltern, die möglicherweise anfangs wenig Entgegenkommen zeigen und zum Teil einen Lebensstil aufweisen, der den Fachkräften völlig fremd sein und eine ablehnende Haltung hervorrufen kann. Trotzdem müssen Eltern in ihrem Anderssein, mit ihren unterschiedlichen Erziehungsstilen und Lebensweisen akzeptiert und als Experten für die Erziehung ihrer Kinder respektiert werden, was neben einer hohen Frustrationstoleranz auch die Fähigkeit zur Reflexion persönlicher Einstellungen und Haltungen auf Seiten der Fachkräfte erfordert (Dusolt, 2008).

Die komplexen Problemlagen der Familien erfordern häufig aber auch die Bearbeitung neuer Inhalte mit entsprechend angemessenen, zum Teil neuen Methoden und machen Fortbildungen gerade im Bereich der frühkindlichen Bildung und Beratung notwendig.

Die Grenzen aufsuchender Elternarbeit liegen dort, wo Eltern Hilfsangebote von außen nicht wünschen, da sie diese z.B. als zu aufdringlich oder als verstärkte Kontrolle empfinden. Es sollte bedacht werden, dass selbst die Einwilligung von Eltern, Fachkräfte in ihrem Haushalt zu empfangen, schon einen enormen Vertrauensbeweis darstellt. Gerade Hausbesuche nach der Geburt eines Kindes durch pädagogische Fachkräfte bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle. Dies ist selbstverständlich auch den Eltern bewusst, insbesondere jenen, die schon einmal Leistungen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung erhalten haben. Aus diesem Grund sollte immer wieder auf die Freiwilligkeit des Angebots hingewiesen und Eltern die Möglichkeit gegeben werden, entsprechende Angebote auch ohne negative Folgen für sie selbst abzulehnen. Entsprechend ist der Ausbau von sozialräumlichen Angeboten wie Stadtteilelterntreffs voranzutreiben, die Eltern im Rahmen informeller Kontakte erreichen und zu einem Abbau von Hemmschwellen auf Seiten der Eltern führen können.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrages „Neue Formen aufsuchender Elternarbeit“ der Autorin, erschienen im ISA - Jahrbuch zur sozialen Arbeit 2008, Münster, S. 61-79.


Literatur:

Armbruster, M. (2006): Eltern-AG. Das Empowerment-Programm für mehr Elternkompetenz in Problemfamilien. Carl Auer Verlag

Brixius, B., Koerner, S., Piltmann, B. (2006): FuN – der Name ist Programm – Familien lernen mit Spass. In: Tschöpe-Scheffler, S.: Konzepte der Elternbildung – eine kritische Übersicht, Opladen, Verlag Barbara Budrich, S. 137-160

DJI – Deutsches Jugendinstitut (2006): Kurzevaluation von Programmen zu frühen Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsystemen in den Bundesländern. Abschlussbericht.

Erickson, M., Egeland, B. (2006): Die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung. Frühe Hilfen für die Arbeit mit Eltern von der Schwangerschaft bis zum zweiten Lebensjahr des Kindes durch das STEEP Programm

Dusolt, H. (2008): Elternarbeit als Erziehungspartnerschaft. Ein Leitfaden für den Vor- und Grundschulbereich. Beltz, Weinheim

Helming, E., Spachtholz, C. (2007): Sozialpädagogische Familienhilfe als aufsuchende Eltern- und Familienberatung/Elternbildung für Familien in gravierenden Unterversorgungslagen. Unter: http://www.familienbildung-ev-bag.de/dokumentation/PDF/12.pdf [Recherchedatum: 30.06.2008]

Sann, A./Thrum, K. (2003): Perspektiven präventiver Frühförderung im Kontext sozialer Benachteiligung. Das präventive Frühförderprogramm „Opstapje – Schritt für Schritt“ für Familien mit zwei- bis vierjährigen Kindern im wissenschaftlich begleiteten Ersteinsatz in der BRD. In: Institut für soziale Arbeit (Hrsg.) 2003: Beiträge zum ISA Kongress. Eigenverlag, Münster, S. 77-83

Schlösser, E. (2004): Zusammenarbeit mit Eltern – interkulturell. Ökotopia Verlag, Münster


Autorin:

Ursula Peveling
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA) in Münster.

Foto: © Dron - Fotolia.com

Erstellungsdatum: 30.04.2009
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