Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Fachkongress 2012

Fachforum 4: Wissen für Eltern

© Marek Eggemann, RevierA GmbH, Essen
In diesem Forum standen Bildungsangebote für Eltern im Mittelpunkt. Wie es gelingen kann, möglichst alle Eltern mit Angeboten zu erreichen, war die zentrale Frage, um die sich die Vorträge und Diskussionen der Fachleute drehten.
Gloria Kaminski, Vorsitzende des Stadtelternbeirates der Stadt Oberhausen, Ina Woelk vom Referat „Erziehung und Bildung“ der Stadt Gelsenkirchen sowie Reiner Holtmann und Axel Ronig von der Elternschule Hamm berichteten zum Thema „Wissen für Eltern“ von ihren Erfahrungen.

„Ohne die Eltern geht es nicht“

Reiner Holtmann und Axel Ronig machten zu Beginn ihres Vortrags deutlich, dass Elternbildung von zentraler Bedeutung für die Erziehung eines Kindes sei und einen direkten Einfluss auf dessen Bildungserfolg habe: Insbesondere im Fach Mathematik und bei der Lesekompetenz sei der Einfluss der Eltern „doppelt so hoch wie der von Schule, Lehrkraft und Unterricht“. Demzufolge sind Beratung und die Bereitstellung von passgenauen Informationen für Eltern essentiell. Sowohl in Hamm als auch in Gelsenkirchen richtet sich der Blick daher auf präventive Ansätze: Nur durch eine verstärkte Förderung solch frühzeitiger Angebote können mittelfristig spätere „Reparaturleistungen“ vermieden werden – und diese machen momentan beispielsweise in Hamm immerhin ein Drittel aller Ausgaben des Jugendamtes aus.

Gewünscht sind Informationen, Kontakte und Handlungssicherheit

Nicht nur von Seiten der Kommune sind Elternbildungskurse wünschenswert. Auch viele Eltern selbst verlangen nach diesen Angeboten – und das nicht ohne dabei gewisse Ansprüche zu stellen: Ina Woelk berichtete, dass es den Eltern wichtig sei, stets etwas Neues zu lernen, Entlastung zu erfahren und einen Zuwachs an Handlungssicherheit zu erreichen. Zudem wünschten sich die Eltern, Kontakte zu anderen Eltern knüpfen zu können.

Gloria Kaminski ergänzte diese Darstellung und bestätigte, dass bei Eltern häufig ein großes Informationsbedürfnis existiere. Insbesondere bei neuen und aktuellen Themen bestehe Handlungsbedarf. Ihrer Erfahrung nach wünschen Eltern mit Kindern im Kita-Alter beispielsweise mehr Informationen zu den Themen: Kinderbetreuung, einzelne Schulformen und Schulanmeldung, sowie Aufklärung zum Bereich „neue Medien".

Elternbildung sollte vielfältig, frühzeitig, bedarfsgerecht und wohnortnah sein

In Hamm hat man auf das gestiegene Informationsbedürfnis und den Wunsch nach Elternbildungsangeboten mit der Gründung einer Elternschule reagiert – auch um langfristig bessere Bildungserfolge bei den Kindern zu erzielen. Das Angebot der Elternschule stützt sich auf vier Säulen: Wissen, Handlungskompetenz, Selbsterfahrung und Netzwerkaufbau. In diesen Bereichen werden je nach Alter des Kindes und der Lebenswelt der Eltern die unterschiedlichsten Kurse angeboten. Ermöglicht wird dies durch die Kooperation mit über 100 Einrichtungen.

Dass die Umsetzung von flächendeckenden Familienbildungsangeboten eine komplexe Sache ist, berichtete Ina Woelk: In Gelsenkirchen würden Familien „frühzeitig, bedarfsgerecht und wohnortnah“ mit Angeboten der Familienbildung und -förderung erreicht. So sei eine Präventionskette entstanden, die von der Schwangerschaft über die Kita bis zur Grundschule reicht. Wichtig sei dabei, dass alle Familien angesprochen werden, auch wenn der Fokus auf den Eltern mit 0 4-jährigen Kindern liege.

Zielgruppengerechte Ansprache ist notwendig

Ganz egal, ob es um alle Familien geht oder ob sich ein Angebot an eine ganz spezielle Zielgruppe wendet. Entscheidend für die Annahme ist die richtige Ansprache. Für Reiner Holtmann und Axel Ronig geht es daher darum „Angebote zu schaffen, die sich an der Lebenswelt und der Lebenssituation der Eltern orientieren“. Anhand der Sinus-Milieus setzten sie sich mit den unterschiedlichen Lebenswelten der Familien auseinander und zogen daraus die Konsequenz, dass man zum einen „nicht alle Eltern in eine Veranstaltung bekommt“ und dass zum anderen eine zielgruppengerechte Ansprache erforderlich ist. Achte man auf diese Bedingungen, seien jedoch prinzipiell alle Elterngruppen erreichbar.

Auch Ina Woelk betonte, dass man sich bei der Gestaltung der Maßnahmen immer an der Lebenswirklichkeit der Familien orientieren und an den konkreten Lebensumständen ansetzen müsse. In Gelsenkirchen werde daher beispielsweise auf den Migrationshintergrund vieler Familien mit Angeboten in unterschiedlichen Sprachen reagiert; bei anderen Familien wiederum werde aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern auf die Vereinbarkeit der Angebote mit Beruf und Familie geachtet.

Dass passgenaue Ansprache wichtig ist, bestätigte auch Gloria Kaminski. Sie berichtete von dem Wunsch einiger Eltern nach einer Website mit ausführlichen Informationen zu unterschiedlichen Themenbereichen sowie mit einem Veranstaltungskalender und wies auch darauf hin, dass eine „weniger netzaffine Zielgruppe“ besser über Infobriefe erreicht werden könne.

Begrüßungshausbesuch als „positiver Erstkontakt“

Um die Problematik der richtigen Ansprache zu umgehen und um mit den Eltern in Kontakt zu kommen, hat sich in Gelsenkirchen zudem der Begrüßungshausbesuch bei der Geburt eines Kindes als wichtiger Baustein erwiesen. Dieser Besuch bietet für die Stadt die Möglichkeit eines „positiven Erstkontaktes“ zu den Eltern. Ina Woelk verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass Eltern dem Besuch zwar anfangs skeptisch gegenüberstünden, dieser im Nachhinein jedoch als sehr positiv und hilfreich empfunden werde. Auch deshalb führen mittlerweile immerhin 70% aller Kommunen in NRW einen Begrüßungsbesuch durch.

Gelsenkirchen: Elternbildung muss auf Stadtteile ausgerichtet sein

Die beste Ansprache hilft jedoch nicht, wenn das Kurs-Angebot nicht ebenfalls an den Bedürfnissen der Familien ausgerichtet ist. In Gelsenkirchen gilt daher, dass die Angebote – neben „frühzeitig“ wie der Begrüßungsbesuch – auch „wohnortnah“ und „bedarfsgerecht“ sein sollen. Beides wird durch das umfangreiche Kursangebot möglich gemacht: Über 200 kostenlose Kurse wurden bereits durchgeführt. Bei diesen wird viel Wert darauf gelegt, dass sie immer dort stattfinden, wo aktuell Bedarf vorhanden ist. Die Anzahl der Familienbildungsangebote in einem Stadtteil richtet sich daher auch nach den Geburtenzahlen.

Hamm: 140 Elternschulen vor Ort

Eine ähnliche Strategie wird in Hamm verfolgt: Hier wird durch die Kooperation mit 140 Elternschulen und mit themen- und stadtteilbezogenen Arbeitsgruppen sichergestellt, dass alle Kursangebote direkt vor Ort angeboten werden können. Durch die Gestaltung des Kursangebotes wird unter Berücksichtigung der Lebenswelten der Familien und der unterschiedlichen Altersstufen der Kinder die Passgenauigkeit der Angebote gewährleistet.

Früher und enger Kontakt führt zu passgenauen Angeboten

Der möglichst frühe und enge Kontakt der Stadt zu den Familien, beispielsweise durch Netzwerkgespräche vor Ort, hat außer der höheren Akzeptanz bei den Familien noch einen weiteren Vorteil: Es können schnell und direkt Erkenntnisse über die einzelnen Maßnahmen gewonnen werden. In Gelsenkirchen gilt: Nur Programme, die funktionieren, bleiben erhalten und was nicht funktioniert, wird abgesetzt.

Kooperationen und Initiatoren sind gefragt

Die Fragen und Beiträge aus dem Plenum befassten sich vorrangig mit der Frage, wie es möglich ist, all diese Angebote kostenfrei anzubieten. Ina Woelk verwies diesbezüglich auf die gute Kooperation mit dem Familienbildungswerk. Den Eltern werden beim Begrüßungsbesuch Gutscheine für deren Kurse überreicht.

Zum Abschluss richtete sich der Blick der Diskutanten noch einmal auf den Beginn der Projekte: Wie kam es zur Gründung der Elternschule, wie hat dort alles begonnen und wie war eine solch aufwändige Kooperation möglich? Nach Auskunft von Reiner Holtmann kam die Initiative aus dem Jugendamt. Sehr schnell wurden dann die freien Träger einbezogen. Diese Kooperation sei ebenso wichtig wie eine vom Projekt überzeugte Stadtspitze.

„Erziehung ist ein Thema, das alle betrifft“

Insgesamt zeigte sich in diesem Forum, dass der Stellenwert des Themas „Wissen für Eltern“ nicht zu unterschätzen ist. Zum einen, da Elternbildung auch die Bildung der Kinder und Jugendlichen stark beeinflusst und somit ein wichtiges Glied einer Präventionskette sein kann, zum anderen weil von Seiten der Eltern ein großes Informationsbedürfnis besteht.

Für eine familiengerechte Umsetzung der Angebote ist ein bedarfsgerechtes Angebot direkt vor Ort von ebenso großer Bedeutung wie die frühzeitige und zielgruppengerechte Ansprache der Familien. Zur Erfüllung dieser Bedingungen sind Kooperationen mit freien Trägern unerlässlich.


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