Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Praxis vor Ort

Beispiel guter Praxis:
Mülheim an der Ruhr: Bildungspartnerschaften Eppinghofen und Styrum

In den Stadtteilen Eppinghofen und Styrum in Mülheim an der Ruhr vernetzten sich auf Initiative des Beigeordneten Ulrich Ernst Verantwortliche von Bildungsträgern und -institutionen, aus Vereinen sowie Migrantinnen- und Migrantenorganisationen zu Bildungspartnerschaften.
Die Netzwerkpartnerinnen und -partner bieten Kindern und Eltern auf ihren Bedarf zugeschnittene Unterstützung, Informations- und Austauschmöglichkeiten. familie-in-nrw.de sprach mit Dr. Sonja Clausen, Stadtteilkoordinatorin für Eppinghofen, über das Projekt.

 

Bezeichnung des Projekts und Laufzeit

Das Projekt „Erziehungs- und Bildungspartnerschaften im Stadtteil“ startete 2009 mit einer großen Auftaktveranstaltung. Es lief drei Jahre lang und wurde aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds (EIF) kofinanziert.

 

Ausgangssituation und Idee

„Die Stadt Mülheim an der Ruhr erhebt differenzierte statistische Daten zu den Stadtteilen und den Entwicklungen dort“, berichtet Stadtteilkoordinatorin Dr. Sonja Clausen, die zusammen mit ihrem Kollegen Michael Schüring die Bildungspartnerschaften im Auftrag der Stadt vor Ort in den Stadtteilen koordiniert. „Es fiel auf, dass die Kinder in Eppinghofen und Styrum deutlich unterdurchschnittliche Bildungserfolge aufwiesen.“ Ein Indikator dafür sind die Übergangsquoten ins Gymnasium. Während in der gesamten Stadt durchschnittlich 43 Prozent der Kinder nach der Grundschule ein Gymnasium besuchen, weisen die Eppinghofener Grundschulen Übertritte ins Gymnasium zwischen 16 und 22 Prozent auf (Bildungsentwicklungsplan der Stadt Mülheim, 2011). Auffällig waren auch der hohe sonderpädagogische Förderbedarf, häufige Sprachauffälligkeiten und gesundheitliche Beeinträchtigungen - zum Beispiel durch Übergewicht - bei den Kindern in den beiden Stadtteilen. „Viele Familien, die in Styrum und Eppinghofen leben, befinden sich durch Arbeitslosigkeit, Trennung bzw. Scheidung oder migrationsbedingte Probleme in schwierigen Lebenslagen“, berichtet die Stadtteilkoordinatorin.


  • Stadtteilkoordinatorin
    Dr. Sonja Clausen

"Gemeinsam mit den Bildungspartnern wollten wir neue Zugänge zu Bildungsangeboten im Stadtteil schaffen und diese Angebote gleichzeitig so vernetzen, optimieren und ausbauen, dass sie den Bedürfnissen der Familien in den Stadtteilen besser entsprechen“, erklärt Iris Hofmann, von der Koordinierungsstelle Integration, die das Projekt betreut. "Wir wissen aus eigener Erfahrung und aus der Forschung, dass es häufig mit Überwindung verbunden ist, zentrale Angebote zu nutzen. Die Angebote bei Trägern im Stadtteil anzusiedeln, die das Vertrauen der Menschen genießen, erschien uns ein zielführender Weg zu sein, unsere Zielgruppen mit passenden Unterstützungsangeboten zu erreichen", sagt Iris Hofmann. Die enge Vernetzung der Angebote unter Einbeziehung der Stadteilbevölkerung ist eine effektive Methode, die entsprechende Zielgruppe auch tatsächlich zu erreichen.

 

Förderung

Der Europäische Integrationsfonds (EIF) bot der Kommune die Möglichkeit, Unterstützung für drei Jahre zu bekommen. Der EIF ist ein vom Rat der Europäischen Union für den Zeitraum von 2007 bis 2013 eingerichteter Fonds zur Integration von Drittstaatsangehörigen (Angehörige von Staaten außerhalb der europäischen Union). Die Fördermittel werden über die für EU-Fonds zuständige Behörde beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Düsseldorf gewährt.

 

Ziele und Zielgruppen

Die Bildungspartnerschaften in den Stadtteilen, denen derzeit in Eppinghofen 27 und in Styrum 30 Partnerinnen und Partner angehören (Link: Zur Übersicht der Kooperationspartner in Eppinghofen und Styrum), richten sich an Familien, die aus Staaten außerhalb der europäischen Union, sogenannten Drittstaaten, zugewandert sind. Angesprochen werden sowohl Kinder zwischen null und zwölf Jahren als auch deren Eltern, um ihre Erziehungskompetenz zu stärken. „Wir verfolgen dabei einen ressourcenorientierten Ansatz. Das bedeutet, dass wir von den Stärken ausgehen, die unsere Zielgruppen mitbringen“, berichtet Dr. Sonja Clausen. „Wir wollen ihnen Rahmenbedingungen bieten, die es ihnen erlauben, diese Stärken zu entwickeln. Das gelingt in Bezug auf Familien mit Zuwanderungsgeschichte vor allem dann, wenn der Zusammenhalt mit anderen gesellschaftlichen Gruppen gestärkt wird.“


  • Feierliche Unterzeichnung der "Erklärung der Bildungspartnerschaften"
Die Bildungspartnerinnen und -partner in Eppinghofen und Styrum unterzeichneten eine gemeinsam verfasste Erklärung, die die Ziele ausführt.

 

Aktivitäten

Zu Beginn des Projekts gingen Sonja Clausen und Michael Schüring mit der Bildungspartnerschafts-Idee auf Akteurinnen und Akteure in den beiden Stadtteilen zu, die für eine Teilnahme in Frage kamen. „Die meisten waren sofort oder nach kurzer Bedenkzeit dabei“, erinnert sich Sonja Clausen. 2009 fand dann eine große Auftaktveranstaltung statt, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Visionen für ihre Stadtteile erarbeiteten. „Dadurch entstand eine tolle Dynamik, die Beteiligten wollten loslegen und gründeten sogenannte Aktivpartner- und Arbeits-Gruppen zu bestimmten Themengebieten, an denen sie weiter arbeiteten“, berichtet die Koordinatorin. Daraus entwickelten sich einen Vielzahl konkreter Maßnahmen und Aktionen zu ganz unterschiedlichen Bildungsaspekten: Es entstanden zum Beispiel neue Eltern-Cafés, ein regelmäßiges Angebot, das Jugendlichen die Trendsportart "Le Parcour" vermittelt, neue Krabbel-, Spiel- und Sportgruppen und die Idee für eine Übersicht im Internet über alle Angebote zur frühen Förderung unter Dreijähriger in Eppinghofen und Styrum. Es gab internationale Kinder-, Familien- und Stadtteilfeste und Stadtteil-Workshops. Im Folgenden sind einige Aktivitäten ausführlicher dargestellt:

Sprachförderung und Zweisprachigkeit
Eine Aktivpartner-Gruppe zum Thema Sprache entwickelte unter anderem ein Lesepatenprojekt und erstellte eine Übersicht über Sprachkursangebote, um vorhandene Möglichkeiten besser zugänglich zu machen. Aus dem Dialog mit den Eltern ergab sich die Frage nach dem Umgang mit Zweisprachigkeit. Viele Mütter und Väter zeigten sich verunsichert, da sie aus unterschiedlichen Quellen unterschiedliche Informationen dazu bekommen hatten. Die Bildungspartnerschaft gab daraufhin eine Handreichung zum Thema heraus, die unter dem Titel "Sprachkompetenz von Anfang an! Mülheim spricht viele Sprachen" die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenfasst. Im Internet sind die enthaltenen Merkblätter aus dem Kirchheim-Verlag in elf Sprachen verfügbar. Darüber hinaus veranstaltete die Aktivpartner-Gruppe eine Konferenz für Kita- und Grundschulfachkräfte, Fachberatungen der Institutionen sowie Fachleute aus dem Gesundheitsamt, zu der rund 150 Personen kamen. Ziel war es, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, wie mit dem Thema Zweisprachigkeit am besten umzugehen sei. In Zusammenarbeit mit der Ulu-Moschee, dem Türkischen Kulturzentrum und der RAA (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) gab es außerdem eine sehr gut besuchte zweisprachige Informationsveranstaltung für Eltern zum Thema "Sprachentwicklung und Sprachförderung in zweisprachigen Familien".

meet - Mülheimer Erziehungsdialoge und Elterntische
Im meet-Projekt - meet steht für Mülheimer Erziehungsdialoge und Elterntische - erhielten 14 mehrsprachige Frauen und Männer eine Schulung als Moderatorinnen bzw. Moderatoren von sogenannten Elterntischen. Für einen Elterntisch lädt eine Gastgeberfamilie vier bis sechs Gäste zu einer Diskussionsrunde über ein vorher festgelegtes Erziehungsthema - zumeist zu sich nach Hause - ein. Ein bei der Koordinationsstelle anzufordernder meet-Moderator oder eine meet-Moderatorin begleitet das Treffen. Zum Ende der Gesprächsrunde wird verabredet, welcher Gast den nächsten Elterntisch ausrichtet, zu dem er wieder andere Eltern einlädt. Auf diese Weise wird das erarbeitete Wissen von einem Elterntisch an den nächsten weitergegeben.

Werkstattwoche "Eppinghofens guter Start in den Tag"
Eine weitere Aktivpartner-Gruppe gab den Anstoß für eine jährliche Werkstattwoche, die jedes Jahr zu einem anderen Thema veranstaltet wird. Die Woche unter dem Titel "Eppinghofens guter Start in den Tag" zum Thema „gesundes Frühstück“ enthielt 2011 30 Programmpunkte, zum Beispiel ein gemeinsames Frühstück der Oberbürgermeisterin und eines Beigeordneten mit Kindern im Rathaus, Brotback- und Marmeladekochaktionen, die Herstellung von Säften und die Verkostung exotischer Früchte. Das Wochenabschlussfest mit Aufführung des Werkstatt-Rap "Morgens früh um sechs kommt die kleine Hex" zog 120 Besucherinnen und Besucher an. "Dass die Veranstaltungen einen Werkstattcharakter hatten, war sicherlich mit ausschlaggebend dafür, dass viele Netzwerkpartnerinnen und -partner dabei waren", sagt Dr. Sonja Clausen. "Es muss nicht alles perfekt sein. Alle Beteiligten können nach eigenen Kräften und Ressourcen mitmachen. Dadurch bleibt der Spaß- und damit der Motivationsfaktor hoch."

Informationsveranstaltungen für Eltern

Je nach Bedarf arbeiten die Netzwerkbeteiligten aus den Bildungspartnerschaften in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. So kooperierten Elterncafés, die meist an Kitas oder Schulen angegliedert sind, mit unterschiedlichen Bildungspartnerinnen und -partnern, um Informationsveranstaltungen für Eltern anbieten zu können. Aus Fragestellungen, die die Besucherinnen und Besucher in den Cafés diskutierten, ergaben sich die Themen für die regelmäßigen Veranstaltungen. Es ging zum Beispiel um "Taschengeld und Konsumerziehung", "Kindergesundheit" oder "Geschwisterkonflikte". Es gab auch Praktisches, wie eine Anleitung zur Herstellung der türkischen Speise Börek oder Infos über das Projekt "Mobile Blitzmütter". Dahinter verbirgt sich eine Initiative von Bildungspartnerinnen und -partnern in Eppinghofen, namentlich der Kindertagesstätte FANTADU, der Grundschule am Dichterviertel, dem Amt für Kinder, Jugend und Schule sowie der Stadtteilkoordinatorin. Zwölf Mütter ließen sich als Kinderbetreuerinnen schulen und springen bei der Kinderbetreuung ein, wenn Eltern zum Beispiel Elterncafés oder Eltern-Infoveranstaltungen besuchen wollen.


  • Präsentationsveranstaltung der Werkstattwoche "Eppinghofen bewegt sich"

"Die Beispiele zeigen: Es geht darum, Impulse aufzunehmen, die von den Familien an die Bildungspartnerschaften herangetragen werden, und die Themen gleichzeitig möglichst in den Regelstrukturen zu verankern", sagt Dr. Sonja Clausen, der ihre Arbeit viel Spaß macht. "In unserem Stadtteil leben Menschen aus 90 Nationen, mit denen ich Kontakt habe. Das ist wie eine kleine Reise um die Welt und sehr bereichernd."











Jahresberichte

Die Bildungspartnerschaften dokumentierten ihre Arbeit in umfangreichen, gut gestalteten Jahresberichten. Sie geben anderen Initiativen Anregungen und zeigen den Projektbeteiligten in der jährlichen Zusammenschau, was die Bildungspartnerschaften insgesamt geleistet haben.

 

Verstetigungsprozess

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitieren vom Austausch in den Gruppen auch für ihre tägliche Arbeit und können die Stunden, die für die Gruppentreffen sowie die Planung und Umsetzung von Maßnahmen anfallen, zum Großteil während ihrer Arbeitszeit leisten. "Sie sind sehr daran interessiert, weiter zu machen - auch weil es noch so viel zu tun gibt", berichtet Sonja Clausen. "Eigentlich hatten mein Kollege und ich vor, die Koordinationsstelle dabei überflüssig zu machen." Doch das scheint vorerst nicht zu gelingen: "Im Moment kann ich mir kaum vorstellen, dass die Bildungspartnerschaften ohne eine zentrale Person auskommen, die die Fäden in der Hand behält und wenn es eng wird, auch Arbeit für die einzelnen Projekte übernimmt", meint die Stadtteilkoordinatorin. Dass die Arbeit auch nach Auslaufen der Projektförderung aus dem EIF fortgeführt werden kann, ist der von der Stadt Mülheim verwalteten Leonhard-Stinnes-Stiftung zu verdanken. Hier zeigt sich, dass die Kooperation zwischen Stiftungen und Kommunen äußerst fruchtbar sein kann.

 

Erfolgsfaktoren

Der ressourcenorientierte Ansatz, der auch in der Zusammenarbeit unter den Projektbeteiligten gelebt wird, sei bei den Bildungspartnerschaften in Eppinghofen und Styrum ein zentraler Erfolgsfaktor: "Wir konzentrieren uns auf unsere Potenziale und arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Wir haben viele Dinge einfach ausprobiert, haben sie im Kleinen, mit wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern umgesetzt und geschaut, ob die Idee trägt. Es ist toll, Ideenschmiede sein zu dürfen." Es gelte dabei aber auch, das Maß zu wahren: "Die Projektarbeit muss leistbar bleiben und alle Beteiligten müssen etwas davon haben, dann machen sie auch mit." Iris Hofmann machte die Erfahrung, dass es wichtig ist, die Koordination Personen anzuvertrauen, die den Vernetzungsprozess mit viel Fingerspitzengefühl angehen. "Das ist ein hoch sensibler Bereich, da die Netzwerkpartnerinnen und -partner leicht das Gefühl bekommen können, ihre bisherige Arbeit werde nicht Wert geschätzt. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren sollten sich als Unterstützerinnen und Unterstützer verstehen, die neue Verknüpfungen herstellen und die Grundlage dafür schaffen, Dinge gemeinsam weiter zu entwickeln." Dann führe der Prozess vielfach zu Effizienzsteigerungen. Auch die organisatorische Ansiedlung des Projektes sei von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Arbeit, sagt Iris Hofmann. Die Stadt Mülheim verortete das Projekt direkt beim Beigeordneten Ulrich Ernst im Dezernat für Bildung, Soziales, Jugend, Gesundheit, Sport und Kultur. Durch seine Teilnahme an vielen Veranstaltung der Bildungspartnerschaften dokumentierte Ulrich Ernst die Bedeutung und Wertigkeit der in den beiden Stadtteilen geleisteten Arbeit. Die Betreuung seitens der Koordinierungsstelle im Referat erleichterte die Zugänge zu den tangierten Fachämtern in der Verwaltung und zu den etablierten Akteuren in den beiden Stadtteilen.

 

Träger

Die Bildungspartnerschaften in Eppinghofen und Styrum sind eine Initiative der Stadt Mülheim an der Ruhr. Sie werden von der Koordinierungsstelle Integration geleitet und sind im Dezernat für Bildung, Soziales, Jugend, Gesundheit, Sport und Kultur des Beigeordneten Ulrich Ernst angesiedelt.

 

Ansprechpartnerin / Kontaktdaten

Dr. Sonja Clausen
Mülheimer Gesellschaft für soziale Stadtentwicklung mbH
Bildungsnetzwerk Eppinghofen
Heißener Straße 16-18
45468 Mülheim an der Ruhr
Tel.: 0208 455 5190
E-Mail: sonja.clausen(at)muelheim-ruhr.de

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