Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadtentwicklung

Familiengerechte Stadtentwicklung – Ein Gespräch mit Prof. Dr. Peter Strohmeier

Für unser aktuelles Schwerpunktthema „Stadtentwicklung“ sprachen wir mit Stadt- und Regionalforscher Prof. Dr. Peter Strohmeier über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der Stadtentwicklung – und wie diese familienfreundlich gestaltet werden kann.
Herr Strohmeier, Sie haben viele Jahre im Bereich der Stadt- und Regionalforschung gearbeitet und waren unter anderem lange Zeit Leiter des "Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung", warum sollte das Thema „Familie“ für die Stadtentwicklung überhaupt von Bedeutung sein?

Wenn wir fragen, wovon heute die Bevölkerungsentwicklung der Städte und Gemeinden abhängt, dann werden vermutlich viele Bürgermeister und Kommunalpolitiker sagen, dass der Arbeitsmarkt, die Zahl und die Art der Arbeitsplätze die wichtigste Rolle spielen.

Tatsächlich ist das schon lange nicht mehr der Fall. Arbeitsmärkte sind heute regionale nicht lokale Märkte, immer mehr Menschen wohnen nicht in dem Ort, in dem sie arbeiten bzw. arbeiten nicht mehr dort, wo sie wohnen, das heißt immer mehr Erwerbstätige pendeln. Der wichtigste Faktor, der statistisch Wachstum oder Schrumpfung der Städte und Gemeinden erklärt, ist seit über dreißig Jahren die Familienwanderung.

Können Sie das genauer erläutern? Wie sieht diese Familienwanderung aus?

Per Saldo verlassen seit den 1970er Jahren Mittelschichtfamilien, die sich das leisten können, die großen Städte und ziehen in die Umlandgemeinden im „Speckgürtel“ der Städte. Gleichzeitig wachsen viele Städte, vor allem Hochschulstandorte, durch Bildungswanderung junger Erwachsener, von denen viele in den Umlandgemeinden aufgewachsen sind – zudem zieht ein Teil der Elterngeneration gleichfalls vom Umland wieder in Richtung Stadt.

Von der Familienwanderung profitieren allerdings nicht alle kleinen Gemeinden, vom Trend zurück in die Stadt nicht alle Großen. Die Entwicklung der Kommunen, Wachsen oder Schrumpfen, ist also in erster Linie das Ergebnis von Standortentscheidungen, die Familien im Laufe ihrer Entwicklung für sich und ihre Mitglieder treffen. Für diese Entscheidungen können die Kommunen allenfalls Rahmenbedingungen setzen.

Welche Rahmenbedingungen sind für Familien besonders wichtig und attraktiv? Was macht für Sie eine familienorientierte Stadtentwicklung aus?

Familienorientierte Stadtentwicklung orientiert sich an dem, was ist. Wenn die Mittelschichtfamilien sukzessive fortgezogen sind, dann leben in den großen Städten heute vor allem ärmere Familien und viele Einwandererfamilien. Es gibt Stadtteile in NRW, in denen die Mehrheit der Kinder im SGB II-Bezug lebt und wo fast alle einen „Migrationshintergrund“ haben. In den Gemeinden, die durch Familienwanderung profitieren, gibt es weniger Armut, aber dafür vermehrt Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den vielen Mittelschichtfamilien mit zwei berufstätigen Eltern.

Was bedeutet das für die Kommunen?

Familiengerechtigkeit mag in einem Fall im Kern in der Lösung dieses Vereinbarkeitsproblems liegen, im anderen Fall geht es vordringlich um Wohnung, Wohnumfeld, Gesundheit oder gute Bildung. Eine familienorientierte Stadtentwicklung fragt zuerst, welche Familien in der Kommune leben, wo sie leben und wie es ihnen geht. Ohne Familienberichterstattung geht das eigentlich nicht.

Gibt es trotz dieser regionalen Unterschiede aufgrund von Wanderungen und demografischer Entwicklung ein gemeinsames und besonders wichtiges Handlungsfeld?

Ich glaube, dass es nicht das eine herausstechende Handlungsfeld gibt. Besonders wichtig wird in Zukunft die Integration von unterschiedlichen Handlungsfeldern sein: Bildung, Armut, Gesundheit, Wohnen und Familie vor Ort. Wir haben nicht nur immer weniger Kinder, sondern unter diesen wenigen Kindern wachsen zu viele in Verhältnissen auf, die durch Bildungsarmut, Einkommensarmut, schlechte Wohnverhältnisse, Gesundheitsprobleme und soziale Ausgrenzung gekennzeichnet sind. Familiengerechte Stadtentwicklung integriert diese Handlungsfelder.
  • Prof. Dr. Peter Strohmeier

Für ein Kind sind heute in vielen Kommune fünf oder sechs Ämter zuständig, die nicht oder nur schlecht zusammenarbeiten. Bildung zum Beispiel findet nicht nur in der Schule oder in der Kita statt. Es kommt darauf an, Umgebungen für Kinder zu schaffen, in denen sie gut aufwachsen und sich entwickeln können. Dabei ist es wichtig, die oft überforderten Eltern und die Nachbarschaften mitzunehmen.

Das zeigt, dass familienfreundliche Stadtentwicklung ein komplexes Themenfeld ist, das von vielen Faktoren abhängig ist. Sehen Sie konkrete Ansatzpunkte für die Kommunen?

Wir brauchen vor allem neues Denken. Es geht nicht darum, den „armen“ Familien zu helfen, sondern es geht darum, in eine Lebensform zu investieren, ohne deren Leistung die Zukunft von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik recht ungewiss wäre. „Fachkräftemangel“ droht nicht nur, weil jede Erwachsenengeneration durch die Kinder nur zu zwei Dritteln ersetzt wird, sondern auch, weil immer mehr Kinder unter Bedingungen aufwachsen, die es schwierig machen, dass sie elementare soziale Fähigkeiten und Kompetenzen, das sogenannte „Humanvermögen“, entwickeln, von denen ihre gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Teilhabe abhängen wird: Gesundheit, Solidarität, Empathie, Vertrauen und Leistungsbereitschaft. Das gilt übrigens nicht nur für die „Unterschichtkinder“.

Familien schaffen Humanvermögen. Familiengerechte Stadtentwicklung braucht Informationen, wenn sie Gutes nicht im Blindflug tun und knappe öffentliche Mittel effektiv und effizient einsetzen will. Kommunen brauchen Daten für Taten. Ein weiterer Aspekt ist, die Familien an der Stadtentwicklung, und zwar dort wo sie leben, zu beteiligen. Kinder sind zum Beispiel ausgewiesene Experten für die Mängel in ihrem Quartier und wissen, was besser werden muss.

Bürgerbeteiligung wird häufig als aufwändig und arbeitsintensiv angesehen. Schnell stellt sich die Frage nach Aufwand und Nutzen. Was ist aus Ihrer Sicht bei der Beteiligung von Familien im Rahmen von Stadtentwicklung zu berücksichtigten?

Familien mit einzubeziehen gibt ihnen die Erfahrung von Wirksamkeit und Gestaltungsmacht. In den Milieus der Großsiedlungen zum Beispiel, in denen eher resignativer Gestaltungspessimismus vorherrscht, wäre das ein wichtiger Aspekt des „Empowerment“ von Eltern und Kindern. Die Beteiligungsangebote müssen aber angemessen sein. Es gibt formalisierte Angebote des planerischen Mitredens und Mitentscheidens z.B. anhand von Bebauungsplänen, die nicht jedermanns Sache sein dürften. Konkrete Veränderungen im Haus, im Quartier oder in der Schule aber ermöglichen auch ausgegrenzten oder sozial wenig integrierten Personen mitzureden und mitzutun, wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen können.

Bürgerbeteiligung ist mittlerweile ein selbstverständliches Element der politischen Kultur. Familienbeteiligung bei allen die Familien betreffenden Planungen und Entwicklungen sollte es werden. Gutes für Familien zu tun, ist gewiss aller Ehren wert, das Gute aber mit den Familien zu tun, verspricht nachhaltige Wirkungen.

Allerdings gilt: Kinder und Familien nehmen Probleme und Schwierigkeiten in ihrer Welt aber nicht entlang von Verwaltungszuständigkeiten wahr. Familiengerechte Stadtentwicklung ist immer eine Querschnittsaufgabe, die eine lokale Kultur der Kooperation und politische Führung braucht.

Viele Kommunen stehen vor dem Problem der knappen Ressourcen – wie ist da familiengerechte Stadtentwicklung möglich?

Die Kommune kann nicht alles bezahlen und sie muss nicht alles bestimmen. Städte sollten eher Motivatoren und Moderatoren lokaler Bündnisse vieler Akteure sein. Es spricht nichts dagegen, z.B. die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft, die ja auch den Nutzen von mehr Familiengerechtigkeit haben, an den Kosten zu beteiligen. Dafür muss man sie aber auch mitentscheiden lassen. Wenn man die „multiple Projektitis“ sieht, unter der unsere kommunale Politik leidet, also die Vielzahl von Bundes-, Landes- und EU-Projekten, die eigentlich immer die gleichen Leute im Fokus haben, Soziale Stadt, Stadtumbau-West, Lernen vor Ort, „neue Wirtschaftsförderung“, hinzu kommen zahlreiche Stiftungsprogramme, dann könnte man erhebliche Effizienzgewinne, sprich eine Konzentration der Mittel durch Abbau von Parallel- und Doppelstrukturen erzielen. Dazu aber müssten die Kommunen auch mehr entscheiden können.

Was ich in Deutschland und in NRW beobachte ist, dass fehlendes Geld gute und engagierte Bürgermeister nicht an erfolgreicher „integrierter“ Politik hindert, die sich ressortübergreifend und unter Beteiligung von Wirtschaft und Gesellschaft bemüht, „Familiengerechtigkeit“ herzustellen. Düsseldorf ist als familiengerechte Kommune erneut zertifiziert worden. Das überrascht vielleicht nicht. Aber andere Städte, denen es auch gut geht, haben sich noch gar nicht auf den Weg gemacht.

Unter den besonders aktiven und besonders erfolgreichen Städten im Hinblick auf Familiengerechtigkeit, sind bis jetzt besonders viele, die vom demografischen Wandel und vom wirtschaftlichen Strukturwandel in NRW besonders hart getroffen sind: Altena im märkischen Kreis, Gelsenkirchen, Herten und Gladbeck in der Emscher-Lippe-Region, um nur einige zu nennen. Familiengerechtigkeit ist eben keine Frage der Finanzen.

Was macht Ihnen Mut, dass Familiengerechtigkeit mittelfristig in allen Kommunen als wichtiger Aspekt der Stadtentwicklung anerkannt wird?

Es gibt eine langsame, aber deshalb nicht weniger erfreuliche Zunahme von Kommunen, in denen die Spitzen und die Akteure, die faktisch die Lebenswirklichkeit von Familien und Kindern beeinflussen, erkannt haben, dass sie mehr und bessere Wirkung erzielen, wenn sie sich Ziele setzen und explizit zusammenarbeiten, um diese Ziele gemeinsam zu verwirklichen. Die Kommunen im „Audit familiengerechte Kommune“ sind ein hoffungsvoller Anfang. Ich hoffe hier auf einen Schneeballeffekt.

Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Oft lohnt sich der Blick auf andere Regionen, um für die eigene Praxis zu lernen. Haben Sie in der letzten Zeit besonders erwähnenswerte Initiativen oder Beispiele guter Praxis kennengelernt?

Auf der Reise mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nach Kanada und in die USA habe ich in der San Franzisco Bay Area ein beispielhaftes Projekt kennengelernt: Hayward Promise Neighborhood, wo Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik ohne öffentliche Mittel eine erfolgreiche Integration von Stadtentwicklung, Bildung und Familienförderung hinbekommen haben, begründet als nachhaltige Investition in Menschen und als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel, das ist aber eher was zum Googeln…


Das Interview führte Joscha Link. Wir danken Prof. Dr. Strohmeier für das Gespräch.

Foto: © chrisberic – Fotolia.com

Erstellungsdatum: 31.07.2014, letzte Aktualisierung am 04.08.2014
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