Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Fachkongress 2012

Fachforum 3: Familiengerechte Gestaltung des Wohnumfeldes

© Marek Eggemann, RevierA GmbH, Essen
Die Wohnsituation hat eine besondere Bedeutung für Familien. Aus der Sicht von Wissenschaft, Wohnungswirtschaft und kommunaler Praxis wurde im Fachforum vorgestellt und diskutiert, wie Wohnraum und Wohnumfeld beschaffen sein müssen, um den spezifischen Anforderungen von Familien gerecht zu werden.

Angespannte Wohnsituation auch für Familien

Mit der Vorstellung der aktuellen Trends und Tendenzen auf dem Wohnungsmarkt sowie den daraus ableitbaren Konsequenzen für Familien führte Timo Heyn von der Empirica AG in das Thema ein. Eine angespannte Wohnsituation sowie ein Stadt-/Umlandgefälle sind derzeit kennzeichnend für viele Kommunen. Zu beobachten sind in diesem Zusammenhang ebenfalls Segregationsdynamiken die zur Bildung von „Familienquartieren“ führen. Segregation entsteht dabei sowohl aufgrund von Einkommens- und Vermögensverhältnissen als auch aufgrund von Zugehörigkeitsgefühl. Demnach ziehen Familien gerne dorthin, wo andere Familien wohnen, unterliegen in ihren Entscheidungen jedoch auch den Selektionsmechanismen des Wohnungsmarktes.

Familien haben besondere Anforderungen an Wohnung und Wohnungsumfeld

Neben der Wohnungsgröße, der Wohnungsart und dem Preis ist den Familien ein hohes Maß an Privatheit, Funktionalität, Freiflächen und Individualität wichtig. Laut einer bundesweiten Befragung wünschen sich Familien in der Regel eine Wohnung mit mindestens vier Zimmern sowie Abstell- und Rückzugsmöglichkeiten. Ferner sollte es private Freiflächen geben, die den Kindern das Draußenspiel ermöglichen. Präferiert werden dabei insbesondere Eigentum oder eigentumsähnliche Gebäude. Das Wohnungsumfeld sollte verkehrssicher und „grün“ sein sowie eine gute Nachbarschaft und eine gewisse Nähe zu Betreuungs- und Versorgungsangeboten aufweisen.

„Es geht auch um das Quartier, nicht (nur) um die Wohnung“

Dr. Dieter Kraemer, Geschäftsführer der VBW Bauen und Wohnen GmbH Bochum, hob mit seinem Vortrag unter anderem hervor, dass dem Wohnumfeld heutzutage mindestens genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, wie der Wohnung selbst. Ein ganzheitlicher „Quartiersblick“ eröffne demnach Chancen auf eine mehrwertsichernde Gesamtstrategie, bei der man auch den Bedürfnissen von Familien gerecht werden kann. Ziel sollte demnach die Entwicklung bezahlbarer, generationenübergreifender und zukunftsfähiger Quartiere sein, die auch familiengerecht sind.

Das Wohnumfeld ist eine Variable, die sich beeinflussen lässt!

Das Wohnungsangebot ist bei begrenzter Neubautätigkeit weitgehend durch den Bestand vorgegeben. Das Wohnumfeld hingegen ist leichter beeinflussbar. An Beispielen aus Bochum zeigte Dr. Dieter Kraemer, dass eine Aufwertung bzw. Modernisierung bereits mit einfachen Mitteln möglich ist. Das Potential des vorhandenen Wohnumfelds muss demnach konsequent genutzt werden – beispielsweise anhand einer Wohnraumerweiterung durch Mietgärten.

Potentiale von Siedlungen nutzen: das Beispiel Querenburg in Bochum

Aber auch die eher „unbeliebten“ Quartiere in Großsiedlungen bieten Potentiale. Oftmals ist dort bereits eine gute Infrastruktur vorhanden und der Wohnraum noch bezahlbar. Die „innere Hustadt“, ein Teil des Bochumer Stadtteils Querenburg, ist ein Beispiel für solch eine Siedlung. Mit Mitteln aus dem Programm „Stadtumbau West“ ist es hier gelungen, das Wohnumfeld durch die Nutzung der bereits vorhandenen Potenziale und ungenutzten Freiräume aufzuwerten. Dazu gehörte die Gestaltung von Freiräumen, Grünanlagen, Innenhöfen und Gärten sowie die Einrichtung von altersgerechten Spielanlagen und Parkourflächen. Die Einrichtung von Aufenthalts- und Aneignungsmöglichkeiten für alle Generationen wie Gemeinschaftspavillons, ein Treffpunkt und ein Kultur-Café stärkten das Quartiersgefühl und ließen das Projekt in der Hustadt zum Selbstläufer werden. So entstand in einem Kunstprojekt der Hufelandschule die Skulptur „Dr. Hu“, welche nun mit weiteren „Familienmitgliedern“ als identitätsschaffende Leitfigur u.a. das Quartiersbild prägt und das Image des Quartiers stärkt.

Auch an andere Träger oder Kooperationen denken

Timo Heyn verwies darauf, dass die Möglichkeiten von Gruppenwohnprojekten, bei denen Bewohner in einer Gemeinschaft weitgehend selbst die Quartiersentwicklung bestimmen, noch wenig von den Kommunen umgesetzt werden. Auch Kooperationen mit Wohnungsunternehmen oder privaten Eigentümern wären denkbar. Dr. Dieter Kraemer berichtete in diesem Zusammenhang von dem „Kirschblüten-Carée“ in Hürth, einem Quartier, bei dem Wohnungsunternehmen als Investoren für die soziale Infrastruktur beteiligt waren und eine Kita, Räume für eine Pflegegruppe sowie für Wohnen im Alter bereitstellten.

Kommunen in der Pflicht

In seinem Vortrag hielt Timo Heyn abschließend fest, dass es für Kommunen wichtig sei, die gegenwärtigen Entwicklungen und Bedarfe von Familien zu kennen und zu beobachten, um gezielt nachhaltige Strategien zu entwickeln. Dazu müssten zunächst Engpässe erkannt werden, um die Angebotsstruktur, möglichst unter Einbezug aller wichtigen Akteure, zu verändern und den Wohnungsbestand an die Anforderungen von Familien anzupassen. Dr. Dieter Kraemer ergänzte in seinem Fazit, dass das vorhandene Wohnumfeld oftmals viel Potential beinhalte, das zunächst erschlossen werden sollte. Darüber hinaus könnten Kooperationen die Kommunen entlasten und an der Bereitstellung von Infrastruktur und Dienstleistungen mitwirken.

Ein wohnungswirtschaftliches Handlungskonzept ist wichtig

Zwei Elternvertreter aus Oberhausen bereicherten das Forum, indem sie im Anschluss an die Vorträge von ihrer Bürgerinitiative berichteten. Ihr Viertel in Alt-Oberhausen soll aufgrund von Flächenengpässen zukünftig näher zusammenrücken und ein Sportplatz neuen Wohngebäuden weichen. In Kooperation mit den Bewohnern fragte die Initiative deswegen bei Familien „Was braucht ihr hier im Stadtviertel?“. Die Ergebnisse der Elternbeteiligung decken sich im Wesentlichen mit den bereits vorgestellten Studienergebnissen. Wichtige Aspekte waren dabei ausreichende Freiräume und Freiflächen zur Entfaltung. Ein Fazit der Befragung ist, dass es für die Bewohner wichtiger ist, Sport- und Spielmöglichkeiten zu haben, als weiteren Wohnbestand.

Der Input der beiden Vertreter der Oberhausener Bürgerinitiative brachte insbesondere eine Diskussion darüber in Gang, dass Fläche zwar ein knappes Gut ist und damit nachhaltig umgegangen werden muss, jedoch ein strategisch ausgerichtetes und wohnungswirtschaftliches Gesamthandlungskonzept selten vorhanden ist. Fehlt ein solches Konzept und werden die Bürger nicht beteiligt, kann dies dazu führen, dass ein vermeintlicher „Bedarf“ mehr schadet als dass er die Quartiersentwicklung fördert.

In Zeiten von Flächenengpässen Leerstände nutzen

Beide Vertreter der Elternbeteiligung in Oberhausen verwiesen zudem darauf, dass nicht nur Engpässen begegnet werden müsse, sondern auch Leerständen. Insbesondere die Nahversorgung durch den Einzelhandel ist nach Meinung der Beteiligten schwierig und erfordert Lösungen. Aus der Praxis berichtete ein Teilnehmer, dass Unternehmen insbesondere große Ladenlokale bevorzugen und es deswegen schwierig sei, leer stehende Ladenlokale wieder zu besetzen. Moderatorin Christiane Heil regte abschließend an, diese Ladenlokale alternativ von lokalen Initiativen nutzen zu lassen.


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