Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Integration

Soziale Lage von Familien mit Zuwanderungsgeschichte und Bildungsbeteiligung von Kindern

von Holger Wunderlich

Daten aus Familienbefragungen in 15 nordrhein-westfälischen Kommunen bieten die Möglichkeit, in kleinräumigen Analysen den Zusammenhang zwischen Bildungsbeteiligung, Zuwanderungsgeschichte und sozialer Lage für insgesamt 2.697 Familien zu untersuchen.
Familien mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zu Familien ohne Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig einkommensarme Familien. Erklärt wird dies in der Regel mit einem formal niedrigeren Bildungsniveau, einer niedrigeren beruflichen Stellung und höheren Anteilen arbeitsloser bzw. in prekären Beschäftigungsverhältnissen stehender Eltern in diesen Familien. Weiterhin ist nachgewiesen, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund ihre Schullaufbahn vergleichsweise selten mit dem Abitur und häufiger mit einem formal niedrigeren (oder keinem) Schulabschluss beenden. Diese Ergebnisse können auch mit den im Rahmen der Projektaktivitäten des Teams Familienberichterstattung (früher angesiedelt beim Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR), heute Teil der Faktor Familie GmbH) erhobenen Daten nachgewiesen werden.

Die Daten der Familienbefragungen in 15 Kommunen Nordrhein-Westfalens enthalten Informationen über die Familienhaushalte als Ganzes (wirtschaftliche Lage, etc.) sowie Informationen über die im Haushalt lebenden Erwachsenen (Bildung, berufliche Stellung, Erwerbstätigkeit) und Kinder (Bildungsbeteiligung). Zusammen mit der Möglichkeit, den Migrationshintergrund der Familien entsprechend ihrem Herkunftsland zu differenzieren, können zwei Fragen beantwortet werden, die in der Diskussion um Familien mit Migrationshintergrund eine wichtige Rolle spielen. Erstens: Gibt es Unterschiede zwischen den Migrantenfamilien entsprechend ihrem Herkunftsland und wenn ja, welche? Zweitens: Welche Rolle spielt das Merkmal Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen Merkmalen tatsächlich bei der Bildungsbeteiligung der Kinder? Beide Fragen können zudem dahingehend beantwortet werden, ob es Unterschiede zwischen den (an der Familienbefragung beteiligten) Kommunen gibt.

 

Unterschiede nach Herkunftsland

In der Regel wird ganz allgemein von den Familien mit Migrationshintergrund gesprochen. Die Familie mit Migrationshintergrund gibt es allerdings nicht. Unterscheiden wir die Familien nach ihrem Herkunftsland, so wird anhand der im Rahmen der Familienbefragungen erhobenen Daten deutlich, dass sich die sozioökonomischen Merkmale der Migrantinnen und Migranten je nach Herkunftsland zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Im Vergleich zu Familien ohne Migrationshintergrund weisen zwar alle Gruppen von Familien mit Migrationshintergrund einen niedrigeren Bildungsstatus, eine niedrigere berufliche Stellung und ein niedrigeres Äquivalenzeinkommen auf, allerdings gibt es deutliche Niveauunterschiede.

Um die Familien ohne Migrationshintergrund und die Familien mit Migrationshintergrund entsprechend ihrem Herkunftsland gut miteinander vergleichen zu können, haben wir die Merkmale Bildungsstatus, berufliche Stellung und Äquivalenzeinkommen (also ein entsprechend der Haushaltsgröße und -zusammensetzung gewichtetes Einkommen) für Abbildung 1 vergleichbar gemacht. Dafür haben wir die entsprechenden Angaben so transformiert, dass der Durchschnitt über alle Gruppen gleich Null gesetzt wird und die mittlere Abweichung der Einzelwerte gleich eins ist. So entstehen für die fünf betrachteten Gruppen Lebenslageprofile, anhand derer die einzelnen Merkmale für die jeweilige Gruppe als unter- ober überdurchschnittlich eingeordnet und zwischen den Gruppen miteinander verglichen werden können.

Am stärksten von den Familien ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund. Sie weisen mit einem deutlichen Abstand den niedrigsten formalen Bildungsstatus auf und sind durch eine ebenfalls deutlich unterdurchschnittliche berufliche Stellung gekennzeichnet (bei Paarhaushalten wird der jeweils höchste Bildungsabschluss sowie die höchste berufliche Stellung zu Grunde gelegt). Beides zusammen führt zu einem deutlich unterdurchschnittlichen Äquivalenzeinkommen. Als nächstes soll die Gruppe der Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund mit den anderen Gruppen verglichen werden. Es zeigt sich, dass der durchschnittliche Bildungsstatus in den drei letztgenannten Gruppen im Verhältnis zu Familien ohne Migrationshintergrund zwar unterdurchschnittlich, im Vergleich zu den Familien mit türkischem Migrationshintergrund jedoch deutlich höher einzuordnen ist. Bei der beruflichen Stellung ist dieser Niveauunterschied ebenfalls zu beobachten. Auffällig ist, dass das Äquivalenzeinkommen der Familien mit einem polnischen Migrationshintergrund nur leicht unterdurchschnittlich ist. Im Vergleich zu den ebenfalls mit einem höheren Bildungsniveau und einer höheren beruflichen Stellung gekennzeichneten Familien mit einem russischen bzw. einem GUS-Migrationshintergrund und einem „jugoslawischen“ Migrationshintergrund gelingt es den Eltern mit einem polnischen Migrationshintergrund also offensichtlich eher, ihr höheres Bildungsniveau und ihre höhere berufliche Stellung auch in ein entsprechend höheres Einkommen umzusetzen.

 

Inter- und intrakommunale Unterschiede

Im Diskurs über Integrationspolitik und Integrationsförderung ist es zum Topos geworden, dass die soziale Integration von Migrantinnen und Migranten „vor Ort“ stattfindet. Vor Ort, in den Kreisen, Städten und Gemeinden, zeigt sich, ob und in welchem Ausmaß sie sich in die Stadtgesellschaft sozial integrieren (können).

Zwei Merkmale, die als wichtige Voraussetzung für eine gelingende Integration diskutiert werden, sind das Bildungsniveau und die Einkommenssituation von Migrantinnen und Migranten. Bedeutsam mit Blick auf integrations- und familienpolitische Fragen ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie groß die Unterschiede zwischen Familien mit und ohne Migrationshintergrund bzgl. dieser beiden Merkmale sind. Um diese Fragen empirisch beantworten zu können, haben wir für jede Kommune die durchschnittliche Bildungsbeteiligung (in Jahren) und das durchschnittliche Äquivalenzeinkommen der Familien ohne und mit Migrationshintergrund verglichen.

Es lässt sich nachweisen, dass in allen im Rahmen der Familienbefragung in Nordrhein-Westfalen erfassten Kommunen sowohl die durchschnittliche Bildungsbeteiligung als auch das durchschnittliche Äquivalenzeinkommen der Familien mit Migrationshintergrund unter den jeweiligen Werten für Familien ohne Migrationshintergrund liegen.

Darüber hinaus zeigt sich allerdings auch, dass es extrem große Unterschiede bzgl. des Niveaus dieser Differenz zwischen den Kommunen gibt. Bei der durchschnittlichen Bildungsbeteiligung liegen die Differenzen zwischen den Familien mit bzw. ohne Migrationshintergrund in den hier berücksichtigten Kommunen zwischen 0,1 Jahren und 1,2 Jahren, beim Äquivalenzeinkommen zwischen 181 Euro und 380 Euro. Es gibt also auf der einen Seite Kommunen, in denen sich die Ergebnisse der Familien mit Migrationshintergrund vergleichsweise wenig von den Familien ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Auf der anderen Seite gibt es Kommunen, in denen die Niveauunterschiede vergleichsweise groß sind.

Mit dem Wissen um diese Niveauunterschiede sind jeweils spezifische Herausforderungen an kommunal ansetzende integrations- und familienpolitische Bemühungen verbunden. Dabei ist in den jeweiligen Kommunen selbstverständlich auch die Lage der Familien ohne Migrationshintergrund (als Vergleichgruppe) zu berücksichtigen.

 

Bildungsbeteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund

Kinder aus Migrantenfamilien besuchen häufiger eine Haupt- und Realschule und seltener ein Gymnasium als Kinder ohne Migrationshintergrund. Dies belegen neben zahlreichen Studien auch die Familienberichte in nordrhein-westfälischen Kommunen. Wie groß aber ist der Einfluss des Merkmals Migrationshintergrund tatsächlich? Um diese Frage für die an der Familienberichterstattung beteiligten Kommunen zu beantworten, haben wir das statistische Verfahren der logistischen Regression angewendet. Unter Einbezug der Merkmale Bildungsstatus des Haushalts, berufliche Stellung der Eltern, wirtschaftliche Lage und Migrationshintergrund lässt sich mit Hilfe dieses Verfahrens prüfen, zu welchem Anteil sich der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium durch diese Merkmale erklären lässt und wie stark der Einfluss der einzelnen Merkmale ist.

Für alle Kommunen lässt sich der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium mit den genannten Merkmalen zu 26 Prozent erklären, wobei die Erklärungskraft in den einzelnen Kommunen zwischen 17 und 44 Prozent schwankt. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund, in denen die Eltern das höchste Bildungsniveau und die höchste berufliche Stellung und das höchste Äquivalenzeinkommen aufweisen, am häufigsten das Gymnasium besuchen (Referenzgruppe). Anhand unserer Berechnungen wird dann deutlich, dass mit einem niedrigeren Bildungsstatus, einer niedrigeren beruflichen Stellung und einem niedrigeren Äquivalenzeinkommen statistisch signifikant weniger Kinder von der Grundschule auf das Gymnasium wechseln. Auch das Merkmal Migrationshintergrund weist in dem hier berechneten Modell einen statistisch signifikanten Einfluss auf, allerdings einen anderen als häufig diskutiert. 

Unter Kontrolle der Merkmale Bildungsstatus der Eltern, berufliche Stellung der Eltern und Äquivalenzeinkommen des Haushalts (wir vergleichen also nur Gleiches mit Gleichem) wechseln Kinder aus Migrantenfamilien häufiger(!) als Kinder ohne Migrationshintergrund von der Grundschule auf das Gymnasium.

Mit anderen Worten: Weil Familien mit Migrationshintergrund häufiger ein geringeres Äquivalenzeinkommen aufweisen und Eltern mit Migrationshintergrund seltener als Eltern ohne Migrationshintergrund über einen höheren formalen Bildungsstatus verfügen und seltener eine höhere berufliche Stellung haben, gehen Kinder aus diesen Familien nach der Grundschule seltener auf das Gymnasium. Halten wir diese drei Merkmale jedoch konstant (vergleichen also Fälle mit gleichem Äquivalenzeinkommen, identischer beruflicher Stellung und gleicher Bildungsqualifikation ), so zeigt sich, dass Kinder mit Migrationshintergrund sogar häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund von der Grundschule auf das Gymnasium wechseln!

 

Unterschiede zwischen Kommunen

Wenden wir das skizzierte Modell nicht für alle Kommunen an, sondern betrachten einzelne Kommunen, so werden wiederum Unterschiede zwischen den Kommunen deutlich. Für die drei Merkmale Bildungsstatus, berufliche Stellung und Äquivalenzeinkommen gilt, dass (anders als im Modell für alle Kommunen) nicht in jeder Kommune alle drei Merkmale einen statistisch signifikanten Einfluss zeigen. Es gibt Kommunen, in denen alle drei Merkmale der Eltern einen statistisch signifikanten Zusammenhang mit dem Besuch des Gymnasiums aufzeigen. Es gibt aber auch Kommunen, in denen „nur“ eines oder zwei der Merkmale statistisch signifikante Zusammenhänge aufweisen. Auch bezüglich des Merkmals Migrationshintergrund gibt es Unterschiede. In drei der Kommunen gehen Kinder aus Migrantenfamilien (unter Kontrolle der anderen Merkmale) häufiger als Kinder ohne Migrationshintergrund nach der Grundschule auf das Gymnasium. In den anderen zwölf Kommunen gilt dieser Zusammenhang nicht. Hier gibt es keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Merkmal Migrationshintergrund und dem Besuch des Gymnasiums. Dies bedeutet allerdings auch, dass es keinen negativen Zusammenhang gibt. Zumindest bei der Frage des Übergangs von der Grundschule zum Gymnasium lässt sich also festhalten, dass das Merkmal Migrationshintergrund keinen negativen, sondern wenn überhaupt einen positiven Einfluss auf die Chance hat, dass Kindern das Gymnasium besuchen. Letztlich bedeutet dies, dass das Merkmal Migrationshintergrund nur eine vermittelnde Funktion hat und die entscheidenden Merkmale die sozialstrukturellen Kategorien Bildung, berufliche Stellung und Äquivalenzeinkommen sind.


Autor:

Holger Wunderlich
Geschäftsführer der FaktorFamilie GmbH in Bochum.


Erstellungsdatum: 11.12.2008
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