Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen
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Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Kommunale Familienzeitpolitik in Herzogenrath – Ein Gespräch mit Birgit Kuballa

Herzogenrath hat sich als eine von bundesweit fünf Kommunen am Modellprojekt "Kommunale Familienzeitpolitik" beteiligt. Faktor Familie sprach mit Birgit Kuballa, Koordinatorin des Lokalen Bündnisses für Familie in Herzogenrath, über ihre Erfahrungen mit dem Projekt.
Sie haben sich mit Ihrer Kommune am Modellprojekt beteiligt. Wie kam es damals zur Ihrer Bewerbung?

Im Frühjahr 2012 ist das Aachener Bündnis mit der Frage auf uns zugekommen, ob wir mit ihnen zusammen – als die zwei aktiven Lokalen Bündnisse für Familie in der StädteRegion Aachen – am Pilotprojekt teilnehmen wollen. Dies wurde dann dem Familienministerium vorgeschlagen. Wir haben die Chancen gesehen, die solch ein Pilotprojekt mit sich bringen.

Gab es bereits zeitpolitische Initiativen in Herzogenrath?

Bis dahin hatten wir uns weder als Bündnis noch als Kommune mit dem Zeitthema beschäftigt, welches aber aus unserer Sicht eines der zentralen Themen für  Familien ist.

Was waren denn die Arbeitsschwerpunkte Ihres Projektes?

Es haben sich folgende Bereiche und Bedarfe herausgestellt: „Mobilität/Verkehr“ – und da insbesondere die Themen „ Pendlerinnen und Pendler “ und „Begleitmobilität der Eltern für ihre Kinder“ –, „Betreuung in Kita/Schule/Offener Ganztagsschule“ und „Synchronisation von Öffnungszeiten und Bedürfnissen der Neubürger“.

Sprechen wir über den ersten Bereich „Mobilität und Verkehr“: Herzogenrath ist geprägt von vielen Berufspendlern. Was haben Sie in diesem Bereich konkret unternommen?

In einem Familienzeitcafé haben die Familien auf einem Stadtplan eingezeichnet, wo sie Stau erleben, wo weite Wege zurückzulegen sind, etc. Diese Ergebnisse und die gemachten Verbesserungsvorschläge sind von einer Arbeitsgruppe bewertet und weiter ausgearbeitet worden. Sie werden nun im zuständigen Bau- und Verkehrsausschuss der Stadt Herzogenrath behandelt.
  • Verkehrswegebesprechung im Familienzeitcafé.


Zudem gibt es in Herzogenrath eine Einfallstraße, die durch den Berufsverkehr überlastet ist. Sie ist auch eine der beiden Hauptrouten der Pendlerinnen und Pendler von und nach Aachen. Wir werden Ende des Jahres Informationsveranstaltungen machen, um über bestehende Mitfahrnetzwerke zu informieren. Dies werden wir in Herzogenrath gemeinsam mit dem Aachener Bündnis für Familie durchführen. Je mehr Berufspendlerinnen und -pendler sich ein Auto teilen, umso weniger Autos sind auf der Straße. Es bleibt noch festzulegen, ob wir das in Kooperation mit einer Firma oder mit einer Kindertageseinrichtung machen.

Zwei große Hemmnisse bei der Nutzung der vorhandenen Angebote wie z.B. Mitfahrzentrale oder Pendlernetzwerk wollen wir damit abbauen: Zum einen die zurückhaltende Nutzung da die Handhabung nicht klar ist – Benötige ich ein Passwort, wenn ich über eine Internetplattform Mitfahrgelegenheiten anbiete oder in Anspruch nehme? Ist es mit Kosten verbunden? Bin ich versichert? Wie sehr muss ich mich festlegen? Zum anderen eine distanzierte Haltung, da die Mitfahrenden nicht bekannt sind. Viele Menschen scheuen sich, mit Fremden mitzufahren. Durch die Art der Veranstaltung informieren wir ganz praktisch über die Handhabung und wir bringen potentielle Nutzerinnen und Nutzer miteinander in Kontakt.

Sie wollten auch die Situation von Familien verbessern, in denen beide Elternteile erwerbstätig sind bzw. der alleinerziehende Elternteil berufstätig ist und deren Zeitkonflikte entschärfen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Diese Menschen hatten wir uns zunächst als besondere Zielgruppe herausgesucht. Wir haben eine umfangreiche Fragebogenaktion durchgeführt, deren Rücklauf sehr gut war. Darüber hinaus haben 25 Musterfamilien zwei Wochen lang ein Zeittagebuch geführt. Die Ergebnisse aus beidem wurden in einem Familienzeitcafé mit einem Worldcafé und Workshop für die Kinder vertieft und konnten so konkretisiert werden. Daraus haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass die Hauptursachen für Zeitstress bei allen Befragten fast gleich sind: Krankeit von Kindern oder eines Elternteils, unpassende Öffnungszeiten/Abstimmung von Schule, Kindergarten, Firma und Geschäften, Notfälle, Überstunden oder bestimmte Zeiten wie z.B. am Morgen, wenn alle aus dem Haus müssen. Zeitstress erhöht sich allerdings mit dem Umfang der Berufstätigkeit und dem Weg zur Arbeit. Deshalb haben wir bei der weiteren Schwerpunktsetzung eher auf Themen wie zum Beispiel Betreuungszeiten und Mobilität geachtet als auf bestimmte Familientypen.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt war die „Synchronisation von Öffnungszeiten und Bedürfnissen der Neubürger“. Wo liegen für die neu zugezogenen Familien die besonderen Herausforderungen und was konnten Sie zur Verbesserung der Situation unternehmen?

Bei den neu zugezogenen Familien wurde in der Befragung deutlich, dass neben den genannten Faktoren für Zeitstress zusätzlich fehlende private Unterstützungsnetzwerke von Bedeutung sind. Dies konnte im Rahmen des Projektes jedoch nicht angegangen werden. Wir haben uns vielmehr auf die Informationssammlung und kompakte Weitergabe konzentriert. Die sogenannte „Neubürgermappe“, die alle im Rathaus erhalten, die sich neu anmelden, wird zurzeit aktualisiert, digitalisiert und dann zur Familienmappe. Damit erhalten die Familien alle relevanten Adressen, bei denen sie Unterstützung erhalten. Die digitalisierten Informationen werden auch an die Personalabteilungen der hier ansässigen Unternehmen weitergegeben. Sie können so die für Familien relevanten Informationen für ihre Beschäftigten vorhalten und auch bei potentiellen neuen Fachkräften damit werben.

Darüber hinaus packen wir gerade das Thema haushaltsnahe Dienstleistungen an. Es gibt einen städteregionalen Wegweiser dazu. Dieser muss aber dringend überarbeitet werden. Die Sondierungsgespräche dazu finden gemeinsam mit dem Anbieter und den beiden Bündnissen aus Herzogenrath und Aachen statt. Da es einerseits einen Bedarf der Familien dazu gibt, aber gleichzeitig auch Skepsis von einem anderen Teil der Familien, sind alle Weiterentwicklungen eng und konkret mit den Familien abzustimmen.

Gab es weitere Felder in denen Sie im Rahmen der Initiative tätig wurden? Was haben Sie beispielsweise im dritten Bereich „Betreuung in Kita/Schule/Offener Ganztagsschule“ unternommen?

Wir haben bereits die Öffnungszeiten der Kitas ausgeweitet, stellen jetzt Überlegungen für die Randzeitenbetreuung an und versuchen die Ferienbetreuungsangebote besser auf die Bedürfnisse der Familien abzustimmen. Das Thema Öffnungszeiten hat sich bei uns so dargestellt: die Zeiten der Behörden, damit ist bei einer Kommune unserer Größe vor allem das Rathaus gemeint, sind ausreichend. Es gibt zusätzliche Öffnungszeiten an einem langen Donnerstag und jeden Samstag ist vormittags geöffnet; hier ist es eher eine Sache der Kommunikation. Den Zeitstress, bspw. um Besorgungen machen zu können, wollen wir nicht über Ausweitung von Öffnungszeiten reduzieren, sondern zunächst über die Wirtschaftsförderung eine Liste mit den Geschäften zusammenstellen und veröffentlichen, die einen Bringservice vorhalten oder Bestellungen per Internet ermöglichen. Zudem findet im November ein erster Termin mit den Kinderärzten statt, um mit ihnen über die Öffnungszeiten, Stoßzeiten und die besonderen Bedürfnisse der Familien und deren Zeitnöte zu reden.

Schließlich sind wir aktiv beim Thema „Begleitmobilität“. Hier geht viel Zeit „verloren“. Ein großer Teil, auch der 6-13 jährigen Kinder, wird von ihren Eltern mit dem Auto begleitet – sowohl zur Kita und Schule als auch zu Freizeitaktivitäten. Hier haben wir eine Mobilitätskampagne an allen Grundschulen gestartet. Begonnen haben wir mit der Aktualisierung der Schulwegpläne. Alle Eltern sind aufgefordert worden, den tatsächlichen Schulweg ihrer Kinder in einen Plan einzuzeichnen und es ist abgefragt worden, wie und mit wem die Kinder zur Schule kommen. Die Eltern sind zudem gefragt worden, ob sie mit ihren Kindern an dem Projekt „Walking Bus“, bei dem der Schulweg in Gruppen unter Begleitung von Erwachsenen zu Fuß zurückgelegt wird, teilnehmen würden.

Die Auswertungen erfolgen gerade. Jeder Schule bieten wir an, solch ein Projekt oder auch Maßnahmen wie „Verkehrszähmer“ mit Bündnisunterstützung durchzuführen.

Welches Fazit ziehen Sie aus der Teilnahme am Modellprojekt?


Das Modellprojekt hat unsere Kommune enorm für das Thema Zeitpolitik sensibilisiert. Die kontinuierliche und aktive Mitarbeit innerhalb des Projektes seitens der Verwaltung, insbesondere der Wirtschaftsförderung und der Verkehrsbehörde, der unterschiedlichen Bündnispartner und neuen Projektpartner, wie z.B. zwei große Betriebe und die Verkehrsbetriebe, zeigen, dass Zeitpolitik einen Nerv getroffen hat. Zeit ist ein kostbares Gut. Wollen wir Familien unterstützen und fördern, ist eine Zeitpolitik sinnvoll und effektiv. Der Stadtrat hat zudem beschlossen, nach Ablauf des Pilotprojektes das Thema weiter zu bearbeiten und die vielen Lösungsideen aus dem Projekt zur Reduzierung von Zeitstress in den Fachausschüssen zu behandeln. Die ursprünglich für ein Jahr gegründete Projektgruppe will das Thema weiter begleiten und hat sich bereits für nächstes Frühjahr zu einem Reflexionstreffen verabredet.

Was können Sie anderen Kommunen für die Umsetzung von eigenen Projekten empfehlen?

Ganz wichtig bei der Durchführung des Projektes war die Beteiligung der Familien. Nur so wird es konkret und erfolgt Akzeptanz. Die gewonnenen Erkenntnisse aus den Beteiligungsverfahren erhalten besondere Brisanz und Aufmerksamkeit, weil sie von den Familien selbst gekommen sind. Zudem sind die beteiligten Familien wieder gute Multiplikatoren für das Thema und für die Verbreitung der Ergebnisse.

Ich kann anderen Kommunen sehr empfehlen, das Thema Zeit für Familien anzugehen. Dabei sind Familien immer konkret miteinzubeziehen. Die Familien greifen das dankbar auf und die gemachten Lösungen sind direkt spürbar. Die Methode des Zeitcafés bietet sich dazu besonders gut an. Zudem ist ein bestehendes Familienbündnis oder ein Netzwerk sehr hilfreich. Das Thema Zeit betrifft so viele Bereiche, dass gute Kooperationen notwendig sind.


Das Interview führte Joscha Link. Wir danken Birgit Kuballa für das Gespräch.

Erstellungsdatum: 11.11.2013, letzte Aktualisierung am 13.11.2013
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gedruckt am  13.12.2019
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