Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Fachkongress 2012

Forum 1: Zeit für Familien

© Marek Eggemann, RevierA GmbH, Essen
Das Thema „Zeit für Familie“ ist hochaktuell. Im Fachforum wurden Zeitbedarfe, Hintergründe und Erscheinungsformen von Zeitnot behandelt. Vor allem Ansatzpunkte für eine Verringerung von Zeitproblemen für Familien standen im Fokus von Impulsvorträgen und anschließender Diskussion.

Zeitbedarfe sind facettenreich und zeitliche Arrangements sind störanfällig

In das Thema und in die Rolle der Kommunen bei der Gestaltung von Zeitstrukturen führte zunächst Dr. Martina Heitkötter vom Deutschen Jugendinstitut ein. Sie machte deutlich, dass gemeinsame Zeit eine zentrale Grundbedingung des Familienalltags und des Familienlebens ist. Daneben gibt es aber auch individuelle Zeitbedarfe der einzelnen Mitglieder. Die Integration und Synchronisation der verschiedenen Bedarfe, aber auch der diversen Anforderungen externer Taktgeber muss von den Familien selbst geleistet werden. Dies ist höchst störanfällig. Während das Zeitmanagement vielleicht noch gelingen mag, geht die so wichtige „Qualitätszeit“ zunehmend verloren. Unzufriedenheit und individuelle Erschöpfung vor allem der Eltern sind eine Folge.

Es gibt viele zeitlich besonders belastete Lebenslagen!

Zweiverdiener mit Vollzeitstellen, Alleinerziehende, Mütter und junge Familien gehören bekanntermaßen zu den besonders unter Zeitstress leidenden Gruppen. Daneben ist aber auch der Situation von Pendlern, von Neubürgern, von „multiple job holders“ sowie von Schichtarbeitern, Studierenden und Vätern Beachtung zu schenken.

Kommunen können an vielen Stellen ansetzen

Ansatzpunkte für Kommunen liegen keineswegs nur im Bereich der Regulierung und Synchronisation der vielfältigen Taktgeber des Familienalltags. Auch Infrastrukturangebote, räumliche Strukturen, Mobilitätsangebote, die Stärkung der sozialen Netzwerke, ein umfassendes Informationssystem für Familien oder Angebote zur Stärkung von Zeitkompetenzen tragen dazu bei, Zeitbedarfe von Familien besser berücksichtigen zu können und Zeitstress zu verringern. Wenn hierfür Initiative ergriffen wird, wenn Bündnispartner sich zusammen schließen, Maßnahmen gemeinsam umgesetzt werden und mit den Familien faire Zeitkompromisse gefunden werden, deren Ergebnisse und Wirkungen auch Überprüfungen standhalten, dann ergeben sich Vorteile für alle Beteiligten. „Zeitpolitik“, so abschließend Martina Heitkötter, „ist kein Luxusthema. Sie braucht strukturelle und strategische Verankerung und eine Verzahnung mit anderen Handlungsfeldern.“

Zeit für andere kann initiiert und unterstützt werden

Tauschringe oder Zeitbanken sind seit einigen Jahren hoch im Kurs. Dabei geht es darum, dass Menschen Zeit investieren, um durch den Einsatz eigener Fähigkeiten andere zu unterstützen. Bezahlt wird für solche Leistungen nicht in Geld, sondern in geldloser „Zeit-Währung“. Da man auf diese Weise Zeitguthaben aufbauen kann oder auch Zeitverpflichtungen eingeht, spricht man hier auch von Zeitbanken. Auch in Eggesin, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, wurde eine solche Zeitbank gegründet – vor allem um das Problem des Unterstützungsbedarfs aufgrund von Überalterung anzugehen. Allerdings hat sich dort eine andere Praxis als in den üblichen Zeitbanken entwickelt, wie Holger Engelmann, Koordinator der Zeitbank, schilderte. Da weder die hiermit einhergehenden Formen der Nachbarschaftshilfe noch eine mögliche (zeitliche) „Verschuldung“ auf breite Akzeptanz stießen, wurden im Rahmen eines Gemeinschaftszentrums Alt und Jung zusammen geführt. Durch diesen direkten Kontakt und vor allem durch regelmäßig anberaumte Treffen in diesem Gemeinschaftszentrum ist es gelungen, einen regelmäßigen Austausch von Hilfe und Unterstützung zwischen jungen Familien und älteren Menschen aufzubauen.

Oberhausener Eltern: Flexibilität auch von Seiten der Institutionen ist gefordert

Für die Oberhausener Eltern sprachen anschließend zwei Mütter und brachten deren Sicht des Themas Zeit ein. Frau Jungmaier problematisierte vor allem die zu geringe Flexibilität von Betreuungseinrichtungen. So würden manche Einrichtungen die gesetzlichen Vorgaben zur Dauer des Offenen Ganztags rigide auslegen und damit dem Wunsch von Eltern nach mehr Zeit mit ihren Kindern entgegenstehen. Wenn es aber nicht möglich sei, Kinder bei Bedarf auch früher aus Einrichtungen abzuholen, würden die Voraussetzungen für „Qualitätszeit“ mit den Kindern eingeschränkt.

Frau Costecki berichtete von Gesprächen mit Müttern von Vorschulkindern. Hierbei wurde eindringlich darauf hingewiesen, dass ein Alltag mit ständigem „Blick auf die Uhr“ die Regel sei. Gewonnene Zeit würde man vor allem für die Familie verwenden wollen. Individuelle Lösungsmöglichkeiten der Problematik sahen die Eltern kaum. Ansatzpunkte für zeitliche Entzerrung sahen sie eher in tariflichen Lösungen zur Arbeitszeitreduzierung, in flexiblen Öffnungszeiten und in Betreuungs- und Unterstützungsangeboten, die Randzeiten abdecken können.

„Das Verständnis von Zeit muss sich ändern“

Im Forum wurde im Anschluss zunächst das vorherrschende Verständnis von Zeit problematisiert. Angesichts der allgegenwärtigen Beschleunigung des Alltags (man denke an die Geschwindigkeit des E-Mail-Austausches im Vergleich zur Kommunikation über Briefe) seien die Zeittakte immer schneller geworden. Weil „Zeit Geld ist“, sei uns der eigentliche Wert der Zeit abhanden gekommen und dies beträfe auch den Umgang miteinander. „Wir brauchen eine neue Kultur der Zeitgeschenke“, so formulierte es eine Teilnehmerin. In eine ähnliche Richtung gingen Diskussionsbeiträge, die dafür plädierten, auch „sinnlose“ Zeit zu akzeptieren. „Zeit für nichts ist wichtig“, so eine Teilnehmerin.

In Anlehnung an einen Begriff des Kabarettisten Gerhard Polt war hier auch die Rede vom wichtigen „Herumschildkröteln“, das man im Übrigen auch gut von Jugendlichen lernen könne, für die „Chillen“ noch eine hohe Wertigkeit habe. Unterstützung fand diese Sichtweise auch durch Erfahrungen aus dem Bereich der Familienbildung. Hier verzeichnen Angebote, die den Begriff des (zweckfreien) Spielens verwenden, deutlich mehr Nachfrage als solche, die eher von einer „verzweckten“ Zeitverwendung ausgehen.

„Doppelte Doppelbelastung“

Nicht nur die Mütter, auch die Väter leiden unter Zeitnot. Hierauf wies eine Teilnehmerin hin. Während Müttern oftmals die Zeit für Erwerbstätigkeit oder auch für sich selbst fehlt, beklagen die Männer eher, dass sie zu wenig Zeit für die Familie haben. Hier träfen einerseits ein immer weiter steigender zeitlicher Druck in der Arbeitswelt (z.B. aufgrund einer permanenten Erreichbarkeit mittels Smartphone) und andererseits ein gestiegenes Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit mit der Familie aufeinander. Dies habe zur Folge, dass wir es heutzutage mit einer „doppelten Doppelbelastung“ (Jurczyk) in den Familien zu tun haben, die stärker in den Blick zu nehmen sei.

„Bei den Unternehmen ist das Thema längst angekommen.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten fest, dass auch die Unternehmen für die Verringerung von Zeitproblemen der Familien zuständig seien. In diesem Zusammenhang wurde auch darauf hingewiesen, dass das Thema dort bereits angekommen sei. Der zu erwartende weitere Anstieg des Arbeitskräftemangels müsse als ein wichtiger Hintergrund für die Aktualität dieses Thema gesehen werden.

„Rechtliche Vorgaben haben Auswirkungen auf die Familienzeit“

Auf die Bedeutung von Recht und Rechtsprechung für manche Zeitprobleme der Familien wies eine andere Teilnehmerin des Fachforums hin. Vor allem für Alleinerziehende gingen die Vorgaben des Unterhaltsrechts an der Realität vorbei , da für diese eine gleichzeitige Vollzeiterwerbstätigkeit mit Familienpflichten kaum vereinbar seien, vor allem dann, wenn der andere Elternteil sich seiner Pflicht zum Umgang mit dem Kind entziehe.

Es geht um eine kluge Mischung von Flexibilität und geregelten Zeitkorridoren

Die Moderatorin des Forums, Dr. Hildegard Kaluza, Gruppenleiterin im nordrhein-westfälischen Familienministerium, warf abschließend die Frage auf, ob das Ziel einer familienfreundlichen Gesellschaft mehr gemeinsame Zeitfenster, also eine Stärkung einheitlicher Zeitstrukturen für die Familienangehörigen sei, oder ob vielmehr die zeitliche Flexibilität gestärkt werden müsse, die dann je nach Bedarf von den einzelnen Familienmitgliedern ausgeschöpft werden könne. Die Empfehlung von Dr. Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut lautete: Eine einseitige Festlegung zum Beispiel auf flexible Lösungen helfe nicht weiter. Gefragt seien vielmehr „kluge Mischungen“, bei denen sowohl gemeinsame Zeitkorridore eingerichtet werden als auch flexible Lösungen, z.B. im Betreuungsbereich, gefunden werden. Grundsätzlich sei dabei auch darauf zu achten, dass die Quantität von Zeit und deren qualitative Nutzung zwei Seiten einer Medaille seien, die nicht immer selbstverständlich zusammen passen.


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