Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Soziale Netzwerke

Die Arbeit des Vereins „Paten für Arbeit in Essen“ – Ein Erfahrungsbericht

von Günter Herber

Ehrenamtlich tätige Patinnen und Paten kümmern sich in Essen um junge Menschen. Sie begleiten sie über mehrere Jahre und unterstützen sie in vielerlei Hinsicht beim Übergang von der Schule in den Beruf sowie während ihrer Ausbildungszeit.
Der Verein „Paten für Arbeit in Essen e.V.“ wurde 1998 gegründet. Als Ziel der Vereinsarbeit wurde die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in der Satzung festgeschrieben. Wir waren zu Beginn 15 Gründungsmitglieder, heute zählt der Verein 424 Mitglieder, davon 394 natürliche und 30 juristische Personen. Die Mitgliedsbeiträge sind die finanzielle Grundlage des Vereins und sichern ihm die konzeptionelle Unabhängigkeit. Dazu bemühen wir uns um Spenden. Dies gelingt auch immer wieder, da wir als gemeinnützig anerkannt sind. Ferner erhalten wir eine Zuwendung von der Stadt Essen, die in den letzten Jahren aber ständig reduziert wurde. Wir haben bisher auf jede Förderung verzichtet, die die konzeptionelle Unabhängigkeit gefährden könnte.

Die Form, in der wir unsere Arbeit heute leisten, haben wir im Laufe der Jahre entwickelt. Zwischen unseren Anfängen und der heutigen Form liegen Welten. Wir haben amateurhaft angefangen, mehr mit gutem Willen als mit profunder Sachkenntnis. Heute schätze ich unsere Arbeit schon als sehr professionell ein. Ich beschreibe unseren heutigen Stand, aber ich betone, dass es bis dahin ein weiter Weg war und wir keineswegs meinen, schon am Ziel zu sein

 

Die Patinnen und Paten

Das Prinzip unserer Arbeit: Patinnen und Paten begleiten junge Menschen beim Übergang von der Schule zum Beruf. Das ist ein ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement von Männern und Frauen für einen Zeitraum von 4 bis 5 Jahren. Es beginnt im Laufe des 9. Schuljahres und endet in der Regel mit dem Abschluss der Ausbildung. Im Laufe der Jahre haben sich bei uns 231 Männer und Frauen engagiert. Einige übernehmen die Verpflichtung einmalig und ziehen sich dann wieder zurück, andere bleiben länger. Zurzeit arbeiten 110 Patinnen und Paten. Ich bin immer wieder überrascht, aber auch dankbar für dieses Engagement, das in aller Stille passiert, für das es so gut wie keine öffentliche Anerkennung gibt, das viel Zeit in Anspruch nimmt, das viel Geduld erfordert, das mit mancher Enttäuschung und viel Frust verbunden ist.

Waren wir zu Beginn eine kleine „Rentnerband“ von 7 Männern und Frauen im Rentenalter, so liegt heute der Altersdurchschnitt zwischen 30 und 50. Eine große Zahl unserer Patinnen und Paten ist noch berufstätig. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen, sind aber weitgehend mittel- bis oberschichtorientiert. Dabei sind wir anspruchsvoll. Wir fordern ein erweitertes Führungszeugnis. Niemand wird Pate, ohne an einem Einführungsseminar teilgenommen zu haben. Wir erwarten Teilnahme an Patentreffen und mindestens einmal im Jahr einen Verlaufsbericht an unsere Geschäftsstelle. Da die jungen Menschen uns wichtig sind, weichen wir von diesen Forderungen nicht ab. Wir konnten aber nicht feststellen, dass diese Forderungen Männer und Frauen abschrecken, vielmehr fühlen sie sich auch durch unsere Forderungen in ihrem Engagement ernst genommen.

 

Zusammenarbeit mit den Schulen

Unser Modell bedingt eine enge Kooperation mit den Schulen. Die Lehrerinnen und Lehrer suchen die „Patenkinder“ nach den Vorgaben des Vereins aus, nicht der Verein wählt die „Patenkinder“ aus. Diese Verantwortung haben wir bewusst abgegeben, weil nur die Lehrer die Schüler wirklich kennen. Die Lehrer bleiben Ansprechpartner für die Patinnen und Paten. Das Kollegium muss allerdings der Kooperation mit dem Verein zustimmen, ein Vertrauenslehrer muss neben dem Klassenlehrer unser Ansprechpartner sein. Ich spreche hiermit den Lehrerinnen und Lehrern meine Anerkennung aus, die für ihre Schüler diese zusätzliche Belastung auf sich nehmen. Zurzeit kooperieren wir mit 5 Schulen – 3 Gesamtschulen, 2 Hauptschulen – alles Schulen in sozial schwierigen Stadtteilen. Wir spüren in unserer Arbeit die zunehmende innerstädtische Segregation, die Trennung von Arm und Reich, von Gebildeten und Ungebildeten, von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Unsere Patinnen und Paten überschreiten diese Grenzen.

 

Die Jugendlichen...

Wer sind unsere „Patenkinder“? Franz Josef Degenhardt sang schon 1965: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder. Geh doch in die Oberstadt, mach’s wie deine Brüder.“ Ich bleibe einmal bei dem Bild von Degenhardt, das ich auch vor kurzem in einem sozialwissenschaftlichen Buch gefunden habe. Unsere „Patenkinder“ kommen nicht in die Oberstadt. Auf die Essener Strukturen bezogen: Gruga und Baldeneysee sind für sie fremdes Terrain. Unsere Patinnen und Paten gehen in die Unterstadt, wir „spielen mit den Schmuddelkindern“. Unsere Patinnen und Paten kommen fast ausschließlich aus der Oberstadt. In der Regel begegnen die Menschen aus der Oberstadt nicht denen aus der Unterstadt. Viele unserer Patinnen und Paten haben bei der ersten Begegnung einen Kulturschock erlebt, weil sie in ein soziales Umfeld eintauchen mussten, das sie nicht kannten. Da schienen zwei Welten aufeinander zu prallen. Sie begegneten Schülerinnen und Schülern, die zwar ausbildungsfähig, aber nicht unbedingt ausbildungswillig sind. Vor kurzem las ich bei dem bereits erwähnten Sozialwissenschaftler: „Immer mehr vor allem junge Menschen verlernen zu wollen. Sie verlernen es, weil ihr soziales Umfeld ihnen tagtäglich zeigt, dass es keinen Sinn hat zu wollen. Wer nicht mehr will, hat auch keinen Grund zu lernen.“ Diese jungen Menschen erleben die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern und den sozialen Abstieg ihres Stadtteils. Sie sehen, dass nur ganz wenige in ihrer Klasse einen Ausbildungsvertrag erreicht haben. Sie erfahren, dass auf ihr Bewerbungsschreiben nicht einmal eine Antwort erfolgt. Sie haben notwendige „Sekundärtugenden“ nicht gewonnen: Leistungsbereitschaft, Motivation, Vertrauen, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit. Wenn sie Bruchstücke davon gewonnen haben, sind sie ihnen durch ihre Lebenserfahrung wieder ausgetrieben worden.

 

...und ihre Familien

Diese Sekundärtugenden lernt man in der Familie, in der Nachbarschaft, im sozialen Umfeld, in der Regel lange vor Beginn der Schule. Es ist bekannt, dass Menschen, die lange arbeitslos sind, diese Tugenden verlieren, dass sie aber auch in einem schwierigen sozialen Umfeld nicht zu erlernen sind. Daraus ergibt sich folgerichtig, dass die Lehrer bei der Auswahl der „Patenkinder“ immer häufiger auf die Familie schauen. Viele junge Menschen wachsen auf in überforderten Familien, die häufig zu den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ gehören. Sie leben in sozial schwachen Nachbarschaften. Wenn es stimmt, dass sich diese Sekundärtugenden in diesen „kleinen Kreisen“ ausbilden, dann wird verständlich, warum sie diesen jungen Menschen fehlen. Ich las vor kurzem noch, die Familie sei „die Garantin sozialer Ungleichheit“. Je länger ich mich mit diesen Problemen beschäftige, desto mehr bestätigt sich mir diese Aussage. Ich glaube aber nicht, dass wir als Gesellschaft es uns leisten können, auf diese jungen Menschen zu verzichten. Aber abgesehen davon, ist es schade, um jeden Einzelnen, der verlorengeht.

 

Was wir machen

Können wir da mit unserer Patenarbeit gegensteuern? Was machen unsere Patinnen und Paten eigentlich? Unser erstes Ziel war, den Ausbildungsabbruch zu verhindern. Uns waren, als wir mit der Vereinsarbeit starteten, junge Menschen anvertraut worden, die direkt vor Beginn der Ausbildung standen. Etwas später kam hinzu, bei der Bewerbung und der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu helfen. Heute hat sich das Gewicht verlagert. Wir steigen früher ein und beginnen im 9. Schuljahr. Patinnen und Paten versuchen die Sekundärtugenden zu vermitteln, Jugendliche zu motivieren, ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, etwas zu wollen, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit vorzuleben. Bei der Auswahl der Patinnen und Paten ist uns darum die berufliche Qualifikation nicht wichtig, wir benötigen gestandene Persönlichkeiten, die diese Sekundärtugenden glaubhaft vorleben.

Etwa 50% unserer „Patenkinder“ haben einen Migrationshintergrund. Ich betone gerne, dass unsere Patinnen und Paten einen wichtigen Beitrag zur Integration dieser jungen Menschen leisten. Häufig haben wir es aber gar nicht mit einem ethnischen Problem zu tun, sondern genau wie bei den Jugendlichen mit deutschen Wurzeln mit einem sozialen Problem. Wenn man von einigen sprachlichen Defiziten absieht, sind die Unterschiede gar nicht so groß.

Dabei ist es wichtig, die Eltern zu beteiligen. Es kommt keine Patenschaft zustande, ohne dass die Eltern schriftlich mit ihrer Unterschrift einwilligen. Das ist Voraussetzung, aber nicht genug. Eltern müssen in den ganzen Prozess einbezogen werden. Was den jungen Menschen, die wir betreuen fehlt, sind qualifizierte Eltern. Der Hausbesuch der Patinnen und Paten bei den Eltern ist eine Selbstverständlichkeit. Das Gespräch, das gemeinsame Nachdenken über die nächsten Schritte ergeben sich dann von selbst. Einige Eltern sind unwillig und verstehen die Patinnen und Paten als Entlassung aus ihrer eigenen Verantwortung. Die meisten Eltern aber sind überfordert, wissen um ihre Überforderung und erkennen in den Patinnen und Paten dankbar eine Hilfe, die sie selbst ihren Kindern nicht geben können. Etwas sarkastisch sprach ich einmal von der Patenarbeit als einer „Nachbeelterung“. Manchmal ist es auch eine Qualifizierung der Eltern.

Natürlich nehmen die Patinnen und Paten auch noch andere Aufgaben wahr. Sie motivieren zu besseren schulischen Leistungen. Sie helfen bei der Berufswahl, bei der Suche des Ausbildungsplatzes und bei der Bewerbung. Sie versuchen, die Motivation während der Ausbildung aufrecht zu erhalten, schlichten bei Konflikten mit den Eltern oder dem Ausbildungsbetrieb, beraten bei der Überlegung, ob ein höherer Schulabschluss angestrebt werden soll, trösten bei Liebeskummer. Es ist eine intensive Beziehungsarbeit, die vom Vertrauen aller Beteiligten lebt.

Im Augenblick werden die Schulen überschwemmt mit verschiedenen Projekten, die beim Übergang von der Schule zum Beruf helfen sollen. Wir empfinden das nicht als Konkurrenz, wir sehen darin mehr ein hilfreiches Nebeneinander. Ich will diese Bemühungen in keiner Weise abwerten. Das Problem des Übergangs von der Schule zum Beruf ist so groß, das wir nicht zu viel tun können. Wir sind aber stolz auf unser Spezifikum: Ehrenamtlich und eins zu eins auf Augenhöhe. Der junge Mensch spürt, dass sich jemand mit ihm beschäftigt und nur mit ihm, ein Erwachsener, der das nicht macht, weil es sein Beruf ist, sondern weil er sich für ihn interessiert. Die Jugendlichen erleben einen Menschen, der sich Zeit für sie nimmt, obwohl er das nicht nötig hat. Der junge Mensch erfährt Wertschätzung trotz aller Probleme, die er mitbringt. Das ist für viele eine neue Erfahrung im Umgang mit Erwachsenen.

 

Vernetzung und Unterstützung

Die Patinnen und Paten sind in der Regel nicht pädagogisch ausgebildet und kennen auch nicht die Feinheiten des dualen Ausbildungssystems. Darum brauchen wir Kooperationspartner. Wir haben enge Kontakte zur Kreishandwerkerschaft und zur IHK, die beide bei der Suche und Vermittlung von Ausbildungsplätzen hilfreich sind. Wir haben direkten Zugang zu den Berufsberatern der Arbeitsagentur. Ferner gehören zu unseren Partnern der ASD des Jugendamtes, die Erziehungsberatungsstelle der Stadt Essen, die Jugendberufshilfe. Unsere Patinnen und Paten wissen, für welche Fragen sie an welcher Stelle Rat und Hilfe bekommen. Wichtig ist natürlich auch, dass die Patinnen und Paten Wertschätzung durch die Verantwortlichen des Vereins erfahren. Der Stadt Essen sind wir für ihre Hilfe dankbar. Die Zuwendung wird zwar im Rahmen der Sparmaßnahmen geringer, aber sie bleibt eine wesentliche Hilfe in der Finanzgestaltung des Vereins. Wir haben in städtischen Räumen mietfrei unsere Geschäftsstelle unterbringen können. Der Oberbürgermeister, viele Ratsmitglieder und einige Fraktionen sind Mitglied des Vereins. Der Oberbürgermeister, unabhängig von der politischen Farbe, lässt es sich nicht nehmen, jährlich in einer Vereinsveranstaltung eine Patenehrung vorzunehmen. Aber wichtig bleibt uns, dass die Kommunalpolitik dafür keine Einflussnahme beansprucht.

 

Ein Gewinn für alle Beteiligten

Ich werde oft nach den Motiven gefragt, die Patinnen und Paten bewegen, die Arbeit zu tun. Sie sind sehr unterschiedlich, einige kann ich ihnen nennen. Diese Männer und Frauen fühlen sich mitverantwortlich für das Geschehen in dieser Gesellschaft. Sie wollen nicht nur kritisieren, sie wollen etwas tun, zumindest so viel, wie sie eben leisten können. Einige empfinden den Umgang mit diesen jungen Menschen als gesellschaftlichen oder auch politischen Skandal. Sie wissen, dass sie das grundsätzliche Problem nicht lösen können, aber jeder Einzelne ist wichtig. Zugleich wollen sie mit ihrem Tun den Skandal sichtbar machen und den Finger in die Wunde legen. Einige sagen, sie hätten in ihrer Jugend viele Chancen gehabt. Sie wollten nun dankbar davon etwas zurückgeben.

Ich betone: Was Patinnen und Paten leisten, ist kein Altruismus. Es ist ein bürgerschaftliches Engagement und damit eine politische Aktion. Es führt aber auch in eine „Win-Win-Situation“. Denn beide haben etwas davon, der Pate und sein Patenkind.

Für mich ist das, was wir tun, etwas Außerordentliches. Denn es liegt außerhalb der Ordnung. Männer und Frauen mischen sich in Dinge ein, die sie gar nichts angehen, ohne dass ihnen jemand den Auftrag gegeben hat. Sie sind durch nichts legitimiert, sie bringen keine der sonst notwendigen Voraussetzungen mit, sie lassen sich nicht bezahlen, aber sie packen an. Die Probleme, denen wir bei unseren „Patenkindern“ begegnen, können durch den Staat und das Bildungssystem nicht allein gelöst werden. Hier bedarf es der Unterstützung durch die Bürger. Ich will jetzt nicht mehr über das Bildungssystem klagen. Es ist nicht Teil der Lösung, es ist Teil des Problems. Darum ist Hilfe eigentlich nur von außerhalb des Systems möglich. Darum sind wir mit unserer Patenarbeit so wichtig.

 

Abschließend noch einige Zahlen

-    Seit 2000 waren bei uns 231 Patinnen und Paten tätig, zurzeit sind 110 aktiv.
-    Seit 2000 haben wir an 5 Schulen 501 Patenschaften vermittelt.
-    Zurzeit werden 130 Patenschaften betreut.
-    Demnach sind 371 Patenschaften abgeschlossen. Davon haben 172 Jugendliche die Patenschaft abgebrochen, die meisten in der Kennenlern-Phase, also in den ersten drei Monaten. Das sind rund 46 %, eine zwar große, aber angesichts des Klientels eine hinnehmbare Zahl. Die meisten brechen ab, wenn sie erkennen, dass Patenschaft kein reines Vergnügen ist, sondern Arbeit, Forderungen und Verpflichtungen mit sich bringt.
-    Erfolgreich abgeschlossen haben die Patenschaft mit dem Gesellenbrief oder dem Übergang zu einem höheren Schulabschluss 199 Jugendliche. Das sind rund 54 %. Auf diese Zahl sind wir auch ein wenig stolz. Denn das sind junge Menschen, die für die Patenschaft ausgewählt wurden, weil die Lehrer ihnen diese Leistung nicht zugetraut hatten.

Autor:


Günter Herber
Projektleiter Ausbildungspatenschaften im Verein „Paten für Arbeit in Essen e.V.“

Erstellungsdatum: 31.05.2012
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