Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen
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Vereinbarkeit von Beruf und Familie

„Neue Zeiten für Familie“ – Ein Gespräch mit Oberbürgermeister Marcel Philipp

In der Initiative „Neue Zeiten für Familie“ haben sich bereits 40 Großstädte zum Thema „Familienzeitpolitik“ zusammengeschlossen. Faktor Familie sprach mit Initiator Marcel Philipp, Oberbürgermeister der Stadt Aachen, über die Initiative und die Vorteile einer aktiven Familienpolitik.
Sie haben Anfang 2013 alle deutschen Großstädte angeschrieben und sie gebeten, das Thema „Familienzeitpolitik“ unter dem Motto „Neue Zeiten für Familie“ aufzugreifen. Wie kam es konkret zu dieser Initiative?

Ende vergangenen Jahres habe ich am Familiengipfel des Bundesfamilienministeriums mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Gewerkschaften teilgenommen. Dort habe ich über die Bedeutung und Chancen lokaler Zeitpolitik gesprochen und über das Aachener Pilotprojekt „Kommunale Familienzeitpolitik“ berichtet. Als einziger Oberbürgermeister und Vertreter der Kommunen bei diesem Expertenpanel ist mir einmal mehr klar geworden, dass die konkrete Umsetzung von Familienzeitpolitik überwiegend in den Kommunen erfolgen muss.

Da dieses Thema in der Kommunalpolitik zumeist noch nicht als kommunales Handlungsfeld erkannt wurde, habe ich die Initiative „Neue Zeiten für Familie“ ins Leben gerufen, die sich in einem ersten Schritt an die 80 größten Städte in Deutschland gerichtet hat.

Die Initiative ist damit eine weitere Säule der Demografiestrategie der Bundesregierung: So kann Familienzeitpolitik als kommunalpolitische Aufgabe in den Städten integriert werden.

Und wie war die Reaktion auf den Aufruf?

Der Aufruf stieß auf ausgezeichnete Resonanz. Innerhalb kürzester Zeit haben 42 Städte ihren Beitritt zur Initiative erklärt. 40 von insgesamt 80 Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind dabei, außerdem noch Hanau und Riesa. Also wirkt die Hälfte aller Großstädte in Deutschland an der Initiative mit. In den teilnehmenden Städten leben alles in allem mehr als 10 Millionen Menschen.

Aber auch die Reaktionen der anderen Städte waren durchweg positiv: Viele beschäftigen sich bereits eigenständig mit dem Thema, einige konnten der Initiative aufgrund von Ressourcenmangel nicht beitreten. Aber alle versicherten mir, dass sie das Engagement der Initiative mit großem Interesse verfolgen werden.

Wo liegen die Schwerpunkte, was sind die Ziele der Initiative?

  • Oberbürgermeister Marcel Philipp
Oberstes Ziel der Initiative „Neue Zeiten für Familie“ ist die Einführung von Familienzeitpolitik in den Städten beziehungsweise die Förderung von Aktivitäten im Rahmen von Familienzeitpolitik. Kommunale Familienzeitpolitik muss als Aufgabe in den Städten erkannt und als integraler Bestandteil der Kommunalpolitik implementiert werden.

Durch das Bekenntnis der 42 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zur Initiative ist dieser erste Schritt nur zum Teil vollzogen. Sie haben die Aufgabe zwar erkannt, aber sie muss sich auch dauerhaft in den Köpfen der Akteure festsetzen. Familienzeitpolitik darf kein Zufallsprodukt sein, sondern muss selbstverständlicher Bestandteil von Kommunalpolitik und Verwaltungshandeln werden.

Ziel ist es, die lokalen Fachleute an einen Tisch zu bekommen, Erfahrungen und Konzepte auszutauschen und voranzutreiben. Um Zeitkonflikte aufzulösen, müssen Arbeits- und Betreuungszeiten gut aufeinander abgestimmt sein, Lösungen für Notfälle, Rand- und Ferienzeiten geschaffen, allgemeine Öffnungszeiten bei Stadtverwaltungen, Ärzten und Bibliotheken familienorientierter gestaltet werden und vieles mehr.

Die einzelnen Städte bringen zu verschiedenen Zeitproblemen konkrete Maßnahmen auf den Weg und entwickeln bestehende Angebote weiter. Im Rahmen der Initiative können sie über Best-Practice-Beispiele diskutieren und ihre Konzepte austauschen. Am Ende sollen allen Städten strategische Ansätze zur Verfügung stehen, die es ihnen ermöglichen, Familienzeitpolitik als wichtigen Bestandteil der Kommunalpolitik zu etablieren.

Warum benötigt es Ihrer Meinung nach genau jetzt eine solche Initiative?


Zeit ist ein knappes Gut. Besonders Familien sind von Zeitkonflikten betroffen, wenn sie familiäre Wünsche und Verpflichtungen mit beruflichen Anforderungen vereinbaren müssen. Der achte Familienbericht der Bundesregierung hat das Thema sehr deutlich herausgearbeitet.

Aber auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Diskussion um den Fachkräftemangel gewinnen die so genannten weichen Standortfaktoren immer mehr an Bedeutung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird im wirtschaftlichen Wettbewerb um geeignete Fachkräfte ein immer wichtigeres Kriterium.

Welchen Vorteil sehen Sie für Aachen durch die Stärkung der Familien(zeit)politik?

Gute Rahmenbedingungen für Familien sind auch im Wettbewerb um Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger von Vorteil und damit nicht nur für die Wirtschaftskraft ein wichtiger Standortfaktor.

Neben finanzieller und infrastruktureller Unterstützung für Familien sind familienfreundliche Zeitstrukturen mitentscheidend darüber, ob und wann eine Familie gegründet wird, wo sie lebt und wie gut und harmonisch ihr Familienleben funktioniert. Gelänge es, durch eine bessere Abstimmung von Zeittakten sowie durch die Überwindung von Zeitkonflikten verbesserte Rahmenbedingungen für Familien zu schaffen, würden Familiengründung und gelingendes Familienleben entscheidend gefördert werden können.

Städte brauchen eine gute ökonomische Basis und ein starkes gesellschaftliches Miteinander. Sie brauchen Familien.

Was soll in Aachen im Rahmen der Initiative konkret unternommen werden?

In Aachen steht zurzeit die Reauditierung des Projektes „Familiengerechte Kommune“ an, die den Schwerpunkt Familienzeitpolitik haben wird und dadurch eng mit der Initiative in Verbindung steht. Außerdem arbeiten wir in Aachen aktuell an der Umsetzung der ersten, öffentlich geförderten Betriebskindertagesstätte.

Im Rahmen des Innenstadtkonzepts „Aachen 2022“ haben so genannte Kinderstadtspaziergänge stattgefunden. Hier konnten sich Eltern, Kinder und Erzieherinnen aus drei innerstädtischen KiTas ganz direkt zu Problemen in „ihrem“ Stadtviertel äußern. Angsträume, Zeitkonflikte, Mobilitätsprobleme: Alles wurde angesprochen und wird nun ganz konkret in das neue Konzept für die Stadtentwicklung einfließen.

Als Stadt können wir bei uns selbst die Rahmenbedingungen anpassen, aber auch bei anderen Akteuren – etwa aus der Wirtschaft oder den Hochschulen – Veränderungen anstoßen und begleiten.

Das Interview führte Joscha Link. Wir danken Oberbürgermeister Marcel Philipp für das Gespräch.


Erstellungsdatum: 24.09.2013, letzte Aktualisierung am 07.10.2013
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gedruckt am  19.10.2019
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