Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Praxis vor Ort

Beispiel guter Praxis:
Jülich: DORV-Zentrum

Die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungsangeboten ist insbesondere in Dörfern immer schwieriger aufrechtzuerhalten. In Jülich-Barmen wurden die Bürger aktiv, sie gründeten ein DORV-Zentrum zur „ortsnahen Rundumversorgung“.

 

Ausgangssituation und Konzept


In Dörfern und ländlichen Gegenden stellt sich immer öfter die Frage, wie die Grundversorgung erhalten bleiben kann und wie Dienstleistungen vor Ort angeboten werden können. Dieses Problem tritt besonders dann zu Tage, wenn sich die bisherigen Anbieter zurückziehen und Geschäfte schließen. Lohnt es sich nicht mehr, einen kleinen Lebensmittelladen oder eine Bäckerei zu betreiben, da die Kundschaft kleiner und die Konkurrenz im Umland größer wird, ist die ortsnahe Versorgung in Gefahr. Für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ist die Versorgung mit Lebensmitteln vor Ort jedoch unverzichtbar. Hierzu gehören nicht nur ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen, sondern oft auch Familien mit kleineren Kindern.

Vor diesen Problemen stand man auch in Jülich-Barmen: mehrere kleine Läden, der Bäcker und der Metzger hatten bereits geschlossen, als auch noch die Filialen von Post und Sparkasse ihre Präsenz vor Ort aufkündigten. „Zuletzt hatten wir nur noch einen Friseur und eine Gaststätte. Als die Sparkasse schloss, hieß es, dass man sich das Geld ja auch von Verwandten mitbringen lassen könne“ so Heinz Frey, der diese Sicht nicht teilte und aktiv wurde: er initiierte die Gründung des Vereins „DORV – Dienstleistung und Ortsnahe RundumVersorgung“. Ziel des Vereins war es, die Bürgerinnen und Bürger mit Lebensmitteln, Alltagsprodukten und allen notwendigen Dienstleistungen vor Ort zu versorgen. Dies sollte durch den Aufbau eines Zentrums ermöglicht werden, das Lebensmittel des täglichen Bedarfs und zusätzlich Dienstleistungen und bürgernahe soziale und medizinische Angebote bereit hält – sozusagen ein erweiterter Tante-Emma-Laden.

 

Umsetzung vor Ort

Das DORV-Zentrum in Barmen besteht heute aus einem Lebensmittelgeschäft mit Bäckerei und Metzger, einer automatengestützten Sparkassenpräsenz, einem Café und einer hausärztlichen Zweitpraxis. Doch auch wer Unterstützung bei Verwaltungsangelegenheiten benötigt, wird hier fündig: mit Hilfe eines täglichen Kurierdienst werden Führerschein- und KFZ-Anmeldungen zur Kreisverwaltung geschickt und am nächsten Tag zurückgebracht. Ist ein Besuch der Verwaltung nicht zu umgehen, wird ein Termin organisiert, ältere Menschen erhalten bei Bedarf Hilfe bei der Anfahrt mit dem ÖPNV.

Durch die räumliche Bündelung von Lebensmittelhandel und Dienstleistungen im DORV-Zentrum bieten sich Vorteile für alle Teilnehmenden. Brauchten früher Bäcker, Metzger, Post und Lebensmittelladen jeweils eigene Räume und Personal, kann dies heute unter einem Dach gemeinsam angeboten werden. Dadurch wird weniger Raum und weniger Personal benötigt, wodurch die Kosten gesenkt werden können. Entsprechend werden auch in Barmen alle Dienstleistungen mit eigenem Personal bearbeitet: „Wir bieten an einer einzigen Ladentheke an, was früher in sieben oder acht Läden angeboten wurde“, so Heinz Frey. Da an dieser Ladentheke nur noch zwei Personen benötigt werden, bieten sich enorme Kostenersparnisse.

  • Heinz Frey
Schnell zeigte sich, dass sich nicht nur ältere Menschen von dem neuen Angebot angesprochen fühlten, sondern dass auch junge Familien davon profitieren. „Den Eltern bietet sich zum Beispiel durch das gebündelte Angebot die Möglichkeit, noch schnell Einkäufe zu erledigen, bevor oder nachdem sie das Kind von der KiTa abholen“ so Heinz Frey. Insbesondere vom Lebensmittelsortiment, das soweit möglich aus regionalen und frischen Waren besteht, fühlen sie sich angesprochen, hinzu kommt, dass die Fahrt in das Einkaufszentrum im Umland wegfällt.

Die Strukturen des DORV-Zentrums erlauben es, regionale Anbieter mit einzubinden – ob aus Handwerk, Landwirtschaft oder der Dienstleistungsbranche. Dies sorgt nicht nur für regelmäßigen Nachschub und frische Ware, sondern bietet auch die Chance, regionale Arbeitsplätze zu sichern und stärkt den gemeinschaftlichen Zusammenhalt vor Ort. Durch diese regionale Wertschöpfung können Qualität als Standortvorteil genutzt und zudem viele Transportkilometer eingespart werden.

Dies wiederum spielt dem umfassenden Konzept in die Hand, denn durch das DORV-Zentrum soll nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert werden. Es geht auch darum, den Lebensraum in den Dörfern zu stärken, die wirtschaftliche und kulturelle Identität der Dörfer zu erhalten und Nachhaltigkeit zu fördern. Immobilienwerte und Infrastruktur behalten ihren Wert.

Die Zentren sind Anlaufstelle und Treffpunkt im dörflichen Leben. Ältere Mitbürger können möglichst lebenslag in der gewohnten sozialen Umgebungen leben und werden gut versorgt; Kinder lernen wieder einkaufen. Ein DORV-Zentrum baut im besten Fall auf fünf Säulen auf:
  • Lebensmittel: Grundversorgung mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs, wie Obst, Gemüse, Brot, Backwaren, Fleisch, Wurstwaren und Molkereiprodukte
  • Dienstleistungen: Beispielsweise Banken, Post und Paketdienste; Verwaltungseinrichtungen, Krankenkassen, Versicherungen, aber auch Reisebüros und haushaltsnahe Dienstleistungen.
  • Soziales Angebot und medizinische Versorgung: Vermittlung und Koordinierung bestehender Angebote wie Altenpflege, Betreutes Wohnen, Tagesmütter, sowie Zahnärzte, Allgemeinmediziner und Apotheken.
  • Kommunikation: Treffpunkt im Quartier für alle Bürgerinnen und Bürger. Beispielsweise in einem Cafe im DORV.
  • Kulturangebot: Kooperationen mit bestehenden Anbietern, wie etwa die VHS, aber auch eigene Angebote z.B. im Cafe.

 

Übertragbarkeit auf andere Kommunen

Nach erfolgreichem Start in Jülich-Barmen zeigten andere Kommunen Interesse an diesem multifunktionalen Versorgungskonzept. Die seitdem entstandenen DORV-Zentren zeigen, dass es auch auf andere Städte und Kommunen übertragen werden kann. Durch die Flexibilität bietet sich ein DORV-Zentrum überall dort an, wo Bedarf besteht und Bürger aktiv werden – bis hin zur finanziellen Beteiligung über Bürgeraktien.

Es stellte sich jedoch heraus, dass dieser Bedarf nicht nur in Dörfern besteht, sondern auch in Stadtrandgebieten. Das „DORV-in-der-Stadt“ ist etwas anders ausgerichtet und trägt den Namen „QuartVier-Zentrum“; das erste QuartVier wurde im Dürener „Grüngürtel“ eröffnet.

Haben Kommunen Interesse, bietet ein Kompetenzteam, das aus den Initiatoren des ersten DORV-Zentrums hervorging, Hilfe bei der Einführung eines DORV-Zentrums an. Diese kostenpflichtige Unterstützung besteht aus einer Basisanalyse und aus einer Bedarfsanalyse. In weiteren Schritten folgen bei Bedarf unter anderem die Einrichtungsplanung, ein Finanzierungs- und Betreiberkonzept sowie weitere Unterstützung bis hin zur Begleitung des Alltagsbetriebs.

 

Ansatzpunkte für Unterstützung durch Kommunen

Für Kommunen bieten sich viele Ansatzpunkte, über die ein DORV-Zentrum unterstützt werden kann. Dies beginnt bei der Vermittlung von Immobilien und endet in der Kooperation in Verwaltungsangelegenheiten oder sozialen Dienstleistungen, wie es in Barmen geschieht.

Durch ein DORV-Zentrum bietet sich eine Möglichkeit, positiv und gestalterisch auf Leerstand oder das Schwinden der Infrastruktur vor Ort einzuwirken. In Barmen kam ganz ohne Förderung aus. Heinz Frey sieht eine mögliche finanzielle Unterstützung auch kritisch: „Immobilien und Einrichtungen können gefördert werden, aber im Alltagsbetrieb sollte das DORV-Zentrum dauerhaft keine Subventionen erhalten. Sonst ist man schnell wieder von anderen abhängig.“

Die Zusammenarbeit von privater Wirtschaft, öffentlicher Hand und den Bürgerinnen und Bürgern kann so eine nachhaltige Existenz sichern, in der auch jeder Partner seinen eigenen Vorteil sehen darf.
In Barmen gründete man damals einen Verein, aus diesem ging wiederum eine GbR hervor, welche das DORV-Zentrum als GmbH betreibt. Auch bei der Gründung können Anreize und Unterstützung aus der Kommune hilfreich sein.


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